Tierische Einwanderer

Darkone cc-by-sa-Lizenz " target="_blank" href="/documents/11459/13036/wachb_r/008b84d1-506f-4151-a8db-aa2b207ef52d?imageThumbnail=4">  Der Noramerikanische Waschbär ist mittlerweile auch in Europa heimisch Foto: <a href=Darkone cc-by-sa-Lizenz " title=" Der Noramerikanische Waschbär ist mittlerweile auch in Europa heimisch Foto: Darkone cc-by-sa-Lizenz " />
Der Noramerikanische Waschbär ist mittlerweile auch in Europa heimisch Foto: Darkone cc-by-sa-Lizenz
Nandus in Mecklenburg-Vorpommern, Halsbandsittiche im Rheinland und Waschbären in fast ganz Deutschland: Das sind nur einige der auffälligsten Tierarten, die in Mitteleuropa einen neuen Lebensraum gefunden haben. Neozoen nennen Wissenschaftler solche wildlebenden Tiere. Für viele Menschen sind die Einwanderer in erster Linie Eindringlinge und Fremdlinge, die die heimische Fauna verfälschen. Diese Angst vor dem Unbekannten und vor Veränderungen ist meist unbegründet, erklären Wissenschaftler jedoch: Die meisten Einwanderer gefährden die Tierwelt Deutschlands und Mitteleuropas nicht. "Mitteleuropa ist seit der letzten Eiszeit von Einwanderern geprägt. Die Tierwelt musste sich deshalb immer wieder mit Neuankömmlingen auseinandersetzen", erklärt Professor Ragnar Kinzelbach von der Universität Rostock. Es ist deshalb der Regelfall, dass sich die alteingesessenen und die neuen Tierarten miteinander arrangieren. Dennoch gibt es auch hierzulande Neueinwanderer, die Zoologen mit Sorge beobachten.
Von den 1.500 in Deutschland bis jetzt erfassten nicht einheimischen Tierarten haben etwa 300 stabile Bestände. Von diesen haben sich wiederum etwa 50 invasive Arten zumindest lokal stark ausgebreitet und wirken sich in unerwünschter Form auf Mensch und Ökosysteme aus. Ihr Einfluss ist in Mitteleuropa aber längst nicht so dramatisch wie auf Inseln im Pazifik oder wie in Australien und Neuseeland: In diesen abgeschiedenen Inselökosystemen wirken sich Störungen dramatisch aus – bis hin zur Ausrottung der ursprünglichen Arten. "Die verständlicherweise mittlerweile feindselige Haltung der Neuseeländer und Australier gegenüber den fremden Arten wird oft einfach auf Deutschland übertragen, ohne die Unterschiede in den Lebensräumen zu beachten", sagt der Neozoen-Experte Kinzelbach.

Kinzelbach weist auch auf die Fähigkeit unserer Ökosysteme zur Selbstregulierung hin: "Fasst eine neue Art Fuß, breitet sie sich zuerst übermäßig aus, so dass sie bedrohlich erscheint. Auf einmal bricht dann der Bestand wieder zusammen und bleibt dann auf einem tolerierbaren Niveau." Ein solcher Verlauf ist für Neozoen typisch und führt oft zu falschen Einschätzungen.

Sind die Tiere erst einmal da, ist es häufig für wirkungsvolle Gegenmaßnahmen ohnehin zu spät und es bleibt nur noch zu lernen, damit zu leben. Dennoch ist es unbestritten, dass einige der Einwanderer einheimische Arten verdrängen können – wenn auch bis jetzt noch keine durch einen Neozoon ausgerottet wurde. Zu den wenigen Neozoen mit großem Einfluss gehört das amerikanische Grauhörnchen, das in England seinem Verwandten, dem Eichhörnchen, den Lebensraum streitig macht. Weil das robuste Grauhörnchen zudem ein für die Eichhörnchen tödliches Virus überträgt, sind in großen Teilen Englands die Eichhörnchen verschwunden. Das Grauhörnchen wird in einigen Jahren bis Jahrzehnten auch in Mitteleuropa erwartet, denn auch von Italien aus breitet sich eine Population aus.

Auch Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) betont, dass Neozoen nicht per se problematisch sind: "Die Halsbandsittiche im Rheinland etwa sehen wir als eine Tierart an, die bisher keine einheimischen Vögel verdrängt und durchaus eine Bereicherung darstellt. Mitten in Deutschland eine farbige Papageienart zu beobachten, ist schon etwas Spezielles". Diese Sittiche gehen auf einige freigelassene Vögel zurück und brüten seit den 1990er Jahren erfolgreich – mittlerweile leben einige tausend Halsbandsittiche im Rheinland und in Nordrhein-Westfalen.

Dennoch bereitet dem Zoologen aus Berlin alleine die enorme Masse an neuen Tierarten Sorgen. Die Ökosysteme würden durch den Menschen mit hoher Geschwindigkeit durcheinandergewürfelt – ein Experiment mit unbekannten Folgen. Seiner Meinung nach sind oft nicht einmal die Einwanderer selbst das Problem, sondern vielmehr die durch sie eingeschleppten Krankheiten. So wird etwa der Aal durch einen Parasiten dezimiert, der von kleinen Krebstieren aus Asien übertragen wird und der europäische Edelkrebs ist stark zurückgegangen, weil ihn sein amerikanischer Verwandter mit der Krebspest infiziert. "Gerade in Ökosystemen im Wasser werden viele Neozoen zum Problem, weil diese Lebensräume durch den Menschen häufig stark gestört sind und die Neulinge deshalb wenig Konkurrenten haben."

Hier will der NABU vor allem mit präventiven Maßnahmen vorgehen. So sollten etwa Schiffe ihr Ballastwasser vor dem Ablassen filtern oder chemisch behandeln, um Organismen aus fernen Gewässern abzutöten. Prävention hält auch Kinzelbach für sehr wichtig, meint aber, dass der Zug gerade bei Gewässerlebensräumen längst abgefahren sei. Denn: "Schon die ersten Seefahrer haben von ihren Reisen fremde Organismen nach Europa gebracht", erklärt er. Die verschleppbaren Arten seien deshalb wohl alle schon hier bei uns.

Über die Schwierigkeiten der Bekämpfung von problematischen Neozoen sind sich Heiermann und Kinzelbach hingegen einig. Meist seien nur zu Beginn der Neozoen-Besiedlung erfolgversprechende Maßnahmen möglich, die eine Ausbreitung effizient eindämmen oder die Tiere sogar völlig entfernen. "Gerade die auf den ersten Blick verlockende Idee, die Einwanderer durch die Einführung ihrer Feinde in Schach zu halten, hat das Problem stets nur noch verschlimmert", sagt Heiermann.
Von ddp-Korrespondent Thomas Neuenschwander


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