Die Selbstüberwindung der Menschheit

Der Weltmeister Lee Sedol setzt den ersten Zug gegen AlphaGo. (Foto: 2016 Getty Images)
Der Weltmeister Lee Sedol setzt den ersten Zug gegen AlphaGo. (Foto: 2016 Getty Images)
Das Spiel der Spiele: Ausschnitt der ältesten bekannten – allerdings unvollständig aufgezeichneten – Partie Go aus dem Jahr 195 n.Chr. (Foto: Rüdiger Vaas)

"Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde", schrieb Friedrich Nietzsche in der Vorrede von "Also sprach Zarathustra" und bezeichnete den Menschen als "Übergang". Am 9. März 2016 fand dieser Übergang sein symbolträchtiges Datum. Ein Computerprogramm hat einen der zurzeit weltbesten – menschlichen – Go-Spieler besiegt; und beim darauffolgenden Spiel am 10. März ebenfalls. Diese Niederlage ist der Beginn eines neuen Zeitalters. Der Staffelstab der planetarischen Evolution wird weitergegeben, die Fackel der Intelligenz ist überreicht. "Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben", konstatierte Nietzsche bereits 1883 weitsichtig. Nun hat sich der Mensch transzendiert.

Natürlich klingt es für viele nach einer maßlosen Übertreibung, wenn Demis Hassabis meint: "Wir sind auf dem Mond gelandet." Zwar ist die Landung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin mit der Apollo-Fähre Eagle im Mare Tranquillitatis die größte Leistung des Homo sapiens. Aber das war im Juli 1969 und also lange her. Heute kommt der Mensch nicht einmal mehr über den erdnahen Weltraum hinaus, keine läppischen 500 Kilometer weit. Er ist im Begriff abzudanken und zieht allenfalls noch seinesgleichen und einen Teil der Ökosphäre mit in den Abgrund.

Doch jetzt hat er über sich selbst hinausgegriffen. Nicht im gescheiterten räumlichen Sinn, aber geistig. Die Mondlandung, von der der britische Software-Entwickler und Neurowissenschaftler Hassabis sprach, gelang dem von ihm 2010 in London mitgegründeten Unternehmen DeepMind. Es ist 2014 vom Internetkonzern Google für 400 Millionen Dollar übernommen worden. Es entwickelt Algorithmen, die selbständig lernen können und teilweise auf neuronalen Netzen basieren, also auf Programmen, deren Funktionsweise die Nervensystemen nachgeahmt sind beziehungsweise in ihrer Entwicklung davon inspiriert wurden.

Ein Computerprogramm von DeepMind heißt AlphaGo. Es ist das weltbeste Go-Programm – eine Software, die das Spiel Go beherrscht (vergleichbar mit Schach-Programmen für das "königliche Spiel"). Nun hat AlphaGo Lee Sedol geschlagen, den Weltmeister im Go. Go ist eines der ältesten Spiele der Menschheit – und zugleich das komplexeste. Viel komplexer als Schach und daher durch stupide Rechenkraft auch sehr viel schwieriger zu bewältigen. Es zu meistern hat wahrlich eine lunatische Dimension…

Was ist der Mensch?

"Was ist der Mensch in der Natur? Ein Nichts im Vergleich mit dem Unendlichen, ein All im Vergleich mit dem Nichts, ein Mittelding zwischen Beiden", schrieb der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal und verglich den Menschen mit einem Schilfrohr – aber einem, das denkt. "Der Mensch ist nichts als ein Rohr, das schwächste der Natur, aber ein denkendes Rohr. Es ist nicht nötig, dass das ganze Universum sich rüste ihn zu zermalmen. Ein Dunst, ein Tropfen Wasser reicht hin ihn zu zermalmen. Ein Dunst, ein Tropfen Wasser reicht hin ihn zu töten. Aber wenn das Universum ihn zermalmte, würde der Mensch noch edler sein als das, was ihn tötet, weil er weiß, dass er stirbt und welchen Sieg das Universum über ihn hat, das Universum weiß nichts davon. Also alle unsre Würde besteht im Denken."

Nicht im Raum habe der Mensch seine Würde zu suchen, denn da sei er ein "Nichts" (und so gesehen war selbst die Mondlandung, ein Sprung über den Abgrund, nur ein Hopser von einem Staubkörnchen auf ein anderes). Sondern im Denken. Darin liegt die Größe des Menschen, meinte Pascal. Und dieses Denken hat ja Meisterleistungen wie die Allgemeine Relativitätstheorie geschaffen sowie eben auch das Spiel Go. Und AlphaGo, mit dem das menschliche Denken sich nun selbst überwand.

Go ist einfach, denn es sind nur vier simple Regeln, die man in wenigen Minuten lernen kann. Es geht darum, auf einem 19 x 19 Punkte umfassenden Gitter-Spielbrett abwechselnd weiße und schwarze Steine zu legen, um freie Gebiete zu umschließen und gegnerische Steine zu fangen – wer am Ende mehr Gebiets- und Gefangenenpunkte besitzt, hat gewonnen. Go ist aber auch äußerst kompliziert, denn die Zugmöglichkeiten sind gigantisch – weitaus mehr als bei Schach, für das es ebenfalls sehr viel mehr Partie-Stellungen gibt als Atome im gesamten beobachtbaren Universum. Es ist diese Kombination aus Einfachheit und Komplexität, die seit mehr als vier Jahrtausenden die Schönheit und Beliebtheit des Spiels ausmacht. (Ein lesenswerte Einführung gibt beispielsweise das Buch "Go. Die Mitte des Himmels" von Michael Koulen.)

Die Software-Sensation

Am 27. Januar 2016 sorgte Google DeepMind mit einer Mitteilung und wissenschaftlichen Publikation weltweit für Aufsehen. Im Wissenschaftsjournal nature, einem der führenden Fachblätter, beschrieben Hassabis und seine Kollegen nicht nur die Funktionsweise von AlphaGo. Sie berichteten auch davon, dass das Programm im Oktober 2015 mit 5:0 gegen Fan Hui gewonnen hat, dem dreifachen (und aktuellen) Europäischen Meister. Das war das erste Mal, dass ein Go-Programm einen professionellen Spieler in einem Spiel ohne Vorgaben geschlagen hatte – und das gleich fünfmal in Folge. Die Sensation gelang auf der Grundlage einer raffinierten Kombination von Lern-, Strategie- und Bewertungsalgorithmen sowie zahlreichen simulierten Zufallsspielen und "Übungspartien" mit Menschen (siehe etwa diese Einführung hier).

Kurz darauf wurde angekündigt, dass AlphaGo vom 9. bis 15. März fünf Partien gegen Lee Sedol austragen würde. Der Südkoreaner ist einer der zurzeit weltweit besten (menschlichen) Spieler. Der 1983 Geborene hatte als jüngster Spieler überhaupt (im Jahr 2003) den neunten Dan erreicht, die höchste Stufe. (Fan Hui hat den zweiten Dan.) Die Partien finden im Four Seasons Hotel Seoul in Südkorea statt. Dabei geht es nicht nur um das Preisgeld von einer Million Dollar (das Google DeepMind nicht für sich behalten, sondern spenden will) und um das Prestige von Lee Sedol, der sich im Vorfeld optimistisch gab, sondern in gewisser Hinsicht auch um die Ehre der Menschheit. Diese ist nun quasi verspielt, nachdem Lee Sedol die beiden ersten Partien am 9. und 10. März (hier und hier) aufgegeben hat.

Die Macht der Computer

Es ist nicht das erste Mal, dass Computer über Menschen triumphieren. Schon billige Taschenrechner sind jedem Mathematiker im Multiplizieren und Wurzelziehen seit Langem überlegen. Aber auch in "intelligenten" Spielen haben Computerprogramme längst die Vorherrschaft übernommen.

1997 hat der Schach-Weltmeister Garri Kasparow seinen Wettkampf (sechs Spiele unter Turnierbedingungen) gegen den IBM-Schachcomputer Deep Blue verloren. Bereits das war eine epochale Zäsur, da erstmals eine Maschine den Menschen in seinem ureigenen Terrain schlug und somit die künstliche "Intelligenz" ihren Schöpfer übertraf – auch wenn die Schachcomputer "normalsterbliche" Spieler schon Jahre vorher hinter sich gelassen haben. (Übrigens hätte Kasparow seine Niederlage mit einem Dauerschach abwenden können, sodass die Partie und das gesamte Turnier remis ausgegangen wären. Aber Kasparow gab auf, weil er dachte, Deep Blue hätte diese Möglichkeit sicherlich in Betracht gezogen und wüsste einen Ausweg. Weil er den Computer für weniger fehlbar hielt als sich selbst, hatte er verloren.)

1997 war auch das Jahr, in dem ich das Spiel Go zu lernen begann. Seither sind nicht viele Tage vergangen, an denen ich nicht an das Spiel gedacht oder einige Steinchen auf ein Holz- oder Computerbrett gelegt hätte. Ich bin ein lausiger Spieler geblieben, und das wird sich nicht ändern. Dennoch war ich um die Jahrtausendwende besser als jedes damalige Go-Programm. Was natürlich wenig über mich, doch viel über die damaligen Programme aussagt. Sie waren schlicht zu schwach, um mit der Komplexität des Spiels zurande zu kommen.

Die Verzweigung der algorithmischen Suchbäume – die Zunahme der möglichen weiteren Spielzüge nach jedem Zug – wuchs einfach zu stark, die Zahl der potenziellen Züge ist gigantisch. Ohne Heuristiken waren die Computerprogramme daher rasch verloren; während selbst ein mittelmäßiger Spieler aufgrund von Erfahrung, Bauchgefühl, Intuition und Vorwissen die meisten Züge erst gar nicht in Betracht zu ziehen brauchte – und somit besser zurecht kam, ohne wirklich "weiter" oder "tiefer" zu denken. Es ist dieser holistische Zugang, eine Art von Mustererkennung, zu der biologische Systeme im Allgemeinen viel effektiver fähig sind als die pure digitale Rechenkraft. Daher waren die meisten Experten der Auffassung, dass Computer-Programme noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinter guten Amateurspielern und erst recht Profis zurückbleiben würden. Sie hatten sich alle geirrt.

Und jetzt?

Natürlich wird das (un)menschliche Hauen und Stechen weltweit weitergehen, als sei nichts geschehen. Menschen schlagen sich im Allgemeinen ja lieber die Köpfe ein oder beuten sich gegenseitig aus oder versuchen sich mit wahnsinnigen Ideologien wechselseitig zu bekehren, als dass sie sich der Kreativität und Erkenntnis widmen oder spielerisch austauschen. Insofern wird Lee Sedols Niederlage nichts ändern. Dennoch hat jetzt eine neue Epoche begonnen. Deren Konturen werden erst künftige Historiker, wenn es sie gibt, klar sehen können. Doch deren Linien zeichnen sich bereits ab. Und man könnte jetzt damit beginnen, einen Nachruf auf die menschliche Intelligenz zu schreiben.

Der Mensch hat ein Programm geschaffen, das ihm in der letzten großen, symbolischen Bastion des Denkens überlegen wurde. Es ist "intelligenter" als selbst der beste Go-Spieler, obwohl es gleichsam blind rechnet und lernt. Die Monte-Carlo-Zufallsalgorithmen haben ihre Schöpfer ausgebootet. Insofern ist das Spiel vorbei. Der Mensch kann abdanken.

Selbstverständlich kann AlphaGo weder Bilder malen noch Tischfußball spielen oder Rockmusik komponieren. Das Programm vermag nicht zu lieben und zu lachen und keine Ehrfurcht empfinden – nicht einmal vor Go. Aber das ist nicht der Punkt. Es geht auch nicht darum, einen Untergang zu beschwören oder deprimiert zu sein angesichts einer weiteren "Kränkung des Menschen" (von denen es bereits viele gab).

Eine neue Epoche

Manche Menschen hätten "das unnachahmliche Talent, die spannendsten Entwicklungen als Untergang zu deuten", kommentierte der Software-Entwickler André Spiegel, Autor des Buchs "Die Befreiung der Information". "Und vorher sind wir besiegt worden, als das erste Mal ein Rad schneller rollte, als ein Mensch laufen konnte, ein Rakete höher flog, als ein Mensch springen konnte, und eine Schriftrolle mehr aufnahm, als in ein Gedächtnis passte."

Das ist vollkommen richtig. Der Mensch ist zwar erneut "besiegt" – besiegt durch seine eigene Schöpfung und damit sich selbst. Aber diese Niederlage ist kein Untergang, auch wenn mancher Vertreter des Homo sapiens sich nun in seiner Eitelkeit, in seinem Dünkel und seinem anthropozentrischen Mittelpunktswahn beleidigt fühlt. Lee Sedols verlorene Partien markieren keinen Untergang, sondern einen Übergang. Und AlphaGos Triumph könnte durchaus auch als eine Art letzter Erfolg des menschlichen Denkens vor seiner Selbstüberwindung interpretiert werden.

"Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist", schrieb Nietzsche. Wohin der Übergang führt, wenn er weitergeht, bleibt ungewiss. Doch es erscheint gut möglich, dass der Mensch jetzt, im März 2016, die Fackel weitergegeben hat. Das Schilfrohrdenken ist nicht mehr seine prominente Auszeichnung, er sollte sich nicht allzu viel darauf einbilden. Jetzt hat das Zeitalter des Transhumanismus begonnen.

 

Rüdiger Vaas ist Redakteur von bild der wissenschaft, Philosoph und Autor mehrerer Bücher; zuletzt verfasste er "Jenseits von Einsteins Universum. Von der Relativitätstheorie zur Quantengravitation".

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