30.08.2016

"Wir Wissenschaftler sollten auf den Mittelstand zugehen" Teil 2

Reinhard Hüttl, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, bezieht Stellung zum Fracking, zu Industrie 4.0 und zur Situation des Mittelstandes.

wissenschaft.de: Noch immer gibt es Berührungsängste zwischen Wissenschaftlern und KMU-Managern. Auch dies streicht der aktuelle Innovations-indikator heraus. Daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel geändert.
Reinhard Hüttl: An den Hochschulen hat sich viel getan. Denken Sie an die Dualen Studiengänge oder auch an die Berufsakademien oder die vielen Weiterbildungsaktivitäten. In ­einem gebe ich Ihnen recht: Gegenüber führenden ­Forschungseinrichtungen haben kleinere Unternehmen noch zu viel Respekt – wir brauchen Plattformen, Initiativen und Programme mit möglichst niedrigen Einstiegshürden. Ein gutes Beispiel für den Abbau der Berührungsängste sind die 15 bundesweit ausgewiesenen Spitzencluster. Dort ist es gelungen, kleinere Unternehmen mit großen zusammenzubringen und die führenden wissenschaftlichen Einrichtungen zu integrieren.

Was müsste sich ändern, um dem deutschen Mittelstand die Forschung schmackhaft zu ­machen?
Kleinen und mittleren Unternehmen sollte man es ­erleichtern, an Kooperationen von Forschung und ­Wirtschaft teilzunehmen – also niedrige Zugangs­hürden schaffen. Zweitens brauchen wir ein stärkeres ­Bewusstsein, dass der Erfolg in einer Marktnische nicht davon ab­halten sollte, gemeinsam mithilfe von Forschung neue Perspektiven zu entwickeln. Es wäre auch gut, wenn sich an der Reputation von Wissenschaftlern etwas verändern ließe, die noch vorrangig auf Publikationen in wichtigen internationalen Journalen beruht. Klar, der Nachweis von Gravitationswellen ist ein Durchbruch. Doch ist es von der Gesellschaft her betrachtet nicht ebenso ein Durchbruch, wenn ­Forscher und Praktiker gemeinsam den Reifenabrieb signifikant verringern? Denn dies kann die Feinstaub­belastung spürbar senken.

Wie könnte man Praxisbezug honorieren?
Dadurch, dass der Wissenstransfer, den Wissenschaftler leisten, ins Rampenlicht gestellt wird. Oder dass bei nachgewiesenen Technologietransferleistungen eine weitere Stelle am Institut finanziert wird. Bei uns in der Helmholtz-Gemeinschaft ist man da schon unterwegs. Jede Arbeitsgruppe überlegt inzwischen, was aus ihrer Forschung zur Anwendung kommen könnte. Generell gilt: Wir Wissenschaftler sollten von uns aus auf den Mittelstand zugehen.

Braucht Deutschland ein Technologie- und ­Innovationsministerium?
acatech wird ja sowohl vom Bund als auch von den Ländern gefördert und arbeitet je nach Thema mit ­unterschiedlichen Ministerien zusammen. In einigen Bundesländern ist die Innovation bereits gut integriert: In Nordrhein-Westfalen sind Wissenschaft, Bildung und Innovation in einer Hand. In Berlin ist die Helmholtz-Gemeinschaft beim Wirtschaftssenator angesiedelt, während die Universitäten beim Wissenschaftssenator sind. Ähnlich ist es in Bayern. Wir haben also keine ­einheitliche ­Zuständigkeit. Trotzdem erkenne ich eine erfreuliche Dynamik. In den Ministerien erleben wir ein zunehmendes Interesse an der Thematik Innovation.

Seit einigen Jahren ist Industrie 4.0 das ­beherrschende Thema bei der zukünftigen Ausrichtung der deutschen Wirtschaft. Was trägt acatech dazu bei?
Unsere Akademie hat den Begriff geprägt und ihn anlässlich der Hannover Messe 2011 zusammen mit anderen in die große Öffentlichkeit gebracht. Maßgeblichen Anteil daran hat mein Co-Präsident Henning Kagermann. Mit dem Begriff wollen wir auf die grundsätzliche Veränderung in der Industrieproduktion hinweisen. Die "4" steht dabei für die vierte industrielle Revolution: Nach der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und Fließbandarbeit, der Mikroelektronik und Robotik folgt nun die Vernetzung und Individualisierung von Produk­tion und Dienstleistung.

Was ist bei Industrie 4.0 anderes als beim Computer Integrated Manufacturing (CIM)?
CIM lief auf eine hochautomatisierte, zentral gesteuerte Produktion hinaus. Industrie 4.0 steht für Vernetzung und Individualisierung, was einer kopernikanischen Wende in den Fabrikhallen gleichkommt. Noch bestimmt der Produktionsprozess das Produkt, das millionenfach und gleichartig hergestellt wird. In der Industrie 4.0 dagegen bestimmt das einzelne Produktionsstück seinen individuellen Produktionsprozess. Industrie 4.0 ebnet deshalb den Widerspruch zwischen billigen Massenprodukten und teuren Einzelstücken ein. Sie ermöglicht die individuelle Produktion zu den Preisen der Massenfertigung. Dabei geht es um mehr als die Einführung neuer Technologien. Industrie 4.0 wird auch die Arbeit verändern, weshalb wir bei dem Thema eng mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten. Wir brauchen unter anderem neue Ansätze im Bildungssystem, um die Menschen für die künftige Arbeitswelt zu qualifizieren. Industrie 4.0 ist eine Chance für alternde Gesellschaften, wie wir sie in Deutschland haben.

Sagen wir einmal, der Weg zur Umsetzung von Industrie 4.0 soll 100 Kilometer lang sein. Welche Strecke haben wir dann bislang zurückgelegt? Was schätzen Sie?
Wir haben bisher wohl erst 15 Kilometer hinter uns. ­Sowohl bei der Robotik als auch bei der Künstlichen ­Intelligenz ist der Weg von der Forschung zur indus­triellen Umsetzung noch weit.

Zu Teil 3 des Artikels

Zu Teil 1 des Artikels

Das Interview ist in bild der wissenschaft 6/2016 erschienen.

  
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