Plattentektonik mit Mücke

Links: Der Verlauf der Drift Indiens. (Wikipedia, gemeinfrei). Rechts: Ein Bernsteinfossil mit einer 54 Millionen Jahre alten Gnitze. (Foto: Frauke Stebner)

Einst schickte ihn die Plattentektonik auf einen einsamen Weg nach Norden. Doch der indische Subkontinent kann während dieser Drift nicht ganz so isoliert gewesen sein wie bisher angenommen. Offenbar gab es mit dem Rest der Welt einen Austausch von Lebewesen, belegen Funde von 54 Millionen Jahre alten Mücken in indischem Bernstein. Die eingeschlossenen Insekten kamen damals auch in Europa und Asien vor. Möglicherweise nutzten sie einstige Inselkettensysteme zwischen Indien und Eurasien, um sich auszubreiten.

Die Geschichte beginnt mit dem Auseinanderbrechen des Großkontinents Gondwana vor 130 Millionen Jahren: Das heutige Indien driftete nach Norden und bewegte sich schließlich auf Asien zu, bis es zu der Kollision kam, die bis heute den Himalaya empor hebt. Bevor der Subkontinent mit der Eurasischen Platte kollidierte, war Indien während seiner Wanderschaft für mindestens 30 Millionen Jahre weitgehend isoliert, so die gängige Ansicht. Dies spiegelt sich in den zahlreichen einzigartige Tier- und Pflanzenarten Indiens wider. Doch es gibt auch Vermutungen, dass die Landmasse auch während der Drift vorübergehend erreichbar gewesen sein könnte. Es gibt bereits Hinweise darauf, dass es für Vögel und einige Säugetiere möglich gewesen war, den Ozean zwischen Indien und Eurasien zu überqueren.

Doch keine so isolierte Drift?

In der Debatte um die Entwicklung von Indiens Fauna haben sich auch schon zuvor Bernsteinfossilien als interessante Puzzleteile erwiesen: Sie lieferten Hinweise auf eine einstige Verbindung mit Eurasien. Die neuen Funde untermauern nun besonders deutlich die Theorie zum einstigen Faunenaustausch. Entdeckt wurden sie in Minen im Westen Indiens. Diese sogenannten Cambay-Bernsteine besitzen Datierungen zufolge ein Alter von etwa 54 Millionen Jahren. Sie stammen also aus einer Zeit, in der Indien eigentlich isoliert gewesen sein sollte. Ein internationales Forscherteam um Frauke Stebner von der Universität Bonn hat die Bernsteinfossilien genau unter die Lupe genommen. Ihnen zufolge handelt es sich bei den Insekten um Lygistorrhiniden – mückenartige Zweiflügler, sogenannte Gnitzen.

Die heutzutage ausschließlich in tropischen Regionen verbreiteten Lygistorrhiniden sind bisher nur mit sieben ausgestorbenen und acht lebenden Gattungen bekannt. In acht Bernsteinen entdeckten die Forscher nun drei neue Arten aus drei unterschiedlichen Gattungen. Der interessanteste Fund ist den Forschern zufolge dabei die Art Palaeognoriste orientale. Diese Mücke aus dem Indischen Bernstein hat ihre nächsten Verwandten in etwas jüngerem Baltischem Bernstein aus Europa.

Inselhopping könnte die Ausbreitung erklären

Das bedeutet: Irgendwie müssen diese Insekten von oder nach Indien gekommen sein, bevor sich der Subkontinent mit der Eurasischen Platte vereinigt hat. Mit anderen Worten:
Dieser Befund ist ein starkes Indiz dafür, dass zwischen dem vermeintlich isolierten Indien, Europa und Asien doch ein Austausch von Tieren stattgefunden hat.

Wie es den Gnitzen gelingen konnte, sich zwischen dem driftenden Indien und Eurasien auszubreiten, ist noch unklar. Es handelte sich den Forschern zufolge aber nicht etwa um Insekten mit Fähigkeiten zum Langstreckenflug. Dies wirft somit Fragen zur geologischen Geschichte der Region im Rahmen der Drift Indiens auf. Vorstellbar ist, dass die Insekten Inselkettensysteme zwischen Indien und Europa benutzt haben, um sich über eine Art Inselhopping auszubreiten, sagen die Forscher.

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