Heilsame Schwangerschaft

Während einer Schwangerschaft können Stammzellen des Fötus ins Gehirn der Mutter eindringen. Dort scheinen die embryonalen Zellen krankes oder zerstörtes Gewebe zu ersetzen, haben Forscher aus China, Singapur und Japan bei einer Studie an Mäusen entdeckt. Die Beobachtung zeigt zum ersten Mal, dass fötale Zellen aktiv die Blut-Hirn-Schranke überqueren können. Sollte es beim Menschen einen ähnlichen Mechanismus geben, würde das ganz neue Möglichkeiten bei der Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer oder den Folgen eines Schlaganfalls eröffnen.
Bereits in früheren Studien hatten Forscher beobachtet, dass einige wenige Zellen eines heranwachsenden Fötus durch die Plazenta in den mütterlichen Blutkreislauf gelangen können ? ein Phänomen, das Mikrochimerismus genannt wird. Die embryonalen Zellen können zum Teil mehrere Jahrzehnte in der Haut, der Leber oder der Milz überleben und dort sogar Gewebeschäden reparieren. Aus Sicht der Evolution macht ein solches Geben-und-Nehmen zwischen Fötus und Mutter durchaus Sinn: Je gesünder die Mutter ist, desto bessere Überlebenschancen hat das Ungeborene. Da der Transport von Substanzen aus dem Blutkreislauf ins Gehirn jedoch über die Blut-Hirn-Schranke sehr streng kontrolliert und reguliert wird, galt es bislang als unwahrscheinlich, dass die fötalen Zellen auch ins Gehirn gelangen können.

Genau das haben die Forscher um Gavin Dawe von der Nationaluniversität von Singapur nun jedoch beobachtet: Sie kreuzten normale Mausweibchen mit genetisch veränderten Männchen, deren Zellen unter dem Mikroskop grün leuchteten. Als sie anschließend im mütterlichen Gewebe nach grün leuchtenden fötalen Zellen suchten, fanden sie auch einige im Gehirn. Eine genauere Analyse zeigte, dass sich dort aus den unspezialisierten Stammzellen alle Arten von Gehirnzellen entwickelt hatten ? von Stützzellen bis zu Neuronen. Interessanterweise waren die neuen Zellen dabei jedoch nicht gleichmäßig verteilt, sondern konzentrierten sich auf Areale, in denen die mütterlichen Zellen geschädigt waren.

Ob die neuen Hirnzellen tatsächlich funktionsfähig waren und warum sie sich in den verletzten Regionen ansammelten, können die Forscher bislang noch nicht sagen. Unklar sei auch, ob embryonale Zellen beim Menschen ähnliche Fähigkeiten besitzen, berichtet der "New Scientist". Um das zu testen, wollen die Wissenschaftler nun in Gehirngewebe verstorbener Frauen nach Zellen suchen, die ein männliches Y-Chromosom enthalten. Solche Zellen können nämlich nur von männlichen Föten stammen, so die Forscher. Sollte sich das bestätigen, könnten sich die fötalen Zellen als sehr vorteilhaft für die Behandlung von neuronalen Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer erweisen. Ein wesentlicher Vorteil wäre beispielsweise, dass die Zellen nur in den Blutkreislauf und nicht wie bei bisherigen Ansätzen direkt ins Gehirn gespritzt werden müssten. Von dort könnten sie sich dann selbstständig ihren Weg zur verletzten Region suchen.

New Scientist, 20.08.2005, S. 8

Originalarbeit der Forscher: Gavin Dawe (Nationaluniversität von Singapur) et al., Stem Cells (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1634/stemcells.2004-0169)
ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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