Erinnerungen an das Selbst

 Was bleibt ist oft nicht einmal mehr die Erinnerung © Gerd Altmann / PIXELIO
Was bleibt ist oft nicht einmal mehr die Erinnerung © Gerd Altmann / PIXELIO
Manche Menschen verlieren plötzlich die Erinnerungen an ihr Leben und erkennen selbst ihre nahen Angehörigen nicht mehr. Andere erinnern sich besonders gut an Ereignisse ihres Lebens, und ganz wenige haben sogar fast jeden Tag noch präsent. Die moderne Gehirnforschung untersucht, welche Prozesse diesen Phänomenen zugrunde liegen. Die Ergebnisse geben einen Einblick, wie das autobiographische Gedächtnis zustande kommt und welche Regionen im Gehirn dabei eine Rolle spielen.
Es klingt wie der beliebte Scherz "Ich geh‘ nur schnell Zigaretten holen": Ein 37-jähriger Mann geht eines Morgens zum Einkaufen, kehrt jedoch nicht mehr zurück, sondern durchquert mit seinem Fahrrad halb Deutschland. Schließlich wird er in eine Nervenklinik aufgenommen, wo sich herausstellt, dass er sich nicht mehr an seine Vergangenheit erinnern kann. Auch seine Frau und seine Kinder erkennt er nicht wieder.

Der Mann leidet unter einem sogenannten psychogenen Fugue-Zustand , erläutert der Neurowissenschaftler Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld. Menschen mit diesem Störungsbild verlieren allein durch psychische Faktoren, häufig durch extremen Stress, plötzlich die Erinnerung an ihr Leben. Gerade diese extremen Gedächtnisausfälle sind es, die Markowitsch interessieren: Er untersucht das autobiographische Gedächtnis, das die Erinnerungen an das eigene Leben abspeichert. Im Mittelpunkt steht für ihn dabei vor allem die Frage, welche Gehirnregionen dafür benötigt werden.

"Autobiographische Erinnerungen sind wesentlich komplexer als die Erinnerung an Fakten oder Bewegungsabläufe", erläutert er. "Denn sie sind immer mit Gefühlen und mit der eigenen Person verbunden. Deshalb sind sie auch besonders anfällig für Fehler oder Ausfälle." Denn um eine solche Erinnerung abrufen zu können, müssen die Hirnregionen, die für die einzelnen Teilprozesse zuständig sind, geordnet zusammenarbeiten. Dabei spielen Teile des Stirnhirn und des Schläfenlappens eine Rolle, aber auch Bereiche des limbischen Systems, die Erinnerungen mit emotionalen Tönungen versehen.

Verliert jemand von einem Augenblick auf den anderen die Erinnerung an sein Leben, könnte eine massive Ausschüttung von Stresshormonen dahinterstecken, nimmt Markowitsch an. Untersuchungen des Gehirns mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) zeigen, dass bei Patienten mit psychogener Fugue die Kommunikation zwischen den betroffenen Hirngebieten gestört ist – mit dem Ergebnis, dass die eigene Vergangenheit plötzlich nicht mehr da ist. Dagegen bleiben Fähigkeiten wie Lesen und Rechnen und gelernte Fakten meist vollständig erhalten.

Nicht immer jedoch löschen überwältigende, stressreiche Ereignisse die Erinnerungen an das Selbst. Sie können auch den gegenteiligen Effekt haben: In manchen Fällen führen sie dazu, dass man die Geschehnisse noch Jahre detailgetreu vor Augen hat. Bei solchen Flashbacks brennen sich die Ereignisse – zum Beispiel ein Unfall oder ein Kriegserlebnis – so stark ins Gedächtnis ein, dass die Betroffenen lange Zeit immer wieder das Gefühl haben, das Ereignis würde in diesem Moment noch einmal geschehen.

Ähnlich ist es auch bei Ereignissen, an die man sich besonders lebhaft erinnern kann. Dinge bleiben besonders dann im Gedächtnis haften, wenn sie mit starken positiven oder negativen Gefühlen verbunden sind, fand der Psychologe David Rubin von der Duke University in Durham (USA) heraus. Was man tagtäglich tut und als nicht besonders wichtig einstuft, gerät dagegen meist schnell wieder in Vergessenheit. Und das ist nach Ansicht von Gedächtnisforschern auch gut so. "Würde das Gehirn jedes Detail speichern und ständig verfügbar halten, würde das nur zu massiver Verwirrung führen", sagt der Psychologe Daniel Schacter von der Harvard-Universität in Cambridge, USA. Vergessen habe demnach die sinnvolle Funktion, veraltete oder unwichtige Informationen auszumustern.

Denn das, wovon viele träumen, kann in Wirklichkeit zur Belastung werden – das perfekte Gedächtnis. Ein Beispiel: Der Neurobiologe James McGaugh von der Universität Kalifornien in Irvine berichtet von einer 35-jährigen Frau, die darüber klagte, sich an jeden Tag ihres Lebens erinnern zu können. Genauere Untersuchungen ergaben, dass sie tatsächlich erstaunliche Fähigkeiten besaß: Nannte man ihr ein Datum, konnte die junge Frau genau angeben, was sie an diesem Tag gemacht hatte und wovon in den Nachrichten berichtet worden war. Diese Erinnerungen hätte sie ständig, berichtete die Patientin, "wie in einem Film, der nie aufhört".

Zu McGaughs Überraschung besaß sie jedoch kein fotografisches oder ungewöhnlich gutes Faktengedächtnis. Auch waren die Lebensbilder der Patientin längst nicht immer mit starken Gefühlen verbunden. Dies brachte den Forscher zu der Annahme, dass ihr Gehirn Schwierigkeiten haben könnte, unwichtige Dinge wieder zu vergessen. Untersuchungen zeigen, dass die Fähigkeit, unwichtige Erinnerungen zu unterdrücken, im Stirnhirn lokalisiert ist – einer Region, die für die willentliche Steuerung und die Hemmung von Informationen verantwortlich ist. Tatsächlich schnitt McGaughs Patientin in Tests, die solche Funktionen messen, verhältnismäßig schlecht ab.

Ein Defekt in diesem Erinnerungs-Hemmsystem könnte auch dahinter stecken, wenn sich jemand im Alter plötzlich wieder an Dinge erinnert, die er jahrelang vergessen hatte. Markowitsch erinnert sich etwa an den Fall einer 93-jährigen Frau, der nach über 80 Jahren wieder Gedichte wie Schillers "Die Bürgschaft" einfielen. "Das könnte mit dem Abbau von hemmenden Nervenzellen im Stirnhirn zu tun haben", sagt der Forscher.
ddp/wissenschaft.de – Christine Amrhein


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