Vier Fünftel der Europäer stammen von Jägern und Sammlern der Altsteinzeit ab

Deutschland als Schmelztiegel
Vier von fünf Europäern stammen nachweislich noch von den Jägern und Sammlern ab, die sich vor 25.000 bis 40.000 Jahren aus Asien und dem Nahen Osten kommend in Europa ansiedelten. Nur 20 Prozent der europäischen Bevölkerung haben ihre Wurzeln in den jungsteinzeitlichen (neolitischen) Ackerbauern, die sich vor knapp 10.000 Jahren in der Mittelmeerregion niederließen. Das ergab eine genetische Analyse von 1007 europäischen Männern, die das US-Wissenschaftsmagazin "Science" am Freitag (Bd. 290, S. 1155) vorstellt.

Deutschland ist aus dieser Perspektive ein "Schmelztiegel". Die Wurzeln seiner Bevölkerung liegen in den altsteinzeitlichen Aurignacier- und Gravettien-Kulturen, erläuterte der Genforscher Giuseppe Passarino von der Stanford Universität im kalifornischen Palo Alto in New York. Der Norden Deutschlands wurde nach der letzten großen Eiszeit vor rund 13.000 Jahren von Migranten besiedelt, die von der iberischen Halbinsel kamen. Im Süden breiteten sich Zuwanderer aus der Ukraine und dem nördlichen Balkan aus. Vor ihrem Zustrom hatte das Gebiet des heutiges Deutschlands rund 7000 Jahre unter einer undurchdringlichen Eisdecke geschlummert, erläuterte Passarino.

Die genetischen Merkmale der Einwanderer von Ost und Süd lassen sich noch heute im Erbgut deutscher Männer ablesen, sagt der Passarino, der zu den führenden Autoren der Studien gehört. Das internationale Team konzentrierte sich bei seiner Analyse auf 22 Variationen am männlichen Y-Chromosom. Im Gegensatz zu den anderen Chromosomenpaaren tauschen das männliche Y- und das weibliche X-Chromosom bei der Formation von Sperma- und Eizellen keine DNA-Abschnitte aus und werden unverändert weitervererbt. Damit eignen sie sich, vor allem aber das Y-Chromosom, zur Suche nach den Ahnen des modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) in Europa vor Tausenden von Generationen.

Die Untersuchung der genetischen Variationen von 1007 Männern aus allen Regionen Europas und des Nahen Osten kommt zu dem Ergebnis, dass 95 Prozent aller europäischen Männer von zehn Einwanderern aus Zentralasien und dem Nahen Osten abstammen. Diese Erkenntnis stimmt laut einem "Science"-Kommentar mit archäologischen Funden sowie Daten vom weiblichen Mitochondrien-Erbgut (mtDNA) überein. Sie widerlegt laut "Science" auch die Theorie, dass die frühen Europäer den Beginn von Ackerbau und Handel vor rund 8000 Jahren ihrer eigenen Kultur verdanken. Die Daten belegen laut Passarino vielmehr, dass die altsteinzeitlichen Bewohner des Kontinents in dieser Zeit ihren Pfeil und Bogen beiseite legten und die Anbautechnik von den neolitischen Zuwanderern aus Nahost abguckten.

Erst Ende Oktober hatten Forscher eine Studie veröffentlicht, nach der der genetische Urvater aller Menschen 84.000 Jahre später lebte als die genetische Urmutter "Eva". Genforscher gehen seit längerem davon aus, dass die weibliche Vererbungslinie auf eine Frau ("Eva") zurückzuführen ist, die vor 143.000 Jahren in Afrika lebte und ihr genetisches Profil über unzählige Generationen weltweit ausbreitete. Dagegen beruht die weltweit vorherrschende Variation des männlichen Y-Chromosoms auf dem Erbgut eines Mannes ("Adam"), der vor rund 59.000 Jahren in Afrika zur Welt kam. Die zur Zeit Evas verbreiteten Variationen des Y-Chromosoms wurden 84.000 Jahre später von der Version des sprichwörtlichen "Adam" übertrumpft. (Mehr dazu: bdw-Online vom 31. Oktober)
dpa


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Henning Beck hat eine lange Liste von Fehlern und Schwächen unseres Gehirns zusammengetragen. Dennoch verteidigt der Neurowissenschaftler unser Denkorgan: Gerade wegen seiner Fehler sei es flexibel und kreativ und jedem Computer überlegen.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe