Lässt sich der Meeresanstieg abpumpen?

Eignet sich der antarktische Kontinent zur Lagerung von Wasser? (Foto: Mlenny/iStock)

Eine kritische Folge des Klimawandels zeichnet sich immer deutlicher ab: Sintfluten drohen. Deutsche Forscher haben sich nun mit einer skurril wirkenden Idee zur Reduktion des weltweiten Meeresspiegelanstiegs auseinandergesetzt: Ozeanwasser auf dem antarktischen Kontinent zu lagern. Sie kommen zu dem Fazit: Auch solche spektakulären Eingriffe ins Erdsystem eignen sich kaum zur nachhaltigen Problemlösung.

Eine weitere Verschlimmerung des Klimawandels muss verhindert werden - doch leider sind jetzt auch schon Strategien gefragt, die den Folgen der Erwärmung entgegentreten. "Wir haben nach einem Weg gesucht, wie der selbst mit strengem Klimaschutz nicht mehr vermeidbare Meeresspiegelanstieg zumindest verzögert werden könnte – bis Ende des Jahrhunderts reden wir dabei wenigstens über 40 Zentimeter im globalen Mittel", sagt Studienleiterin Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Macht die Menschheit hingegen so weiter wie bisher, sehen die Prognosen ganz übel aus: Durch die thermische Ausdehnung der Ozeane und das einströmende Schmelzwasser könnte der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 bereits mehr als 130 Zentimeter ansteigen. Die Folgen für die Küsten wären katastrophal.

Ist Geo-Engineering die Lösung?

"Anpassung vor Ort, etwa durch Deichbau, wird nicht überall auf der Welt möglich sein, denn nicht überall gibt es die nötigen technischen Voraussetzungen und finanziellen Mittel", sagt Frieler. "Wie gut eine Region geschützt wird, kann von ihrer wirtschaftlichen Situation abhängen – New York würde vielleicht gerettet, aber Bangladesch nicht." Besser und gerechter als viele kleine örtliche Schutzmaßnahmen könnte deshalb ein gemeinschaftliches Mega-Projekt des Geo-Engineerings sein: "Wir wollten prüfen, ob es theoretisch möglich ist, unbewohnte Regionen der Antarktis zu opfern, um stark bevölkerte Küstenregionen auf der ganzen Welt zu schützen." Konkret besagt diese Idee: Man könnte Meerwasser auf den antarktischen Kontinent pumpen, wo es gefriert und damit nicht mehr auf den Meeresspiegel drückt. Dieses Konzept haben die Forscher nun durch Computersimulationen modelliert und bewertet.

Die Ergebnis zeigen grundsätzlich: Weil auch Eis sich bewegt, müsste das Wasser weit ins Landesinnere gepumpt werden. Denn würde es zu dicht am Rand des Kontinents abgelagert, könnte es durch sein Gewicht den Eisverlust an der Küste und damit den Anstieg des Meeresspiegels sogar noch verstärken. Somit wäre das Konzept mit einer gigantischen Herausforderung konfrontiert: Der Eispanzer der Antarktis ist bis zu 4000 Meter hoch - das Wasser in diese Höhen zu pumpen, würde einen unvorstellbaren technischen und energetischen Aufwand bedeutet. Für eine ökologische Energieversorgung wären etwa 850.000 Windräder nötig, ergaben die Berechnungen.

Sogar wenn möglich, wäre es nur Aufschub

"Die Größenordnung des Meeresspiegel-Anstiegs ist so gewaltig, dass ein kaum vorstellbarer technischer Ansatz nötig wäre, ihn in den Griff zu bekommen", resümiert Co-Autor Anders Levermann von der der Columbia Universität in New York. "Selbst wenn es machbar wäre, würde es uns nur einen Aufschub bringen – wenn wir eines Tages mit dem Pumpen aufhören, würde zusätzlicher Masseverlust der Antarktis den Meeresspiegel-Anstieg beschleunigen. Solch eine Maßnahme würde künftigen Generationen eine zusätzliche Last aufbürden", sagt Levermann.

Auch wenn die Wissenschaftler zu einem ernüchternden Ergebnis kommen, geht aus ihrer ungewöhnlichen Forschungsarbeit dennoch eine wichtige Botschaft hervor: "Wenn wir mit dem Treibhausgasausstoß weitermachen wie bisher, dann würde nicht einmal ein solch riesiges Makro-Anpassungsprojekt genügen, um den Anstieg des Meeresspiegels substanziell zu begrenzen", so Levermann. Deshalb ist ihm zufolge eine rasche Reduktion unseres Ausstoßes von Treibhausgasen unverzichtbar, um den Anstieg des Meeresspiegels handhabbar zu halten. "In jedem Fall werden aber starke Investitionen in örtlichen Küstenschutz notwendig, wenn ein schrittweiser Rückzug von Siedlungen verhindert werden soll", so der Klimaforscher.

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