Was Geldscheine über Grippe verraten könnten

Krankheitserreger wandern auf ähnlichen Wegen von Mensch zu Mensch wie Geldscheine. Deutsche Wissenschaftler haben daher anhand der Ausbreitung von Banknoten ein mathematisches Modell für das menschliche Reiseverhalten entwickelt, aus dem auch auf die Verbreitung von Krankheitserregern geschlossen werden könnte. Die Daten hierfür lieferte ein amerikanisches Internetspiel, bei dem Menschen ihre Geldscheine registrieren und anschließend verfolgen, an welche Orte die Dollarnoten gelangen. Das neue Modell soll Fortschritte bei der Vorhersage der Ausbreitung von Seuchen wie der Vogelgrippe ermöglichen.
Auf der amerikanischen Internetseite www.wheresgeorge.com kann jeder seine Dollarscheine zum Spaß registrieren und angeben, wo er das Geld in Umlauf bringt. Anschließend verfolgen die Spielteilnehmer auf der Website, an welchen Orten die Scheine wieder auftauchen. Mittlerweile sind schon etwa 50 Millionen Dollarnoten in dem so genannten Bill-Tracking-System registriert.

Auf der Suche nach den Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich Reisende bewegen, werteten die Wissenschaftler um Dirk Brockmann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen die Daten der Website aus und entdeckten dabei, dass das menschliche Reiseverhalten überraschenderweise mit universellen Skalierungsgesetzen zu beschreiben ist, die auch in der Biologie und der Physik auftreten. Ihr Modell berücksichtigt, dass es heutzutage keine typische Skala für durchschnittlich zurückgelegte Entfernungen gibt, wie Brockmann in einem Gespräch mit ddp erläutert.

Anders war das beispielsweise im 14. Jahrhundert, als die Pest
große Teile der Bevölkerung Europas ausrottete: Damals konnten die Menschen nur wenige Kilometer am Tag zurücklegen. Heute nutzen die Menschen Autos, Flugzeuge oder Eisenbahnen, weshalb die Geschwindigkeiten und Reisewege bei der Ausbreitung von Krankheiten ganz andere sind als im Mittelalter. Für solche modernen Krankheitswellen existierte bislang kein zuverlässiges Modell.

Mithilfe der neu entwickelten Theorie könnten nun zum einen bestehende Modelle zur Seuchenausbreitung getestet werden, kommentiert Brockmann gegenüber ddp. Zum anderen könnten die Ergebnisse auch die Grundlage für neue, moderne Epidemie-Modelle bilden.
Dirk Brockmann (Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen) et al.: Nature, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/nature04292

ddp/wissenschaft.de ? Anna-Lena Gehrmann


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