Warum Sänger Grimassen schneiden

Die ausgeprägte Mimik vieler Sänger während eines Auftritts ist keine reine Effekthascherei: Sie vermittelt zusätzliche Informationen über die dargebotene Musik, hat ein kanadisch-australisches Psychologenduo entdeckt. Entscheidend sind dabei hauptsächlich die Bewegungen des Kopfs, der Augenbrauen und der Lippen ? sie verraten den Zuschauern, wie groß die Intervalle zwischen zwei aufeinanderfolgenden Tönen sind. Ob der Effekt auf die Muskelanspannung beim Singen zurückgeht oder ob der Sänger damit unbewusst etwas vermitteln will, können die beiden Wissenschaftler allerdings noch nicht sagen.
Die Psychologen ließen drei Sängerinnen verschiedene Tonintervalle singen und nahmen sie dabei auf Video auf. Diese Aufnahmen zeigten sie anschließend 17 Freiwilligen, ohne jedoch den Ton abzuspielen, und baten sie, die Größe des jeweils gesungenen Intervalls auf einer Skala zwischen 1 und 7 zu bewerten. Die Probanden erkannten die unterschiedlichen Abstände zwischen den gesungenen Tönen im Durchschnitt mit einer hohen Zuverlässigkeit, ergab die Auswertung. Verantwortlich dafür waren nach Ansicht der Forscher die Kopf-, Augenbrauen- und Lippenbewegungen der Sängerinnen: Sie waren umso ausgeprägter, je größer das gerade gesungene Intervall war.

Zur Frage, wie diese Zusatzinformation in die Mimik hineinkommt, haben die Psychologen verschiedene Theorien. So versuche der Sänger möglicherweise unbewusst oder bewusst, Sprünge in der Tonhöhe zu betonen, indem er deren Größe in mehr oder weniger ausgeprägte Bewegungen übersetzt. Damit könne auch vermittelt werden, dass die Veränderung in der Tonhöhe beabsichtigt ist und eine Reaktion vom Zuhörer verlangt. Andererseits könnten die Bewegungen von Kopf und Gesicht auch die innere Erregung des Sängers widerspiegeln, die unter anderem vom Verlauf einer Melodie und der Größe der Tonsprünge beeinflusst wird.

Möglicherweise haben die Bewegungen jedoch auch eine rein physikalische Funktion und helfen dabei, die Töne optimal zu singen. So müssen etwa für einen Übergang von einem tiefen zu einem hohen Ton die Muskeln des Stimmtraktes sehr viel stärker umpositioniert werden als bei zwei Tönen mit einer ähnlichen Tonhöhe. Das zeige sich dann auch in einer stärkeren Mimikveränderung, so die Forscher. Wie auch immer die Erklärung lautet, für die Psychologen steht fest, dass die Konzentration auf die Akustik zumindest im Fall von Vokalmusik zu kurz greift und nicht alle Facetten erfassen kann.
William Forde Thompson ( Macquarie-Universität, Sydney) und Frank Russo ( Ryerson-Universität, Toronto): Psychological Science, Bd. 18, Nr. 9

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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