Kurios: Altersweitsichtige Bonobos

Der 45 Jahre alte Bonobo "Ten" laust den 21 jährigen Jeudi. Foto: Heungjin Ryu (CC BY-NC 4.0)

"So nahe kann ich doch keine Laus mehr erkennen!" Der 45 Jahre alte Bonobo "Ten" nimmt mit einer charakteristischen Bewegung den Kopf zurück, als sein Freund "Jeudi" ihm den Rücken entgegenreckt. Anhand solcher charakteristischen Szenen haben Verhaltensforscher dokumentiert, dass auch Bonobos im Alter Weitsichtigkeit entwickeln, so wie der Mensch. Offenbar geht die Neigung zur sogenannten Presbyopie demnach auf die gemeinsamen Vorfahren des Menschen und seines nächsten Verwandten im Tierreich zurück.

Bei einigen Menschen geht es schon Mitte 40 los: Sie halten die Zeitung beim Lesen zunehmend weiter weg vom Gesicht, um die Schrift schärfer zu sehen. Irgendwann brauchen sie dann schließlich eine Lesebrille, um ihre Altersweitsichtigkeit (Presbyopie) auszugleichen. Die Ursache für diese Beeinträchtigung der Sehkraft ist ein altersbedingter Elastizitätsverlust des Linsenkerns im Auge, durch den die sogenannte Akkommodationsbreite abnimmt. Der Punkt bei dem man Objekte gerade noch scharf erkennen kann, rückt dadurch in immer weitere Ferne.

Alte Bonobos im Forscher-Blick

Es gab bereits anekdotische Berichte darüber, dass auch Bonobos beziehungsweise ihre größeren Verwandten, die Schimpansen, mit zunehmendem Alter ebenfalls auf mehr Distanz gehen, wenn sie etwas Kleines erkennen wollen. Diesen Beobachtungen sind die Forscher um Heungjin Ryu von der Universität Kyoto nun erstmals systematisch nachgegangen. Sie werteten dazu Aufnahmen des gegenseitigen Pflegeverhaltens von wildlebenden Bonobos aus, die ein Alter zwischen 11 und 45 Jahren besaßen.

Es zeigte sich: Mit zunehmendem Alter vergrößern die Tiere die Sichtdistanz beim Lausen anderer Gruppenmitglieder deutlich. Sie strecken die Arme dabei immer weiter aus, beziehungsweise zeigen charakteristisches Verhalten wie im Fall des 45-jährigen Bonobos "Ten". "Unseren Ergebnissen zufolge zeigen wildlebende Bonobos die Symptome der Weitsichtigkeit ab einem Alter von 40 Jahren", sagt Ryu. "Wir waren überrascht, wie stark das Muster bei den Affen dem beim Menschen ähnelt." In einem Fall konnten Ryu und seine Kollegen anhand alter Videoaufnahmen des Bonobos "Ki" dokumentieren, wie sich seine Sehkraft im Laufe der Zeit verschlechtert hat.

Die Altersweitsicht ist alt

Für den Menschen bedeuten die Ergebnisse bei seinem engen Verwandten nun: Unsere Weitsichtigkeit ist keine Folge des modernen Lebens – des Lesens oder Starrens auf Bildschirme. Es handelt sich hingegen um einen natürlichen Prozess, der offenbar tief in unserer Entwicklungsgeschichte verankert ist. "Offenbar haben sich die Alterungsprozesse seit unseren gemeinsamen Vorfahren kaum verändert, obwohl wir heutigen Menschen deutlich länger leben als Schimpansen und Bonobos", sagt Ryu.

Die so menschlich wirkenden Aufnahmen der Bonobos mit altersbedingten Sehproblemen wirken auf uns amüsant, doch klar scheint: Für die Tiere ist dieses Handicap vermutlich problematisch. Ihre nachlassenden Fähigkeiten könnten zu Schwierigkeiten in der Gruppe führen. Den Forschern zufolge zeichnet sich beispielsweise ab, dass ältere Tiere als Partner zur Fellpflege weniger beliebt sind als jüngere. Möglicherweise kommt bei den Affen-Senioren auch noch ein weiterer Faktor hinzu, der ebenfalls vom Menschen bekannt ist: Mit dem Alter nimmt die Fähigkeit ab, bei schlechten Lichtverhältnissen gut zu sehen. Ryu und seine Kollegen wollen dem Altern bei Bonobos nun auch weiterhin nachgehen, um so mehr über diesen Aspekt zu erfahren – und möglicherweise auch über die Ursprünge von Alterungserscheinungen beim Menschen.

Video: Der 45 Jahre alte Bonobo "Ten" laust den 21 jährigen Jeudi. Als sich dieser leicht auf Ten zubewegt, nimmt der weitsichtige Affe den Kopf zurück, um wieder scharf sehen zu können. Credit: Heungjin Ryu (CC BY-NC 4.0)

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