Überschätzte Tausendsassa

PLoS Biology Vol. 4, No. 2, e29 " target="_blank" href="/documents/11459/13036/neuron/feb30d50-55b2-419e-924c-23c68aefd8ff?imageThumbnail=4">  Dass es auch unter den menschlichen Nervenzellen Spiegelneurone gibt, ist nach Ansicht einiger Wissenschaftler noch nicht ausreichend belegt. Bild: Wei-Chung Allen Lee et al.: <a href=PLoS Biology Vol. 4, No. 2, e29 " title=" Dass es auch unter den menschlichen Nervenzellen Spiegelneurone gibt, ist nach Ansicht einiger Wissenschaftler noch nicht ausreichend belegt. Bild: Wei-Chung Allen Lee et al.: PLoS Biology Vol. 4, No. 2, e29 " />
Dass es auch unter den menschlichen Nervenzellen Spiegelneurone gibt, ist nach Ansicht einiger Wissenschaftler noch nicht ausreichend belegt. Bild: Wei-Chung Allen Lee et al.: PLoS Biology Vol. 4, No. 2, e29
Vor gut zehn Jahren entdeckten Forscher bei Affen Gehirnzellen, die sowohl bei eigenen als auch bei beobachteten Bewegungen aktiv werden. Die seitdem als Spiegelneuronen bezeichneten Zellen werden von vielen Wissenschaftlern als Erklärung für Empathie, Einfühlungsvermögen und sogar Sprache herangezogen. Doch es gibt auch skeptische Stimmen, die diese Vermutungen für übertrieben und unbelegt halten – und sogar bezweifeln, dass es Spiegelneuronen im engeren Sinn überhaupt gibt.
"Eine der wichtigsten Entdeckungen des vergangenen Jahrzehnts", "nobelpreiswürdig" und "vergleichbar mit der Entdeckung der Erbsubstanz DNA": Wenn es um Spiegelneuronen geht, scheint es für manche Forscher gar nicht genug Superlative zu geben, um diese ganz besonderen Gehirnzellen zu beschreiben. Gemeint sind jene Zellen, die nicht nur dann feuern, wenn zum Beispiel ein Affe selbst eine Bewegung ausführt, sondern auch dann, wenn er diese Aktivität lediglich bei einem Artgenossen beobachtet. Sie lösen also eine Art Echo im Gehirn aus, und zwar genau in dem Gehirnbereich, mit dem die Tiere Handlungen planen.

Seitdem ein italienisches Forscherteam diese ungewöhnlichen Zellen vor etwa zehn Jahren bei Rhesusaffen entdeckt hat, haben Spiegelneuronen Karriere gemacht: Sehr schnell vermuteten Wissenschaftler, dass auch der Mensch solche Spiegelzellen besitzen muss – und dass sie die Basis für Empathie, Einfühlungsvermögen, Mitleid und sogar Sprache und Kultur sein könnten, wie die Zeitschrift "bild der wissenschaft" in ihrer November-Ausgabe berichtet.

Allerdings sind nicht alle Forscher derartig überzeugt vom Potenzial der Spiegelneuronen. Dazu gehört beispielsweise auch die US-Entwicklungspsychologin Alison Gopnik aus Kalifornien. Ihr schlagkräftigstes Argument: Mit einer Ausnahme seien die Spiegelzellen beim Menschen noch nicht einmal zweifelsfrei nachgewiesen worden. Lediglich bei einer Patientin, der während einer Hirnoperation Mikroelektroden für die Ableitung elektrischer Nervenimpulse eingepflanzt wurden, zeigte eine einzelne Zelle eine typische Spiegelaktivität: Sie feuerte sowohl dann, wenn die Frau in den Finger gestochen wurde als auch dann, wenn sie zusah, wie ihrem Arzt dasselbe widerfuhr.

Praktisch alle anderen Studien, in denen nach den Neuronen gesucht wurde, verwendeten jedoch bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie – und diese sind nicht in der Lage, einzelne Nervenzellen sichtbar zu machen: "Wir erhalten Informationen über die gemittelte Aktivität von Hunderttausenden von Neuronen", erklärt Gopnik. Man sehe auf diese Weise Bereiche, die bei bestimmten Bewegungen aktiv werden, und solche, die beim Beobachten dieser Bewegungen aufleuchten. "Die bisherigen Ergebnisse erlauben lediglich den Schluss, dass diese beiden Aktivitätsmuster sich bis zu einem gewissen Grad überlappen", stellt die Psychologin klar.

Daraus zu schließen, dass die Zellen auch für Mitleid, Sprache und Moral zuständig sind, hält sie folgerichtig auch für sehr gewagt – vor allem, weil es derartige Fähigkeiten bei den nachgewiesenermaßen mit Spiegelneuronen ausgestatteten Affen gar nicht gibt. "Makaken besitzen weder Sprache noch Kultur, und sie sind nicht in der Lage, sich in ihresgleichen hineinzuversetzen. Sorgfältige Experimente haben gezeigt, dass sie außerstande sind, die Problemlösung eines Vorbildes systematisch nachzuahmen", berichtet Gopnik.

Gegen eine Beteiligung der Spiegelzellen an der Sprachfähigkeit sprechen auch noch andere Beobachtungen. So postulieren viele Forscher, das Sprachverständnis würde von der Aktivität von Spiegelneuronen im Sprachzentrum des Gehirns, dem Broca-Areal, abhängen. Würde das stimmen, erklärt der Neurowissenschaftler Greg Hickok in "bild der wissenschaft", müsste eine Verletzung des Broca-Areals neben der Fähigkeit zu sprechen auch das Sprachverständnis beeinträchtigen. Das sei jedoch nicht der Fall, wie viele Patienten mit einer Broca-Schädigung zeigten, die zwar keine Sätze mehr sprechen, sie aber problemlos verstehen können.

Überhaupt halten Gopnik und andere Skeptiker die Vorstellung, einzelne Zellen im Gehirn könnten sozusagen autonom arbeiten, für unwahrscheinlich. Ihre Begründung: Alle Nervenzellen im zentralen Nervensystem sind in ein Geflecht von Hunderttausenden anderer Zellen eingebettet und funktionieren, indem sie zusammen mit den anderen unterschiedliche Erregungsmuster bilden. Aus diesem Grund beeinflussen Kontext und komplexe Außenfunktionen psychische Funktionen in hohem Maße – was sich unter anderem darin widerspiegelt, dass man nicht mit jedem Menschen Mitleid hat, dessen Leid man mitansieht.

Gopnik selbst glaubt eher an eine andere Erklärung für die Echo-Aktivität bei den Affen. Die höheren Funktionen des Gehirns werden, so ihr Argument, von Erfahrung und Lernen geprägt. Das heißt, dass ein Affe, der eine Hand bewegt, dabei mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Bild seiner bewegten Hand vor seinem geistigen Auge sieht. Das würde wiederum die für das bewegte Handbild zuständigen Hirnzellen aktivieren – und diese reagieren natürlich auch auf die Beobachtung einer bewegten Hand bei einem anderen Tier.

Welche Erklärung stimmt oder ob die Wahrheit zwischen den beiden Extrempositionen liegt, muss erst noch in weiteren Studien untersucht werden. Bis dahin hält Gopnik die Spiegelneuronen weiterhin für einen Mythos – und zwar einen, der zusammenbricht, sobald man Experimente macht.
ddp/wissenschaft.de - Ilka Lehnen-Beyel


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