Froschige Rekorde

Ochsenfrosch beim seinem Wettbewerbs-Sprung (Roberts lab/ Brown University)

Frösche sind echte Sprungkünstler: Mit einem einzigen mächtigen Satz katapultieren sie sich um ein Mehrfaches ihrer Körperlänge durch die Luft. Allerdings: Ausgerechnet der kräftige Nordamerikanische Ochsenfrosch scheint in dieser Hinsicht eher mäßige Leistungen zu zeigen. In Laborversuchen bringt es der 20 Zentimeter große Frosch auf maximal 1,2 Meter. Das Seltsame daran: Im Guinness Buch der Rekorde ist ein Ochsenfrosch verzeichnet, der fast das Doppelte erreicht haben soll. War der Rekordsprung von "Rosie the Ribeter" vielleicht geschummelt? Oder stimmt etwa mit den Laborversuchen der Biologen etwas nicht? US-Forscher sind der froschigen Geschichte nun auf den Grund gegangen.

Die Muskeln und Sehnen der Frösche sind optimal daran angepasst, große Mengen an Kraft und Energie auf einmal freizusetzen. Das macht sie zu so guten Springern. Als besonders gut begabt Kuba-Laubfrösche (Osteopilus septentrionalis). Die rund zehn Zentimeter großen Amphibien können sich mit einem Satz 1,7 Meter weit durch die Luft katapultieren. Diese Sprungkraft verdanken sie einer raffinierten Federkonstruktion: Im eingeklappten Zustand wird eine Sehne im Hinterbein gespannt. Streckt sich das Bein zum Sprung, gibt sie die in ihr gespeicherte Energie schlagartig ab wie ein Katapult. Im Gegensatz zu den Laubfröschen schneiden Nordamerikanische Ochsenfrösche (Rana catesbeiana) bei Sprungtests eher mäßig ab: Obwohl sie doppelt so groß sind wie die Kuba-Laubfrösche, erreichen sie in Labortests meist nur knapp einen Meter. Das Maximum lag bei 1,3 Metern.

Rätsel-Rekord einer Ochsenfrosch-Dame  

Einige Biologen vermuteten den Grund in einem biomechanischen Kompromiss: Weil die Ochsenfrösche mehr schwimmen als die Laubfrösche, sind ihre Beine entsprechend angepasst und haben so einen Teil ihrer Sprungfähigkeit verloren. "Aber andere Studien deuten darauf hin, dass die Ochsenfrösche den gleichen Katapult-Mechanismus besitzen wie die Laubfrösche", erklärt Erstautor Henry Astley von der Brown University in Providence. "Daher sollten sie eigentlich weitaus bessere Weiten erreichen als in den bisherigen Tests." Was also war das Problem? Stimmten etwa die Labortests nicht oder schaffen die Ochsenfrösche tatsächlich nicht mehr? Einen ersten Hinweis gab ein Blick in das Guinness Buch der Rekorde: Dort wurde von einer Ochsenfrosch-Dame berichtet, die ein drei Sätzen 6,55 Meter zurücklegte - pro Sprung wären das mindestens 2,18 Meter. Das war fast doppelt so viel wie bei den Labortests erreicht. Aber stimmte das auch? Oder war der Rekordsprung von "Rosie the Ribeter" geschummelt?

Um der Sache auf den Grund zu gehen, fuhren Astley und seine Kollegen kurzerhand auf die Veranstaltung, bei der Ochsenfrosch Rosie im Jahr 1987 ihren Rekord geschafft hatte: das Calaveras County Frog Jumping Jubilee in Kalifornien. Für diesen alljährlich stattfindenden Wettbewerb werden kurz vorher Ochsenfrösche im nahegelegenen Fluss gefangen - teilweise von den eigens angereisten "Profi-Teilnehmern", teilweise vom Veranstalter, der diese Frösche dann für die Dauer des Wettbewerbs an Teilnehmer vermietet. Im eigentlichen Turnier versuchen die Teilnehmer, ihre Frösche zu möglichst weiten Sprüngen zu animieren. Nach diesem viertägigen Spektakel mit zahlreichen Sprungrunden werden alle Frösche wieder in die Freiheit entlassen.

Die Menge macht's

Astley und sein Team filmten während des Wettbewerbs mehr als  3.000 Ochsenfrösche beim Sprung und werteten die erreichten Weiten aus. Und tatsächlich: "Viele der Weiten dieser Ochsenfrösche übertrafen alle bisherigen in der wissenschaftlichen Literatur verzeichneten", so die Forscher. Im Durchschnitt sprangen die Frösche 1,3 Meter weit, viele von ihnen aber deutlich weiter. Der größte Satz lag bei 2,2 Metern - und damit nicht nur im Bereich des Rekords von "Rosie the Ribeter", sondern auch in dem Bereich, den der Ochsenfrosch aufgrund seiner Biomechanik theoretisch erreichen müsste. Das zeige, dass bisherige Messungen die tatsächlichen Sprungfähigkeiten dieser Amphibien weit unterschätzten, konstatieren Astley und seine Kollegen.

Warum aber sprangen die Frösche bei diesem Wettbewerb weiter als in den Laboren von Biologen? Die Forscher stellten fest, dass es vor allem an der Anzahl der Tiere liegt: Weil die extrem weiten Sprünge seltener sind und manche Ochsenfrösche zudem sprungbegabter sind als andere, ist die Chance, sie bei einer nur kleinen Auswahl von Tieren zu beobachten sehr gering. Im Labor aber werden meist nur wenige Exemplare gehalten und getestet. Bei Veranstaltungen wie dem Calaveras County Frog Jumping Jubilee treten dagegen hunderter Frösche zum Sprung an. Statische Auswertungen zeigten, dass bei einer willkürlichen Auswahl von 50 Fröschen 58 Prozent von ihnen die 1,6 Meter Marke erreichten. Betrachtete man dagegen nur zehn Frösche, sank die Wahrscheinlichkeit für diese Weite auf nur noch 14 Prozent.

Aber die erfahrenen Teilnehmer hatten auch einige Tricks auf Lager, um ihre Frösche zu besonders weiten Sätzen zu animieren: Sie hielten sie kurz vor dem Sprung bei mollig warmen 29 Grad, so dass ihre Muskeln auf optimaler  Betriebstemperatur waren. Und noch etwas fiel auf: Die Profis unter den Frosch-"Jockeys" begleiteten den Sprung ihrer Favoriten mit vollem Körpereinsatz: Sie gingen mit dem Kopf sehr nahe an den Frosch heran und folgten diesem beim Sprung ruckartig. Die Forscher vermuten, dass die Frösche dies vielleicht als Bedrohung sehen und daher besonders weite Sätze  machen. " Der Frosch spürt wahrscheinlich, ob man ein Wissenschaftler ist, der nur auf einen besonders guten Sprung hofft, oder ein tödlicher, Reptilien-ähnlicher Prädator, der ihn fressen will", so Astley. In jedem Falle  zeige dies, wie wichtig eine ausreichende Probengröße, optimale Bedingungen und die richtige Motivation seien. Nur dann lasse sich akkurat ermitteln, welche Leistungen ein Tier tatsächlich vollbringen könne.

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