Die Top Ten der neuentdeckten Arten

Der Olinguito - das neuentdeckte Säugetier unter den Top Ten (Mark Gurney /CC-by-sa 2.0)
12 Meter hoch und trotzdem bisher übesehen: der Kawesak-Drachenbaum (Warakorn Kasempankul/ Parinya Siriponamat)
Die Geistergarnele: durchsichtig und Fangarmen bewehrt (SINC/ J.M. Guerra-García)

Ein zwölf Meter hoher Baum, der schlicht übersehen wurde, eine eisliebende Seeanemone, ein Rieseneinzeller und das erste neue Säugetier nach 35 Jahren: Sie alle haben es unter die Top Ten der im letzten Jahr neuentdeckten Arten geschafft. Die von einem internationalen Komitee ausgewählten Top Ten werden alljährlich am Tag der Artenvielfalt vorgestellt. Sie sollen daran erinnern, wie reich und faszinierend die Natur ist – und wie wenig wir bisher erst von ihr kennen. Die diesjährigen Top Ten stehen dabei stellvertretend für 18.000 Tier und Pflanzenspezies, die im letzten Jahr beschrieben und benannt wurden. Weitere zehn Millionen aber warten noch darauf entdeckt zu werden, so schätzen die Biologen.

Im Laufe der Evolution hat die Natur einen schier grenzenlosen Reichtum an Lebensformen geschaffen. Vom tiefsten Ozean bis in die höchsten Bergregionen – überall existieren Organismen, die sich an die jeweiligen Bedingungen angepasst haben. Doch dieser Reichtum ist in Gefahr. Denn durch Zerstörung von Lebensräumen, Eingriffe in die Umwelt und das Klima und direkte Ausrottung kämpfen immer mehr Arten um ihr Überleben. Viele von ihnen drohen zu verschwinden, bevor sie überhaupt von uns entdeckt wurden. "Die Mehrheit der Menschen ist sich des Ausmaßes der Biodiversitäts-Krise überhaupt nicht bewusst", erklärt Quentin Wheeler, Präsident des International Institute for Species Exploration (IISE) in Tempe. Um dies zu ändern, wird seit 2008 alljährlich eine Top Ten der spannendsten und außergewöhnlichsten neuentdeckten Arten gekürt. "Sie soll uns die Vielfalt des Lebens und dieser wundersamen Wege, in denen sich Arten an das Überleben angepasst haben, nahebringen", so Wheeler.

Neuentdeckungen selbst bei den "Großen"

Diese Vielfalt spiegelt auch die diesjährige Top Ten wider. Und sie zeigt auch noch etwas anderes: "Eine Säugetierart und ein Baum zeigen, dass die noch auf ihre Entdeckung wartenden Arten keineswegs alle mikroskopisch klein sind", erklärt Antonio Valdecasas vom Museo Nacional de Ciencias Naturales in Madrid. Selbst große, scheinbar kaum zu übersehende Arten wurden erst im letzten Jahr entdeckt. Eines davon ist der Olinguito (Bassaricyon neblina), ein fleischfressender Säuger, der im Nebelwald Kolumbiens und Ecuadors lebt. Der baumbewohnende Kleinbär wiegt etwa zwei Kilogramm und ist die erste neuentdeckte Säugetierart der letzten 35 Jahre. Ebenfalls eigentlich zu groß, um übersehen zu werden ist der Kawesak-Drachenbaum (Dracaena kaweesakii). Er wird immerhin rund zwölf Meter hoch und trägt weiß umsäumte Blätter und cremefarbene Blüten mit leuchtend orangefarbenen Streifen. Entdeckt wurde er in den Kalksteinbergen an der Grenze zwischen Thailand und Burma.

Ziemlich hart im Nehmen ist die Nummer drei der Liste: Eine Seeanemone, die ein Tauchroboter an der Unterseite des Ross-Eisschelfs in der Antarktis entdeckte. Der größte Teil der nur 2,5 Zentimeter kleinen Anemone ist im Eis verborgen, nur ihre rund zwei Dutzend Tentakel baumeln in der eiskalte Wasser hinab. Wie Edwardsiella andrillae es schafft, die extremen Bedingungen in diesem Lebensraum zu überstehen, ist bisher selbst den Forschern unklar. Ähnlich extrem ist das Habitat einer weiteren Neuentdeckung: einer Mikrobe, die ausgerechnet in den Reinräumen der Weltraumagenturen NASA und ESA gedeiht. Diese Labore werden ständig mit härtesten Mitteln desinfiziert und sind durch Schleusen geschützt, um eine Kontamination der Raumsonden-Bauteile und Sensoren zu verhindern. Doch Tersicoccus phoenicis scheint dies nichts anhaben zu können. Forscher stießen sowohl in einem Labor in Florida als auch in Französisch Guyana auf den hartgesottenen Keim.

Tarngecko, Geistergarnele und Riesen-Einzeller

Drei weitere Top Ten-Entdeckungen sind in Bezug auf ihre Auffälligkeit ziemliche Gegensätze: Der Gecko Saltuarius eximius setzt auf Tarnung: Sein gesamter Körper trägt Tarnflecken und der verbreiterte, flache Schwanz macht es schwer, Vorder- und Hinterende auseinander zu halten. Das nutzt der Gecko auch aus, wenn er auf Beute lauert: Bewegungslos kauert er dann auf den flechtenbewachsenen Felsen seines Habitats, der Melville Range in Ost-Australien. "Er hat dabei eine verstörende Ähnlichkeit mit einem Fantasiemonster", sagt Valdecasas. Nicht nur auf Tarnung, sondern gleich ganz auf Durchsichtigkeit setzt die Geistergarnele Liropus minusculus. Dieser nur rund drei Millimeter kleine Krebs wirkt zwar fragil, trägt aber lange Fangarme, die von seiner räuberischen Gesinnung zeugen. Ziemlich farbig ist dagegen der in Tunesien entdeckte Bodenpilz Penicillium vanoranjei: Seine Kolonien leuchten in auffallendem Orange – weshalb er nach dem Haus von Oranje benannt wurde. Als weitere Besonderheit sondert der Schimmelpilz eine deckenartige Hüllsubstanz ab, die ihn vor dem Austrocknen schützt.

Ein Riese und zwei Zwerge runden die Top Ten ab – wobei riesig im Fall des im Mittelmeer entdeckten Einzellers Spiculosiphon oceana sehr relativ ist. Dieses zu den Foraminiferen gehörende Wesen wird aber immerhin vier bis fünf Zentimeter hoch – und damit für einen Einzeller ungewöhnlich groß. Raffiniert daran: Es konstruiert sich eine Schale, indem es die Nadeln von Schwämmen einsammelt und wie Legobausteine um sich auftürmt. Schon mit Haus kommt dagegen die in einer 900 Meter tiefen Höhle in Kroatien entdeckte Schnecke daher: Die nur zwei Millimeter große Art Zospeum tholussum besitzt keine Augen und ihr Haus ist durchscheinend. Ihre Langsamkeit ist zudem selbst unter Schnecken rekordverdächtig: Gerade einmal ein paar Millimeter legt sie in einer Woche zurück. Den Abschluss macht Tinkerbella nana, eine feenhafte, nur 250 Mikrometer kleine parasitische Wespe, die Biologen in Costa Rica aufspürten. Sie gehört zu den kleinsten bisher bekannten Insekten.

"Ich bin jedes Mal überrascht von der Anzahl der in allen Organismenreichen entdeckten Arten – wir sind weit davon entfernt, die Biodiversität auf der Erde komplett zu kennen", konstatiert Valdecasas. Das aber wirke sich nicht nur auf die Schutzbemühungen auch, es erschwere es auch, unsere eigene Entwicklungsgeschichte zu verstehen. "Wir sind eine veränderte Version unserer Vorfahren – bis zurück zu den ersten Arten der Erde", ergänzt Wheeler. "Mit dem Verlust jeder Art verlieren wir ein Kapitel unserer Geschichte, das wir niemals zurückbekommen werden."

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Der italienische Ökologe und Insektenforscher Gianumberto Accinelli erklärt Dominoeffekte in der Natur kindgerecht und mit einer Prise Humor. Sein Sachbuch ist Wissensbuch des Jahres 2017 in der Kategorie Perspektive.

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