30.08.2016

"Wir Wissenschaftler sollten auf den Mittelstand zugehen" Teil 3

Reinhard Hüttl, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, bezieht Stellung zum Fracking, zu Industrie 4.0 und zur Situation des Mittelstandes.

Welche Ergebnisse machen Sie bei den MINT-Initiativen aus – beim Bemühen um das Verständnis von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik bei Jugendlichen?
Es gibt erste Erfolge. So werden Ingenieurstudiengänge weiblicher. Doch immer noch halten Klischees junge Menschen von einer Laufbahn im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich ab. Und immer noch gibt es Studiengänge mit 50 oder gar 60 Prozent Abbrecherquote. Da muss man fragen, was sich in der Vorbereitung auf den Studiengang, aber auch im Curriculum, tun lässt. Bei acatech gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema Studienabbruch beschäftigt. Hier geht es auch um eine Selbstreflexion der Hochschullehrer. Keine leichte Aufgabe, aber notwendig.

Hohe Abbrecherquoten in MINT-Studiengängen gibt es seit Jahrzehnten. Ich bezweifle, dass sich daran in den kommenden Jahren etwas ändern wird.
Nach dem Motto "Einsicht ist der erste Schritt" sollte man diese Arbeit nicht unterschätzen. Wenn sich eine acatech-Arbeitsgruppe mit führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für Veränderungen ausspricht, wird das gehört werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass auf Basis unserer Vorschläge Initiativen und Pilotprogramme zur Verbesserung der Studiener­folge entstehen. Doch bei allen Optimierungen ist klar: Ein Flugzeug muss fliegen, eine Brücke muss tragen. Da gibt es keine Toleranz. Unter diesem Paradigma muss die Qualität eines Studiums zwingend gewahrt bleiben.

Die Fraunhofer Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung ist ein internationales Vorzeigemodell. Braucht es mit ­acatech noch eine weitere Organisation, die in dasselbe Horn bläst?
Wir betreiben bei acatech keine primäre Forschung wie Fraunhofer, sondern führen Wissen zusammen und beraten auf dieser Basis Politik und Gesellschaft. Dafür bringen wir eine große wissenschaftliche Breite mit und integrieren forschende Unternehmen.

455 Mitglieder stehen auf der acatech-Liste – alle Professoren, alle höchst respektable Persönlichkeiten. Reichen Professoren, um die Politik wissenschaftsbasiert zu beraten?
Keine Sorge. In unserem Senat, der aktuell 104 Mitglieder hat, sind auch andere Kompetenzen vertreten. Und zweitens holen wir uns für die Arbeitsgruppen den nichtprofessoralen Sachverstand, den wir brauchen: In den von Wissenschaftlern geleiteten Gruppen arbeiten je nach Problemstellung auch Vertreter der Wirtschaft, Verbände, NGOs, Medien, Gewerkschaften mit. Eine unabhängige, fundierte akademische Basis bleibt jedoch die Voraussetzung unserer Arbeit, und da sind führende Professoren durchaus im Vorteil.

Wie aktiv sind die acatech-Mitglieder? Sie haben doch sicher auch Mitläufer?
acatech ist 2008 aus ursprünglich sieben wissenschaftlichen Landesakademien entstanden. Wir haben daher eine Reihe von Mitgliedern, die schon vor Längerem berufen wurden. Bei der Mitgliedschaft unterscheiden wir zwischen ordentlichen und entpflichteten ordentlichen Mitgliedern, die älter als 72 Jahre sind. Rund 70 sind aufgrund ihres Alters entpflichtet. Doch ich führe mit ­jedem Mitglied, das in die Akademie gewählt wird, ein persönliches Zuwahlgespräch. Wir besprechen, zu welchen Themen sich die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler einbringen wird und was die Mitwirkung bei acatech bedeutet. Wer ordentliches Mitglied wird, von dem erwarten wir auch Initiative. Und unsere ­Mitglieder engagieren sich: In unserem Energieprojekt ESYS wirken beispielsweise gut 100 Expertinnen und Experten, die allein 2015 in über 80 Arbeitsgruppentreffen zusammengetreten sind. Unsere Mitglieder engagieren sich ohne Honorar. Motivation für die Mitarbeit in unseren Gremien ist, dass die geleistete Arbeit nicht als Publikation im Regal verschwindet, sondern dass sie gesellschaftspolitische Wirkung entfaltet.

Was will acatech in den nächsten Jahren ­erreichen?
acatech ist die von der Bundesrepublik Deutschland ­legitimierte Stimme der Technikwissenschaften im In- und Ausland unter der Schirmherrschaft des ­Bundespräsidenten. Unsere primäre Aufgabe ist die wissenschaftsbasierte, unabhängige Politikberatung. Wir organisieren unter anderem den Innovationsdialog der Bundesregierung. In Zukunft wollen wir uns noch deutlicher in den gesellschaftlichen Dialog einbringen. Wir wollen, dass Technik und Technologie zum weiteren Wohlergehen unserer Gesellschaft beitragen. Und dass die Menschen Technik als integralen Bestandteil unserer Kultur verstehen.

Das Interview führte Wolfgang Hess.

Zu Teil 1 des Artikels

Zu Teil 2 des Artikels

Das Interview ist in bild der wissenschaft 6/2016 erschienen. 

  
   Unsere Ausgabe 6/2016 können Sie hier bestellen:


 

               

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