Die vergessenen Pharaonen

Wikipedia.de, gemeinfrei " target="_blank" href="/documents/11459/13036/avaris/68c65093-1e4b-4a10-97ff-84dc59ae71a3?imageThumbnail=4">  Die Wandmalerei aus der Stadt Auaris, die gegen 1750 vor Christus etwa 30.000 Einwohner beherbergte. Foto: <a href=Wikipedia.de, gemeinfrei " title=" Die Wandmalerei aus der Stadt Auaris, die gegen 1750 vor Christus etwa 30.000 Einwohner beherbergte. Foto: Wikipedia.de, gemeinfrei " />
Die Wandmalerei aus der Stadt Auaris, die gegen 1750 vor Christus etwa 30.000 Einwohner beherbergte. Foto: Wikipedia.de, gemeinfrei
Sie kamen aus dem Osten, überfielen das Land, zerstörten Städte und Tempel und verschleppten Frauen und Kinder als Sklaven: So schilderte im 3. Jahrhundert vor Christus der ägyptische Geschichtsschreiber Manetho den Einfall der Hyksos im pharaonischen Reich am Nil. Dieses Volk war aus dem heutigen syrisch-libanesischen Raum gekommen und nahm etwa ein Jahrhundert lang eine machtvolle Rolle in der Hochkultur am Nil ein. Doch ihre Machtübernahme war keineswegs blutig abgelaufen – hier irrte Manetho mit seinem Bericht, den er auch erst mehr als tausend Jahre nach Ende der Herrschaft der Hyksos verfasste. Die Asiaten waren vielmehr als Wirtschaftsflüchtlinge ins Land gekommen und hatten sich über Jahrhunderte hinweg hochgearbeitet.
Es war die Zeit um etwa 2000 bis 1800 vor Christus. Das pharaonische Reich am Nil litt unter akutem Mangel an Arbeitskräften – ein Bedarf, den auch Menschenraubzüge im schwarzafrikanischen Nubien nicht decken konnten. Da kam der stetige Strom von Zuwanderern aus dem syrisch-libanesischen und dem südpalästinensischen Raum gerade recht. Es waren Arbeiter auf der Suche nach einem besseren Auskommen. "Die Fleischtöpfe Ägyptens haben schon immer gelockt", erklärt der Wiener Archäologe Manfred Bietak in
in der Dezemberausgabe der Zeitschrift "bild der wissenschaft" die Gründe der Einwanderungswelle.

Die Menschen, die sich im östlichen Nildelta als Landarbeiter, Köche, Diener, Weberinnen, Winzer oder Brauer verdingten, brachten auch ihre Kultur und Religion mit in die neue Heimat: Sie pflegten ihren eigenen Stil im Hausbau und in der Anfertigung von Keramik, und sie huldigten ihren Gottheiten. Auf Hinterlassenschaften dieser Kultur stieß der Wiener Archäologe Manfred Bietak bei seinen Ausgrabungen: Bereits seit 1966 ist er den Hyksos auf der Spur und entdeckte jetzt in Auaris, der Hauptstadt der Hyksos, einen Tempel in vorderasiatischer Bauweise. Der Tempel stammt aus dem Jahr 1700 vor Christus, dürfte aber nicht der erste gewesen sein, vermutet Bietak.

Neben den einfachen Arbeitern kamen gegen 1750 vor Christus zunehmend auch Fachleute aus dem heutigen Libanon an den Nil. Schiffsbauer und Matrosen, Segelmacher, Soldaten und Handelsleute. Die Einwanderer etablierten Pferde und den Streitwagen zur Kriegsführung und trugen damit zur militärischen Aufrüstung des pharaonischen Reichs bei. Mit dessen Führung ging es einstweilen bergab: In schneller Folge lösten sich die Herrscher ab, so dass die durchschnittliche Regierungszeit schließlich nur noch etwas über drei Jahre betrug.

Dieses Machtvakuum konnte eine elitäre Schicht der Einwanderer, die es bereits zu Wohlstand und großem Ansehen gebracht hatten, nutzen: Es gelang ihnen, die Kontrolle zunächst über kleinere Regionen im Nildelta an sich zu reißen und schließlich weite Teile Ägyptens zu beherrschen. Selbst in Oberägypten, dreißig Kilometer südlich von Luxor, hatten die Herrscher Männer unter Waffen stehen.

Zentrum dieses Herrschaftsbereichs war Auaris, im Osten des Nildeltas nahe der heutigen Provinzhauptstadt Faqus gelegen. Durch massive Einwanderung wuchs die Einwohnerzahl schnell auf 30.000 Menschen – "alles Asiaten", wie Bietak glaubt. Die Machtzentrale dieser Hyksos-Könige, die sich bald auch Pharaonen nannten, war ein Palast, dessen Größe auf 12.000 Quadratmeter geschätzt wird. Damit hätte der Regierungssitz etwa die Fläche des heutigen Bundeskanzleramts in Berlin eingenommen, wie der Archäologie-Journalist Michael Zick in "bild der wissenschaft" schreibt. Die Repräsentationsräume und den Thronsaal haben die Ausgräber um Bietak zwar noch nicht entdeckt, doch was bisher ans Tageslicht kam, belegt: Die Architektur des Palasts war durchgehend vorderasiatisch und zeigt keine ägyptischen Einflüsse.

Die Abfolge aller Namen dieser asiatischen Pharaonen ist noch ungewiss, doch wahrscheinlich waren es sechs Herrscher, die nacheinander den Thron bestiegen. Der erste bedeutende Pharao war Chajan, dessen Beziehungen bis nach Kreta, Syrien und sogar nach Zentralanatolien reichten. Das belegen Siegelbruchstücke und Deckel von Steindöschen mit seinem Namen, die als Geschenke von Herrscherhaus zu Herrscherhaus gegangen waren. Chajan muss von Pferden begeistert gewesen sein, vermuten die Archäologen: Eine fünf bis zehn Jahre alte Stute ließ er, auf die Seite gebettet, in seinem Palast bestatten. Auch Gelage zu Ehren des Königs dürfte es dort gegeben haben.

Das Ende der Hyksos-Herrscher kam aus dem Süden: Dort, im mittelägyptischen Theben, herrschten ägyptischen Könige, die jahrzehntelang mit den Machthabern in Auaris in friedlicher Koexistenz gelebt hatten und zumindest teilweise auch von ihnen eingesetzt worden waren. Um 1530 vor Christus kündigte einer des Pharaonen, Kamose, das friedliche Miteinander auf und zog gegen die Asiaten in den Krieg. Dieser erste Feldzug scheiterte, doch Kamoses Nachfolger Ahmose war erfolgreicher: Mit seiner Armee eroberte er Auaris, brannte den Palast nieder und vertrieb die Herrscherschicht.

Die asiatische Bevölkerung hingegen durfte bleiben, denn sie wurde gebraucht, bauten Ahmose und seine Nachfolger die Stadt wegen ihres günstigen Hafens doch zur Drehscheibe für Handel und Eroberungszüge im Vorderen Orient weiter aus, berichtet Irene Forstner-Müller, die zweite Grabungsleiterin neben Bietak und neu ernannte Leiterin des Österreichischen Archäologischen Instituts in Kairo. Mit der Vereinigung von Theben und dem einstigen Hyksos-Reich entstand das "Neue Reich", das später mit so glanzvollen Namen wie Hatschepsut, Echnaton, Nofretete und Ramses II verbunden sein wird. Die Namen der einstigen Herrscher aus Asien hingegen sind und bleiben heute weitgehend vergessen.
ddp/wissenschaft.de - Ulrich Dewald


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