Skurril: Wasserschnecke "fliegt" durchs Wasser

Die Flügelschnecke Limacina helicana (Foto: NOAA, Russ Hopcroft/ University of Alaska Fairbanks)
Flügelbewegungen der Schnecke Limacina helicana (Foto: David Murphy)

Wenn die Flügelschnecken durch das Wasser des Polarmeeres schwimmen, ähneln sie eher bizarren Elfen als ihren eher schwerfälligen Schneckenverwandten – dafür sorgen schon ihre großen, zarten Schwimmflügel. Jetzt zeigt sich, dass diese Meerestiere tatsächlich eher fliegen als schwimmen: Sie bewegen ihre beiden Flügel ganz ähnlich wie Insekten und erzeugen auch ihren Auftrieb auf Fliegenart.

Die Flügelschnecke Limacina helicana hat schon in ihrem Verhalten nur wenig mit den herkömmlichen Schnecken gemeinsam: Statt gemächlich auf ihrem fleischigen Fuß umherzukriechen, schwimmen diese Meerestiere frei im offenen Wasser der polaren Ozeane – und das mitsamt ihres knapp einen Zentimeter großen Gehäuses. Als Schwimmhilfe haben die Flügelschnecken zudem ihren Fuß zu zwei dünnen Lappen umgebildet. Deren flügelähnlichem Aussehen verdanken sie ihren Beinamen Seeschmetterling. Und auch die Nahrungsgewohnheiten von Limacina helicana sind für Schnecken ziemlich ungewöhnlich: Statt den Untergrund abzuweiden, erzeugen die schwimmenden Schnecken ein Netz aus Schleim, mit dem sie kleine Plankton-Organismen einfangen. Während dieser Zeit verharren die Schnecken meist still im Wasser und bewegen sich kaum. Zu anderen Zeiten aber können sie durchaus aktiv umherschwimmen – angetrieben von ihren lappigen Schwimmflügeln.

Welche Schwimmtechnik die Schnecken dabei nutzen, blieb jedoch bisher unklar, denn die Tiere sind eher selten und zudem so fragil, dass schon der Transport ins Labor keine einfache Aufgabe darstellt. David Murphy vom Georgia Institute of Technology in Atlanta hat den Versuch jedoch gewagt und eigens für die Flügelschnecken ein Becken konstruiert, in dem er ihre Schwimmbewegungen mittels Hochgeschwindigkeits-Kameras aufzeichnen konnte. Dafür modifizierte der Forscher den Boden des Beckens so, dass er eine V-förmige Struktur bildete, die die Schnecken dazu zwang, möglichst in der Mitte des Aquariums nach oben zu schwimmen. Vier Kameras erfassten dabei die Schwimmbewegungen von allen Seiten. "Bei dieser Art von Freischwimm-Experiment ist es ganz normal, dass man bei 30 Versuchen nur drei verwertbare erhält", sagt Murphy. "Aber wir hatten Glück! Die Tiere halfen uns sogar, indem sie in jeweils anderer Ausrichtung schwammen, so dass wir sie aus verschiedenen Perspektiven beobachten konnten."

Achterschlag statt Paddelzug

Als Murphy und seine Kollegen die Aufnahmen auswerteten, entdeckten sie Überraschendes: Die Flügelschnecken schwammen nicht wie andere Vertreter des Zooplanktons, die sich mit Paddelbewegungen durch das Wasser schieben. Stattdessen bewegen sie ihre Flügellappen eher wie ein fliegendes Insekt. "Ihr Flügelschlag entspricht dem, was beispielsweise Fruchtfliegen tun", so Murphy. Wie er feststellte, zeichnet Limacina mit ihren Flügellappen jeweils eine Acht ins Wasser und hebt beide Lappen dabei an, bis sie sich fast berühren. Anschließend ziehen die Schnecken die Flügel wieder auseinander und saugen dadurch Wasser in den v-förmigen Bereich dazwischen. Wie die High-Speed-Aufnahmen enthüllten, bilden sich dadurch Unterdruckwirbel an den Flügelenden, die die Schnecken nach oben ziehen.

"Es hat mich wirklich überrascht, dass sich die Seeschmetterlinge damit als eine Art Ehren-Insekt erweisen", sagt Murphy. Die Tatsache, dass Limacina die gleiche Flugtechnik nutzt wie eine Fruchtfliege, liefert aber nicht nur Informationen über die skurrilen Flügelschnecken, sie trägt auch dazu bei, den Flug der kleinen Fliegen aufzuklären. "Bisher hat es keiner geschafft, den Luftstrom um ein solches Insekt zu messen, während es fliegt", erklärt der Biologe. Weil aber die größere und langsamere Flügelschnecke das gleiche Prinzip nutzt, kann sie als physikalisches Modell dienen.

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Abonnement abschließen

und Vorteile genießen

weiter

Rubriken

Der Buchtipp

Wissensbuch des Jahres 2016
Einsteins Berliner Jahre waren in jeder Hinsicht wegweisend: Er arbeitete an seiner bahnbrechenden Theorie der Gravitation, erwies sich als konsequenter Pazifist, und er fand eine neue Liebe. Thomas de Padovas Buch setzt diese Zeit eindrucksvoll in Szene.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe