Abstimmen macht altruistischer

Abstimmen hilft gegen Eigennutz (thinkstock)

Unsere Nachkommen werden es schwer haben: Längst sind viele natürliche Ressourcen knapp und mit dem Klima sieht es auch nicht sonderlich gut aus. Das Dilemma dabei: Soll es künftigen Generationen gut gehen, müssen wir heute Einschnitte in Kauf nehmen und so altruistisch scheint kaum jemand zu sein – oder doch? Ein psychologisches Experiment von US-Forschern zeigt eine ungewöhnliche Lösung für das Generationenproblem: Demokratie. Stimmten die Teilnehmer gemeinsam darüber ab, wie viele Ressourcen sie für sich behalten und wie viele sie nachfolgenden Spielern hinterlassen wollten, blieb genügend im Topf übrig. Entschied jeder für sich, gingen die Nachfolger regelmäßig leer aus.

Der Mensch ist von Natur aus ein kooperatives Wesen – eigentlich. In Gruppen und Gemeinschaften neigen die meisten von uns dazu, anderen entgegenzukommen. Denn dann können wir umgekehrt auch Hilfe vom Gegenüber erwarten, nach dem Motto: eine Hand wäscht die andere. Doch wenn es um nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen oder Maßnahmen zum Klimaschutz geht, funktioniert dieser gegenseitige Ausgleich nicht. Zukünftigen Generationen zu helfen bringt keinen unmittelbaren Vorteil, stattdessen müssen Einbußen in Kauf genommen werden. "Es ist daher eine offene Frage, wie Menschen mit zukünftigen Generationen kooperieren können", erklärt Studienleiter Martin Nowak von der Harvard University in Cambridge. Um dies zu testen, führten er und seine Kollegen ein Spielexperiment durch.

Kooperative Mehrheit torpediert von Einzelkämpfern

Dafür teilten die Forscher ihre Versuchspersonen in Fünfergruppen auf und gaben jeder ein Budget von 100 Werteinheiten. Jede Einzelperson durfte bis zu 20 Einheiten aus dem gemeinsamen Topf nehmen, aber es gab einen Haken: Überschritt die Gruppe zusammen die Grenze von 50 entnommenen Einheiten, gingen alle nachfolgenden Spielergruppen leer aus. Blieben sie dagegen darunter, bekamen die Nachfolger das gleiche Budget wie die aktuelle Gruppe. Obwohl das Spiel klar ersichtlich darauf zielte, die Ressourcen für die Nachfolgenden zu bewahren, war das Ergebnis in nahezu allen Durchgängen das gleiche, wie die Forscher berichten: Zwar verhielt sich die Mehrheit der Spieler fair und entnahm nur jeweils zehn Einheiten, es war aber in jeder Gruppe mindestens eine Person dabei, die die vollen 20 Einheiten für sich beanspruchte – und damit das Gruppensoll überschritt.

"Dies illustriert, warum der freie Markt es nicht schafft, die Probleme des Klimawandels zu lösen", sagt Nowak: Zwar sind durchaus die meisten gewillt, kooperativ zu handeln und sogar altruistisch. Doch es gibt immer auch einige, die nicht bereit sind, zurückzustecken. Triebkraft für diese scheinbar unsoziale Handlung sei dabei aber weniger Egoismus als vielmehr die Angst vor dem Übervorteilt werden, wie die Forscher erklären. Man ist nur dann bereit, zu kooperieren, wenn man sicher gehen kann, dass alle anderen es auch tun. Ist dies nicht der Fall, sichert man sich lieber selbst seinen Anteil, bevor es ein anderer tut und man umsonst Opfer gebracht hat. "Selbst wenn man eigentlich mit der Zukunft kooperieren möchte, tut man es nicht, weil man Angst hat, in der Gegenwart ausgenutzt zu werden", so Nowak.

Nachhaltiger durch bindende Abstimmung

Dies wenig ermutigende Ergebnis änderte sich jedoch dramatisch, als die Forscher einen ganz neuen Faktor in die Spielregeln einbrachten: Demokratie. Alle fünf Gruppenmitglieder stimmten nun darüber ab, wie viele Einheiten pro Person entnommen werden sollten, der Mittelwert ihrer Wünsche durfte dann umgesetzt werden. "Als wir dieses System einführten, wurden die Ressourcen in praktisch jedem Durchgang erhalten", berichtet Nowak. Denn die Mehrheit der altruistisch Handelnden verhinderte den eigennützigen Alleingang Einzelner. Gleichzeitig aber sorgte das bindende Abstimmungsergebnis dafür, dass alle Gruppenmitglieder am Ende gleich abschneiden – keiner kann den andern übervorteilen. "Viele Bürger sind durchaus bereit, für das Gemeinwohl Opfer zu bringen - Wir benötigen aber Institutionen und Rahmenbedingungen, die ihnen dabei helfen", konstatieren die Forscher.

Allerdings: Ihr Experiment macht auch sehr deutlich klar, warum das Kyotoprotokoll und ähnliche Bemühungen nur wenig bringen: Mussten sich nur drei der fünf Gruppenmitglieder an das Ergebnis halten, wurde die Grenze wieder jedes Mal überschritten und für die Nachfolgespieler blieb nichts mehr übrig. "Man verschwendet seine Zeit, wenn die Abstimmungsergebnisse und Vereinbarungen nicht für alle bindend sind", erklärt Koautor David Rand von der Yale University in New Haven. Auf der Ebene der internationalen Klimapolitik dürfte es jedoch schwer sein, dies zu erreichen, solange eine Verletzung der Regeln keine wirklichen Nachteile bringt, meint auch Louis Putterman von der Brown University in einem Kommentar in der gleichen "Nature"-Ausgabe. "Die ermutigende Erkenntnis, dass die Mehrheit durchaus opferbereit ist, muss daher ergänzt werden durch die Einigkeit darüber, dass man dann auch eine Struktur benötigt, die sicherstellt, dass sich alle dran halten."

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar
25.06.2014
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