Mythos Ursprache

Manch ein Globetrotter flucht über die Sprachenvielfalt auf der Erde – vor 10 000 Jahren jedoch wäre er verzweifelt.

Die ungefähr 6000 Sprachen, die weltweit existieren, sind geographisch sehr ungleichmäßig verteilt. Während es in Europa nur 63 gibt, sind es auf Neuguinea 1000. Die meisten Experten konzentrieren sich darauf, die Sprachenvielfalt durch die Verzweigung einiger weniger Ursprachen in Tochtersprachen zu erklären. Die Engländer Colin Renfrew und der heute in Australien lebende Peter Bellwood haben eine andere These: Vor dem Ende der letzten Eiszeit sollen auf der Erde sogar mehrere zehntausend Sprachen gesprochen worden sein, die mit zunehmender Verbreitung der Landwirtschaft nach und nach ausgerottet wurden.

Die erste systematische Erforschung der Ähnlichkeiten zwischen vielen europäischen und einigen asiatischen Sprachen erlaubte das "Lautverschiebungsgesetz", das 1822 von Jacob Grimm, dem älteren der als Märchensammler populär gewordenen Brüder Grimm, formuliert wurde. Es erklärt unter anderem, wann beim Entstehen einer neuen Tochtersprache die weichen, stimmhaften Konsonanten b, d und g durch die harten, stimmlosen Konsonanten p, t und k ersetzt werden. Die Anwendung dieses und ähnlicher Gesetze führte die Sprachforscher zur Rekonstruktion der indoeuropäischen Ursprache, die als Muttersprache fast aller europäischer und südwestasiatischer Sprachen gilt. Den wohl bestdokumentierten Zweig des Indoeuropäischen bilden die romanischen Sprachen Spanisch, Italienisch, Französisch und Rumänisch, die innerhalb der letzten 2000 Jahre aus dem Lateinischen hervorgegangen sind.

Neben der indoeuropäischen sind bis heute 20 weitere Sprachfamilien rekonstruiert worden, deren Existenz als gesichert gilt. Erfolglos war dagegen die Suche nach einer Ursprache der amerikanischen Indianer und der neuguineischen Ureinwohner. Renfrew und Bellwood schließen daraus: Es gibt sie nicht.

Die beiden Forscher halten die Landwirtschaft für die Hauptursache einer großen Sprachfamilie. Ihrer Meinung nach fing es damit an, daß eine Gruppe von Jägern und Sammlern, die in einem besonders fruchtbaren Gebiet lebte, zur Weide- und Ackerwirtschaft überging. Durch die besseren Lebensbedingungen vermehrte sich die Bevölkerung und besiedelte einen größeren Raum. Dabei wurden die benachbarten Jäger und Sammler entweder verdrängt - oder ebenfalls Bauern. In jedem Fall verschwand dabei ihre Sprache.

In Neuguinea konnte ein derartiger Verdrängungsprozeß - wohl aus geographischen Gründen - nicht stattfinden. Denn Hochländer werden hier durch niedrig liegende Regenwälder von der Umwelt abgeschnitten. Das begünstigt das Überleben vieler ursprünglicher Sprachen.

Die Sprachforscher waren bisher davon ausgegangen, daß die 1000 neuguineischen Sprachen auf eine Ursprache zurückzuführen sind. Renfrew und Bellwood meinen: Wenn diese 1000 Sprachen gar nicht einen gemeinsamen Ursprung haben, sondern in Neuguinea praktisch jede Gruppe von Jägern und Sammlern ihre eigene Sprache hatte, dann sollte das im Rest der Welt nicht anders gewesen sein: Vor dem Aufkommen der Landwirtschaft hätte es dann auf der Erde Zehntausende verschiedener Sprachen gegeben. Mit der Ausbreitung der Landwirtschaft vor 10000 Jahren wurde dann die "Sprachuhr" in den meisten Teilen der Welt auf Null zurückgedreht, so die These. 100000 Jahre vorheriger Sprachentwicklung wurden damit ausgelöscht.

Heute sprechen 90 Prozent der Weltbevölkerung Sprachen, die auf nur zehn Ursprachen zurückgehen. In Europa ist nur eine einzige Sprache erhalten geblieben, die keiner Sprachfamilie zuzuordnen ist: das in der französisch-spanischen Grenzgegend gesprochene Baskisch.

Axel Tillemans

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