Schlau durch Dick und Dünn

Intelligente Kinder unterscheiden sich von weniger begabten nicht durch die Größe, sondern durch die Flexibilität ihres Gehirns: Ihre Großhirnrinde verändert sich im Laufe ihrer Entwicklung deutlich stärker als die ihrer weniger intelligenten Altersgenossen, hat ein amerikanisch-kanadisches Forscherteam beobachtet. Da die Großhirnrinde für das Auswerten und Verknüpfen von Informationen zuständig ist, spiegelt dieser Unterschied möglicherweise die Effizienz wider, mit der das Gehirn Daten verarbeiten und auch wieder verwerfen kann.
Die Frage, ob die Intelligenz eines Menschen von seiner Gehirngröße abhängt, beschäftigt Wissenschaftler bereits seit vielen Jahren. Die bisherigen Ergebnisse dazu waren allerdings widersprüchlich: Einige Studien fanden einen direkten Zusammenhang zwischen bestimmten Facetten der Intelligenz und dem Gehirnvolumen, andere deuteten eher auf eine Korrelation zwischen der Anzahl der Gehirnzellen und der Intelligenz hin und wieder andere fanden überhaupt keinen Einfluss der Gehirngröße.

Möglicherweise spielt tatsächlich nicht die Größe des Gehirns die entscheidende Rolle, sondern die Art, wie sich das Gehirn während der Kindheit und Jugend entwickelt, legt nun die neue Studie nahe. Philip Shaw vom National Institute of Mental Health in Bethesda und seine Kollegen hatten dabei 307 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 19 Jahren beim Aufwachsen begleitet und immer wieder Aufnahmen ihrer Gehirne gemacht. Dabei zeigte sich ein deutlicher Trend: Bei den Kindern, die in Intelligenztests hervorragend abschnitten, variierte die Stärke der Großhirnrinde, auch Cortex genannt, mit dem Alter sehr viel stärker als bei Kindern mit einer durchschnittlichen Intelligenz.

So besaßen die intelligentesten Probanden im Alter von sieben Jahren eine im Vergleich sehr dünne Großhirnrinde, die sich jedoch während der nächsten vier Jahre rasch verdickte. Daran schloss sich eine sehr schnelle Abnahme der Stärke des Cortex an. Die weniger intelligenten Kinder starteten dagegen bereits mit einer dickeren Großhirnrinde, die dann allerdings schon im Alter von acht Jahren ihre maximale Stärke erreichte und anschließend nur langsam wieder an Dicke verlor.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die intelligenteren Kinder im Alter von sieben bis elf Jahren sehr viel mehr Informationen sammelten und diese in neue Nervenverbindungen im Cortex umwandelten als ihre Altersgenossen. Auch das anschließende Verwerfen überflüssiger Daten, das die Großhirnrinde wieder dünner werden lässt, funktioniert bei ihnen offenbar effektiver, so die Forscher. Sie wollen nun untersuchen, zu welchen Anteilen diese Unterschiede in der Gehirnentwicklung genetisch bedingt sind und wie stark sie durch die Umwelt beeinflusst werden können.
Philip Shaw (National Institute of Mental Health, Bethesda) et al.: Nature, Bd. 440, S. 676

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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