Von Mitgefühl und gefühltem Sehen

Synästhetiker mit einer Kopplung zwischen Sehsinn und Tastsinn können sich überdurchschnittlich gut in andere hineinversetzen, zeigt eine Studie eines britischen Forscherduos. Diese Art der Synästhesie, bei der eine bei einem anderen Menschen beobachtete Berührung am eigenen Körper gespürt wird, ist sehr selten und entsteht, weil ein für die Beobachtung von anderen zuständiges Netzwerk im Gehirn überreagiert. Wie die ungewöhnlich ausgeprägte Empathie bei den Betroffenen zeigt, scheint dieses Netz aus Hirnarealen auch die Grundlage der für Menschen unverzichtbaren Fähigkeit zu sein, mit anderen mitzufühlen, erklären Michael Banissy und Jamie Ward vom University College in London.
Banissy und Ward spürten insgesamt zehn Freiwillige mit der ungewöhnlichen Synästhesie-Form auf und unterzogen sie einem Test: Während ein Mitarbeiter entweder ihre linke oder ihre rechte Wange berührte, sahen sie Bilder eines Gesichts, dessen Wange ebenfalls berührt wurde. Angewiesen, die Bilder zu ignorieren, sollten die Probanden anschließend angeben, auf welcher Seite sie selbst berührt worden waren.

Solange Bild und tatsächliche Berührung übereinstimmten, fiel den Testteilnehmern die Antwort nicht mehr oder weniger schwer als einer Kontrollgruppe, in der es keine Synästhetiker gab. Sahen die Probanden jedoch eine Berührung auf der Seite, an der sie selbst nicht berührt worden waren, zögerten sie mit ihrer Antwort und machten mehr Fehler als die Kontrollgruppe. Das zeige eindeutig, dass sich die beobachtete Berührung für die Synästhetiker ebenso real anfühlte wie die tatsächliche, lautet das Fazit der Forscher. Im zweiten Teil der Studie ließen sie ihre Probanden schließlich noch einen Fragebogen zum Thema Empathie ausfüllen. Das Ergebnis: Die Synästhetiker konnten deutlich besser mitfühlen, wie sich eine Situation für einen anderen anfühlt, und sich auch insgesamt emotional besser in ihn hineinversetzen als die Kontrollgruppe.

Verantwortlich für beide Effekte ? die Synästhesie und die Empathie ? sind wahrscheinlich so genannte Spiegelneurone, so die Forscher. Sie werden sowohl bei der Beobachtung einer Berührung aktiv als auch bei einer tatsächlichen Berührung, nur dass die Aktivität im zweiten Fall normalerweise größer ist. Bei den Synästhetikern überschreitet sie jedoch schon während der Beobachtung den Wert, ab dem es ein bewusstes Tastempfinden gibt, so dass die Beobachtung mit einem echten Berührungsgefühl gekoppelt ist. Das ermöglicht es den Betroffenen, die Erfahrungen eines anderen täuschend echt zu simulieren und damit auch, sich besser in ihn hineinzuversetzen.
Michael Banissy (University College in London) und Jamie Ward: Nature Neuroscience, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/nn1926

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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