Ein Keller voller Schuhe

Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 2.0) " target="_blank" href="/documents/11459/13036/kaufsucht_onl/4d3ef9a3-6a0d-4932-8175-aba771e9d7ac?imageThumbnail=4">  Verhaltenstherapie kann gegen Kaufsucht helfen. Foto: Tom Harpel, <a href=Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 2.0) " title=" Verhaltenstherapie kann gegen Kaufsucht helfen. Foto: Tom Harpel, Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 2.0) " />
Verhaltenstherapie kann gegen Kaufsucht helfen. Foto: Tom Harpel, Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 2.0)
Immer mehr Menschen sind kaufsuchtgefährdet. Sie brauchen laufend neue Ware für einen flüchtigen Moment des Glücks. Dabei wird das achtzigste Paar Schuhe ebenso wenig gebraucht wie der siebte MP3-Player. Forscher testeten jetzt erstmals Therapien gegen das Volksleiden – und konnten helfen.
Beim ersten Anblick war Michael Neuner erschüttert. Im Keller der Frau türmten sich die Tüten bis unter die Decke, soweit das Auge reicht. Unmöglich, den Raum auch nur zu betreten. Aus den Einkaufstaschen quellen Kleidungsstücke, an denen noch das Etikett hängt, unberührt und ungetragen. Der Schock sitzt tief, obwohl Michael Neuner längst weiß: Die Dame ist kaufsüchtig. Sie hat sich an ihn gewandt, weil er sich am Transatlantik-Institut der Fachhochschule in Ludwigshafen mit dem pathologischen Kaufen beschäftigt.

Laut Neuner empfinden die Betroffenen den unwiderstehlichen Drang zu kaufen. Beim Anblick der Ware verlieren sie jegliche Kontrolle und fühlen sich gezwungen zuzuschlagen. Unbehandelt nimmt diese Impulskontrollstörung immer drastischer Ausmaße an: Es wird immer mehr und immer teurer eingekauft. Nur im Moment der Kaufhandlung macht sich dabei ein Gefühl der Befriedigung breit, das kurz darauf oft in Schuldgefühle umschlägt, weil den Betroffenen bewusst wird, dass sie einer unnötigen Besorgung verfallen sind.

„Fast immer kaufen die Betroffenen Produkte, die sie nie benutzen, die sie dann zuhause aufbewahren oder verschenken“, schildert Neuner. Nicht selten fällt die Verhaltensstörung erst auf, wenn das Konto aufgrund der ständigen Ausgaben ins Minus rutscht. Die existenzbedrohende Situation erlaubt es dann nicht länger, vor dem seelischen Problem die Augen zu verschließen.

Obwohl das Phänomen der Kaufsucht bislang kaum von sich Reden machte, ist es ähnlich weit verbreitet wie Depressionen. Der Leipziger Psychiater Emil Kraepelin beschrieb es schon Anfang des 20. Jahrhunderts als „Oniomanie“. Inzwischen sind etwa acht Prozent der Deutschen kaufsuchtgefährdet, errechneten die Ludwigshafener Kaufsuchtforscher aus einer Umfrage. „Ich gehe davon aus, dass die Zahl weiter steigen wird“, so Neuner.

Frauen und Männer bevorzugen dabei unterschiedliche Produkte: Während Sie zu Schuhen, Kleidung, Kosmetika oder Lebensmitteln greift, bedient Er sich bei elektronischen Geräten und Sportartikeln. Mit den Käufen kompensieren die Betroffenen ein mangelndes Selbstwertgefühl oder verdrängen Ängste, nennt Neuner eine der Ursachen. Aber auch die Verlockungen des Shoppings waren nie größer als heute. Sonderangebote winken an jeder Ecke, Ware kann in Raten oder auf Kredit erworben werden oder im Internet mit einem Klick. Das Geld entschwindet unterdessen still und unsichtbar aus dem Portemonnaie.

Obwohl die Kaufsucht viele Haushalte belastet und Beziehungen ruiniert, hatte bislang niemand systematisch untersucht, wie den Betroffenen geholfen werden kann. Martina de Zwaan von der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung der Universität Erlangen-Nürnberg hat diese Lücke nun geschlossen. Sie unterzog eine Gruppe von 62 Kaufsüchtigen zehn Wochen lang einer Verhaltenstherapie.

Zunächst wurde das Kaufverhalten analysiert. Alle Einkäufe müssen protokolliert werden. „Ein unverzichtbarer erster Schritt ist, zwischen unangemessenen und angemessenen Einkäufen zu unterscheiden“, schildert sie. „Die Gruppendynamik macht dabei sehr viel aus, weil die Betroffenen sich gegenseitig besser entlarven können.“ In der Realität werden die unnützen Besorgungen oft als notwendig gerechtfertigt. Eine Patientin habe beispielsweise einmal im Monat ihre Wohnung umdekoriert und musste dafür laufend Deko-Artikel kaufen. Erst nachdem die unnötigen Käufe aufgedeckt sind, wird in der Therapie nach möglichen Auslösern gesucht.

Mit dieser Behandlungsmethode konnte de Zwaan einen großen Erfolg verbuchen: Alle Teilnehmer profitierten von der Gruppentherapie. Sehr viele konnten ihre Kauflust kontrollieren. Ein halbes Jahr danach hatte niemand einen Rückfall erlitten, wie sie im Journal of Clinical Psychiatry berichtet. Etwas weniger wirksam erwies sich die Therapie bei jenen Teilnehmern, die die gekauften Produkte horten. Man muss das Horten in die Therapie einbeziehen, glaubt de Zwaan. Sie möchte die Therapie dafür weiterentwickeln.

Die Betroffenen werden aber auch nach der Therapie nicht geheilt sein. Sie werden immer wieder den Drang verspüren, viel einzukaufen. Es wird auch Rückfälle geben, stellt de Zwaan klar. Kaufen ist gesellschaftlich anerkannt, weder tabuisiert noch entbehrlich wie Drogenkonsum. „Absolute Abstinenz kann kein Therapieziel sein“, sagt die Erlanger Wissenschaftlerin. Kaufanfällige Gemüter müssen lernen, mit ihrem Faible umzugehen und einen einmaligen Kaufrausch als Warnsignal zu verstehen, um Maßnahmen zu ergreifen.

Seit die Erlanger Gruppe Therapiesitzungen für Kaufsüchtige anbietet, melden sich mehr und mehr Betroffene. Längst reichen die Plätze in den Kursen nicht mehr aus. De Zwaan hofft nun, dass andere Psychotherapeuten ebenfalls die spezifische Therapie nach James Mitchell anbieten.
ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner


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