Deutsche Jugendliche prügeln sich öfter als japanische

Jugendliche in Japan prügeln sich weniger als ihre deutschen Altersgenossen, kommen nicht im abenteuerlichen Outfit in die Schule und hören zu, wenn Erwachsene mahnen. Zu diesem Schluss kommt unter anderem eine vergleichende Studie zum Gewaltverhalten junger Menschen an Schulen in Japan und Deutschland. Sie entstand mit Förderung der Volkswagen-Stiftung am Seminar für Japanologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Die Ursachen für das unterschiedliche Verhalten sieht Japanologin Gesine Foljanty-Jost in der stark gemeinschaftsorientierten japanischen Gesellschaft und ihren kulturellen Wurzeln begründet. "Es gibt eine hohe Wachsamkeit der Öffentlichkeit gegen jede Form abweichenden Verhaltens, die einmündet in ein dichtes Kontrollnetz mit hohem Engagement von Schulen, Eltern und öffentlicher Verwaltung", beschreibt sie die Ergebnisse ihrer Forschungen, die unter anderem an drei Schulen in Japan angestellt wurden.

"Es schrillen die Alarmglocken viel früher und es wird zeitiger eingegriffen als in Deutschland", meint die Wissenschaftlerin. Die Jugendlichen werden strenger im Auge behalten. "Wenn einer mit grünen Haaren in die Schule käme, würde das schon als abweichendes Verhalten gewertet und Reaktionen hervorrufen." In der Freizeit kontrollieren "Straßenpatrouillen" die Jugendlichen. "Hängen sie irgendwo rum, sind laut oder die Mädchen auffällig geschminkt, werden sie angesprochen", erzählt die Forscherin.

Straßenpatrouillen - das sind Freiwillige, zumeist Pensionäre, die sozial tätig sein möchten. Es gibt Gespräche mit den Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrern, aber keine Anzeige bei der Polizei. Hinzu kommt das Schulsystem mit Ganztagsschulen von morgens bis abends. "96 Prozent aller Schüler in Japan gehen 12 Jahre lang unter annähernd gleichen Bedingungen in die Schule", sagt Foljanty-Jost. Hinzu komme eine geringere Polarisierung durch Einkommen.

Die Schere zwischen Arm und Reich sei nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Auch die Wohngebiete seien sozial durchmischt und es gebe eine verschwindend geringe Scheidungsquote. Kommt es an Schulen doch einmal zu Gewaltausbrüchen, werden regelrechte Aufklärungskampagnen gestartet, mit Plakaten, Aufsätzen und Gesprächsrunden, sagte Foljanty-Jost. Der "Täter" wird jedoch möglichst nicht bestraft oder ausgegrenzt. Für Vergebung müsse er jedoch öffentlich Reue zeigen. "Diese Kultur der Scham ist ein Kulturmuster in Japan, das sich durch die Jahrhunderte zieht."

"Die Gewalthäufigkeit an den Schulen liegt in Japan um das zehnfache unter dem Niveau in Deutschland," erläutert die Leiterin des dreijährigen Forschungsprojektes. Weltweit habe Japan im Vergleich zu den westlichen Industrieländern die geringste Jugendkriminalität und die geringste Rückfallquote. "In unserem westlichen Verständnis kann man das dichte Kontrollnetz als problematisch sehen." Das System wäre auf Deutschland so nicht übertragbar, sollte aber Anlass zu Nachdenken sein und könnte etwa der Debatte um Sinn oder Unsinn von Ganztagsschulen Impulse geben, meint die Professorin.

Gitta Keil


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Ein bisschen mehr Fett auf den Rippen macht widerstandsfähig. Und eine Mischkost ist die gesündeste Ernährung. Einfache Wahrheiten, die der Professor für Ernährungswissenschaft Hans Konrad Biesalski in seinem Buch überzeugend vertritt.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe