Gefangene der Gene

Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins (Foto: imago/CTK Photo)
Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins (Foto: imago/CTK Photo)

Vor 40 Jahren erschien in der Oxford University Press das inzwischen legendäre Buch von Richard Dawkins mit dem etwas merkwürdigen Titel „The Selfish Gene", zu Deutsch "Das egoistische Gen". Der 1941 in Nairobi geborene Brite war vor dieser Publikation ein schlichter Dozent für Zoologie in Oxford und nach dem Erscheinen des Weltbestsellers ein gefeierter Star der Wissenschaft. Mit seinem Buch über das selbstsüchtige Gen gelang es ihm, sowohl Laien über wissenschaftliches Denken zu informieren als auch Experten dazu zu bringen, anders über ihr Forschen nachzudenken. Dawkins schlug eine neue Sicht der genetischen Dinge vor, die aber letztlich an einem philosophisch-biologischen Widerspruch scheiterte.

Wenn heute der Name Richard Dawkins fällt, denken viele Menschen an sein Buch über den "Gotteswahn", in dem sich der Evolutionsbiologe als militanter Atheist zu erkennen gibt. Für Dawkins gehört der Glaube zu den großen Übeln dieser Welt. Er vergleicht ihn mit Pockenviren, die dem Glauben gegenüber noch den Vorteil hätten, dass man sie ausrotten könne. Er versteht unter Glauben "eine Überzeugung, die nicht auf Belegen beruht", und hat dazu selbst zwei Überzeugungen. Erstens: Der Glaube ist das Hauptlaster jeder Religion. Und zweitens: Die Wissenschaft ist frei von diesem Übel.

Für Dawkins enthält die Arbeit eines Forschers keine Vermutungen, die nicht durch empirische Belege gestützt sind, wie er unermüdlich verkündet. Ohne dabei zu merken, dass er damit nur seinem eigenen blinden Glauben folgt, der zudem keine Zweifel kennt. Es dürfte religiöse Menschen geben, die sich weniger unbeirrt gläubig zeigen wie Dawkins. Den Widerspruch in seiner Haltung scheint er aber nicht zu bemerken, was nicht sehr vertrauenserweckend ist.

Gene denken nicht bewusst

Ein philosophischer Widerspruch lässt sich auch im "selfish gene" entdecken, auf den ihn viele Leser schon in den 1970ern hingewiesen haben. Es geht darum, dass sprachbewussten Menschen Kategorienfehler unterlaufen. Damit ist gemeint, dass sich Egoismus nicht in einer Handlung zeigt, sondern in der Absicht, mit der jemand eine Handlung durchführt. Wenn ich jemandem eine Zuckerwaffel anbiete, tue ich das aus Freundschaft oder in der Absicht, die Zähne des Beschenkten zu ruinieren. Der Vorgang bleibt dabei aber derselbe, auch wenn die Absicht eine völlig andere ist. Übertragen auf Gene bedeutet das: Gene agieren und das Leben geht seinen Gang, aber die Gene verfolgen dabei keine Absicht, weil dazu ein bewusstes Denken nötig ist. Das können Gene aber kaum haben.

Dawkins kümmerte dieser philosophische Kleinkram nicht, denn er hatte ein großes Ziel vor Augen: das Verhalten von Organismen aufgrund der Qualität ihrer Gene zu erklären. Dawkins führte einen gen-zentrierten Blick auf das Leben ein. Und weil er damit viele Verhaltensweisen erklären konnte – etwa die besonderen Vorgänge bei der Vermehrung von Bienen und Ameisen –, entstand bei vielen das Gefühl, dass selbst Menschen nur die Gefangenen ihrer Gene sind. Sie tun, was ihre egoistischen Erbmoleküle wollen. Wobei ihr Hauptziel sei, mit möglichst vielen Exemplaren in der nächsten Generation vertreten zu sein.

Liegt der Mensch an der genetischen Leine?

In den 1970er-Jahren, in denen "Das egoistische Gen" erschien, bestand noch nicht die heute vertraute Möglichkeit, ganz genau auf Gene blicken zu können. Sondern: Menschen hatte Gene für Haarfarben, für ihren Siegeswillen, für die Sprache, für die Anfälligkeit, krank zu werden, und vieles mehr. Menschen lagen sprachlich an der genetischen Leine und fühlten sich wohl dabei. Dawkins erklärte dann mit dem egoistischen Gen, warum es vielen Leuten Spaß macht, egoistisch zu handeln, und man feierte sein Buch.

Dawkins machte den ersten Blick auf die geliebten Gene frei, was nach 40 Jahren die Frage erlaubt, ob seine Sicht immer noch unverändert Popularität genießt. Denn das Verrückte an der Genforschung der letzten Jahrzehnte besteht in Folgendem: Während der technische Zugriff auf die Erbanlagen immer zuverlässiger und präziser wurde, entschwand das Objekt der Begierde selbst. Das Gen ist kein Ding mehr, das man anfassen kann. Das Gen stellt mehr einen Prozess dar, der dem Leben erlaubt, sich selbst und seine Eigenschaften herzustellen. Die Evolution muss den Genen so etwas wie ein Potential mit auf den Weg gegeben haben, sich zu teilen. In diesem Sinne wirken sie egoistisch. Aber die Gene hocken in Zellen, die sich nicht mehr teilen dürfen, wenn sie an ihrem Platz sind und ihre Aufgaben erfüllen.

Mit anderen Worten: Die Organismen sind keine Sklaven ihrer Gene, wie Dawkins meinte. Vielmehr sind umgekehrt die Gene die Gefangenen des Körpers, den sie sich geschaffen haben.

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