Vielsagendes Nichts

 Kosmische Späher: Die insgesamt 27 Radioteleskope des Very Large Array in New Mexico, jedes mit 25 Metern Antennendurchmesser, haben den gesamten Nordhimmel durchmustert. In dem Katalog stießen Astronomen auf Anzeichen für einen riesigen Leerraum im All – möglicherweise der
Kosmische Späher: Die insgesamt 27 Radioteleskope des Very Large Array in New Mexico, jedes mit 25 Metern Antennendurchmesser, haben den gesamten Nordhimmel durchmustert. In dem Katalog stießen Astronomen auf Anzeichen für einen riesigen Leerraum im All – möglicherweise der "Abdruck" eines Paralleluniversums.
Forscher haben auf einer Himmelskarte einen riesigen Bereich entdeckt, in dem es ungewöhnlich wenig Radiostrahlung gibt. Ihre Schlussfolgerung: Es muss sich um ein Loch im All handeln – eine Region, in der es keine Materie und nicht einmal die rätselhafte Dunkle Materie gibt. Wie das Loch entstehen konnte, können sie bisher noch nicht klar sagen. Es gibt jedoch eine aufsehenerregende Vermutung: Das Fehlen von Sternen könnte auf den Einfluss eines Paralleluniversums zurückgehen. Das Loch wäre damit die erste Spur, die auf die Existenz eines solchen fremden Universums hinweisen würde.
Mitten im Sternbild Eridanus, südwestlich des Orions, ist nichts – und zwar ein Nichts mit einem Durchmesser von fast einer Milliarde Lichtjahren. Denn dort, glauben Astronomen verschiedenen Messungen entnehmen zu können, hat das Universum ein Loch: einen Bereich, acht Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt, in dem es keine Materie in Form von Galaxien, Sternen oder Staub gibt, kein Gas, ja noch nicht einmal die rätselhafte Dunkle Materie.

Sehen kann man die ungewöhnliche Leere mit bloßem Auge nicht. Doch sie hat indirekte Spuren hinterlassen, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft" in seiner September-Ausgabe. Das stärkste Indiz entdeckte der US-Astronom Lawrence Rudnick in einer Himmelskarte des Very Large Arrays (VLA). Die 27 zusammengeschalteten Radioteleskope hatten 82 Prozent des Himmels bei einer Frequenz von 1,4 Gigahertz durchmustert und dabei 1,8 Millionen Objekte erfasst – hauptsächlich Galaxien und Quasare.

In einem ausgedehnten Bereich mitten im Sternbild Eridanus ist die Strahlung geringer als in der Umgebung, entdeckten Rudnick und seine Kollegen. Rechnet man das auf eine Temperatur um, ist der Bereich etwa 14 tausendstel Grad kälter als seine Nachbarschaft. Rudnicks Schlussfolgerung: Dieses Strahlungsdefizit muss auf einen enormen Leerraum in der Region zurückgehen. Zwar kennen Astronomen eine ganze Reihe leerer Bereiche, denn das Universum ähnelt, in großem Maßstab betrachtet, dem Seifenschaum in einer Badewanne – die Leerräume entsprechen den Blasen und die Galaxienhaufen bilden die Seifenhäute. Doch die meisten dieser Blasen sind zwischen 40 und maximal 400 Millionen Lichtjahre groß.

Das Ausmaß des Eridanus-Lochs, zeigten Berechnungen, muss hingegen wahrhaft gigantisch sein: Es erstreckt sich über 900 Millionen Lichtjahre und hat damit das 1000-fache Volumen eines durchschnittlichen Leerraums. "Es fällt selbst Astronomen schwer, sich vorzustellen, wie groß das ist", sagt Rudnick. "Nicht nur, dass keiner jemals zuvor ein Loch dieses Ausmaßes gefunden hat. Keiner hat auch überhaupt nur erwartet, eines dieses Ausmaßes zu finden."

Momentan ist Rudnick dabei, die Daten von weiteren und noch genaueren VLA-Messungen auszuwerten, um die Existenz seines Lochs zweifelsfrei nachweisen zu können und damit Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eine Frage wird er damit aber nicht klären: Wie konnte sich der riesige Leerraum überhaupt bilden? Eine zufällige Dichteschwankung im Urgas, aus dem später alle Sterne, Galaxien und Galaxienhaufen entstanden sind, ist so unwahrscheinlich, dass sie als Erklärung ausscheidet.

Noch spekulativer klingt aber die Theorie von Laura Mersini-Houghton: Die Physikerin von der University of North Carolina denkt, der Einfluss eines Paralleluniversums habe die Region leergefegt. Doch so unglaublich das auch erscheinen mag, Mersini-Houghton hat ein unschlagbares Ass im Ärmel, berichtet "bild der wissenschaft": Sie sagte die Existenz von Superlöchern wie dem Eridanus-Leerraum schon vor dessen Entdeckung vorher. Bereits im Jahr 2006 argumentierte sie, dass es riesige verwaiste Regionen geben könnte, wenn gleichzeitig mit unserem Universum auch noch andere aus einem Quantenvakuum entstanden sind.

Denn dann wären diese verschiedenen Universen von Anfang an miteinander verbunden gewesen – und zwar durch eine Quantenverschränkung, die Albert Einstein schon beschrieben und "spukhafte Fernwirkung" genannt hatte. "Ein solcher verschränkter Zustand bleibt für immer bestehen", erläutert Laura Mersini-Houghton. Das gilt auch dann, wenn sich die einzelnen Universen weit voneinander entfernt haben. "Obwohl die Inflation" – also die extreme Aufblähung des Universums direkt nach dem Urknall – "unsere Region rasch aus der Reichweite der anderen Universen katapultierte, sollten diese noch immer in Quantenbeziehungen zu unserem stehen".

Dort, wo eine solche Beziehung zu einem Nachbaruniversum besteht, wirkt eine der Gravitation entgegengesetzte Kraft auf unser Universum – so, als würde das Paralleluniversum an unserem Universum ziehen und damit die Galaxienbildung unterdrücken. Die Folge: ein riesiges Loch. Tatsächlich sollte es sogar noch ein zweites Superloch am nördlichen Himmel geben, hat Mersini-Houghton errechnet. Sollte sie es tatsächlich finden und sollte Lawrence Rudnick zudem seine Entdeckung bestätigen können, stünde die Astronomie und wohl auch die ganze Menschheit vor einer Sensation: der ersten Spur eines fremden Universums.
ddp/wissenschaft.de - Rüdiger Vaas


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Eine kurzweilige Führung durch den Bienenstock mit einer erhellenden Dosis Wissenschaft – das bietet das Buch "Die Honigfabrik" von Jürgen Tautz.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe