Unterwegs in der Weite des Südpolarmeeres

 Ungewöhnliche Perspektive vom Bugkran – oder auch
Ungewöhnliche Perspektive vom Bugkran – oder auch "das letzte Eis" Foto: Hannes Grobe, AWI
Die "Polarstern", das vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) betriebene Forschungsschiff, ist bereits seit Oktober 2005 auf einer Forschungsexpedition im Südpolarmeer unterwegs. Während des letzten wissenschaftlichen Fahrtabschnittes hat am 1. März das Internationale Polarjahr (IPY) begonnen. Aus diesem Anlass veröffentlicht wissenschaft.de in Zusammenarbeit mit "bild der wissenschaft" in einem Online-Logbuch Expeditionsberichte, die einen Einblick in die vielfältigen Forschungstätigkeiten geben. Es berichten Hans W. Hubberten (weitere Informationen zur Person), Hannes Grobe und die Expeditionsteilnehmer des Forschungsschiffs. Die Berichte erscheinen immer wieder an dieser Stelle und werden regelmäßig ergänzt.
Die Expedition hat am 2. Februar in Punta Arenas begonnen und führt mit hundert Teilnehmern quer durch das Weddellmeer zur deutschen Überwinterungsstation "Neumayer", die in Dronning Maud Land auf dem Ekström-Schelfeis liegt. Deutschland betreibt durch das AWI dort seit 1981 eine Dauerstation. Nach kurzem Aufenthalt mit Ladetätigkeiten zur Ver- und Entsorgung der Station geht die Reise entlang der antarktischen Küste nach Osten bis in den Bereich der Prydz-Bucht vor dem Amery-Schelfeis. In diesem bisher kaum erforschten Gebiet wird ein umfangreiches geowissenschaftliches Programm sowohl im Ozean als auch an Land durchgeführt. Die Fragestellungen umfassen die Kartierung des Meeresbodens, die jüngere Klimageschichte des Südpolarmeeres, die Glazialgeschichte des Kontinents und die Rolle der Antarktis in der Plattentektonik im Rahmen des Gondwanazerfalls. Kleinere biologische und ozeanographische Programme ergänzen diese interdiziplinäre Expedition, die nach einer abschließenden Beprobung vor den Kerguelen am 11. April in Kapstadt enden wird.

Der 5. und letzte Expeditionsbericht FS POLARSTERN
(Tafeleisberge hinter uns, Tafelberg voraus, 17. März bis Ostern 2007)

Die Zeit und die Kerguelen rufen, wir kehren der Antarktis das Achterschiff. Abfahrt aus einer erstarrenden Prydz-Bucht, Slalom durch den Garten der Tafeleisberge, produziert von einem Fünftel des antarktischen Schildes und festgefahren in den Untiefen vor der Bucht. Dazwischen bremst uns Resteis aus dem letzten Jahr, mit dicker Schneeauflage und Pinguingrüppchen. Die Adelies freuen sich über unsere Passage und springen raus aufs Eis und rein ins Wasser. Wir fahren raus in den offenen Ozean – ein 120-Meilen-Profil haben wir noch. 15 Lobster plumpsen ins Wasser, sinken auf 3500 Meter Tiefe, autonivellieren ihre kardanisch montierten Seismometer und lauern auf Schallwellen. Die Pulser holen tief Luft und die seismischen Wellen nehmen ihren Lauf.

Kräne hat‘s ohne Ende und alle sind orange, die Extremitäten des Schiffes. In Ruhe liegen sie mit artig zusammengefalteten Elementen und eingeknickten Gelenken auf ihrer Ablage. Unter Strom und Anweisung brummen sie in variablen Frequenzen, recken ihre Gliedmaßen in die Höhe, werfen raus und holen ein, unter voller Kontrolle von Bootsmann und Ladungsoffizier. Heute ist der Bugkran dran. Während der Fahrt. Außergewöhnliche Einstellungen fordern ungewöhnliche Werkzeuge und Perspektiven. Der Fotograf liegt vor dem Schiff in 10 Meter Höhe auf Krans Gitterrost und filmt bei 10 Knoten Fahrt die vor dem Schiffsbug zersplitternden Schollen, von einer 52-Millimeter- Stahlschneide geteilt. Eises Widerspruch lohnt nicht. Das Puschelmikro hängt per Stativ über den Handlauf und nimmt die unbeschreiblichen Geräusche des ersten Widerstandes, dann des Nachgebens und schließlich der völligen Zerstörung und Unterwerfung auf. Steuerbord und Backbord rauscht der Schollenschrott davon. Der Winter wird's richten.

Zum Wochenende hat der Fahrtleiter Hausaufgaben verteilt. Jede Expedition ist mit allem, was wissenschaftlich betrieben und geprobt wurde, in Form eines Fahrtberichtes mit verständlichen Grafiken und detaillierten Tabellen zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Und so resümieren die einen ihre Taten in den Laptop, die anderen verwerten Daten in einer ersten Prozesskette oder sortieren auch mal mit Muße die diversen Fotos auf der Festplatte. Apropos elektrische Speicher – als das Schiff 1982 zur Jungfernreise aufbrach, gab es nicht einen Rechner an Bord. Die ersten Polarstern-basierten Doktorarbeiten verwursteten ihre Ergebnisse in einem 64-kByte-Speicher. Auf dieser Reise fahren wohl 150 Rechner mit, verdrahtet in einem Netzwerk und angeschlossen über den Weltraum an das Internet. Und wenn einer mal kurz raus muss, z.B. um eine Pinguingruppe auf Eis mit der Digi-Kamera einzufangen, hat hinterher die Festplatte wieder ein halbes Gigabyte weniger Platz.

So langsam formen sich auch vor den Augen der dauerhaft Eingeschifften die Bilder derer mit Landerlebnissen. Die Begeisterung in leuchtenden Augen reißt jeden mit bei Schilderungen und Vorträgen. Über Schneedrift mit Windgeschwindigkeiten zum Anlehnen oder um in Siebenmeilenstiefeln den Berg hoch zu laufen oder einfach in die Ecke gepustet zu werden, Nächte mit grünen Polarlichtern über roten Tomaten, über die täglichen Landausflüge zu Gletschern und Bergen mit Rundumsicht über ein exotisches Archipel, für eine viel zu kurze Zeit im Besitz der Landgeologen. Bedauern klingt mit über die Abreise. Die fotografische Übersicht beim abendlichen Vortrag zeigt ein buntes Camp von antarktisgeprüften Zelten an einen Hang gekuschelt. Wir rätseln allerdings weiterhin, wie als Teil der Geologen Faszination diese Gewichte an harten und durch Eisenerze oft überdurchschnittlich schweren Felsbrocken haben zusammenkommen können. Jetzt flankieren sie schlummernd in blechernen Tonnen den Betriebsgang des Schiffes und harren eines komfortablen Lebensabends in den warmen Schubladen der Potsdamer Universität. Mit der Erfahrung von Milliarden Jahre alten Senioren werden sie noch vielen Studentengenerationen beibringen, was wahre Geologie (der Antarktis) beinhalten kann.

Parallel zu den geologischen Exkursen hackten sich die Geomikrobiologen durch das, von dem die Antarktis glaubt, es sei Boden und als Permafrost präsentiert. Das Resultat ist ein "Profil"; mal praktiziert in einem scheinbar ausgetrockneten See, der sich einen halben Meter tiefer versteckt, mal in einem hypersalinaren Teich mit minus (!) 4,3 Grad Celsius Wassertemperatur – flüssiges Wasser wohlgemerkt und türkisblau und farblich nur kurzfristig verunstaltet durch die roten Gummianzüge, die in einem humanmedizinisch inakzeptablen Biotop das Überleben sicherten. Man wollte Proben mit heimischen Bakterien, und die sind winzig und in ihren polaren minimalistischen "Survival"-Varianten hart im Nehmen und hart zu nehmen. Nicht nur die Landschaft erinnert an, auch die Bakties sind durchaus Anwärter für extraterrestrische Aufenthalte. Die Organismen wurden gemeinsam mit ihrer nächsten Umgebung für die lange Reise zum Labor in Dosen gesperrt. Man hört, die erfolgreiche Arbeit des Tages belohnte abends ein Aperitif mit "Gletscherwasser" (was sonst), runtergekühlt mit Eis aus dem campnahen Hausgletscher.

Die Geophysik sitzt jetzt sauber gewaschen an den Rechnern und verfolgt mit Raytracing-Algorithmen die Strahlen ihrer Luftpulser durch die Weltgeschichte um die Grenze Kruste-Mantel zu lokalisieren. Die Lobster schlummern bereits datenlos und sauber geputzt in ihren Wohncontainern neuen Abenteuern entgegen. Derweil wühlen die Geologen noch im "Schmutz der Hohen Breiten" (Zitat Neptun, der sich angekündigt hat) und entreißen dem Meeresboden dezimeterweise sedimentäre Abfolgen. Der längste Kern, der jemals in den geologischen Arbeitsstunden der Polarstern gezogen wurde, ist der Lohn: 28,15 Meter sedimentäre Erdgeschichte.

Bei einer dieser millionenschweren Fernsehquizsendungen zum Aufbessern des Taschengeldes wäre sicherlich eine Frage nach Big Ben recht billig dotiert. Im Gegensatz dazu wäre eine Frage nach dem einzigen aktiven Vulkan Australiens mit einer deutlich höheren Gewinnsumme verbunden: auch Big Ben. Die Insel "Heard" präsentierte sich bei unserer Passage durch eine nördliche und eine südliche Kante mit Nebel und Wolken im Zwischenraum. Vom Dunst verdeckt ein imposanter Vulkan, benannt nach der Glocke im Uhrturm an der Themse, von einigen kleineren flankiert. Der Gipfel ragt über die Wolken und Lava tropft raus; 2745 Meter hoch über dem Meer unterliegen Eis und Schnee der Erdwärme. Der Odem aus Vulkans Werkstatt ist von weit her zu sehen.

Unten am pechschwarzen Strand lümmeln sich die Elefanten der See, Robben und Horden von Pinguinen beim Stehkonvent. Ältere Stellen des finsteren Gesteins hat die Vegetation bereits mit einer saftiggrünen, samtweichen Decke überzogen – sehr angenehm fürs Auge nach Wochen in weiß, grau und braun. Andere Ecken erinnern an frisch explodierte Ausbrüche. Der Kontrast aus weiß-blauem Gletschereis im Wechsel mit schwarz-roten Lapilli und Lavabomben ist kaum zu toppen. Die Insel ist striktes Naturschutzgebiet und betreten nur mit aseptischen Sohlen erlaubt. Wir halten Abstand. Nur der Kastengreifer, getunkt in Sichtweite, bringt uns eine Handvoll Erinnerungsasche.

Zum Kerguelen-Plateau unter Wasser gehört auch ein vulkangeborenes Archipel mit 400 Inseln über Wasser – eingespleißt zwischen berühmten Breitenkreisen, den brüllenden Vierzigern (roaring fourties) und den wütenden Fünfzigern (furious fifties): 150 Tage/Jahr Sturm, 40 Tage/Jahr Orkan, einige Tage Sonne, der Rest ist nasskalte, graue Suppe mit Wind. Hier ist es so windig, dass selbst Fliegen nicht mehr fliegen. Wir machen den Franzosen einen Anstandsbesuch und laufen Port-aux-Français an. Der Anker rappelt in den Grund bei lauschigen Temperaturen, Sonne und Flaute in der "Bucht des Südpolarlichtes" (Baie de L‘aurore australe)! Unser Meteorologieteam in Kombination mit der Nautik ist unschlagbar!

Die Station zur Südhemisphärenpräsenz im französischen Überseeterritorium beherbergt sechzig Überwinterer, im Sommer das Doppelte. Ein Schwarm aus Besatzung und Wissenschaft verlässt das Schiff per Schlauchboot-Shuttle, um sich auf grünem (!) Grunde die Beine zu vertreten. Seeelefanten räkeln sich in grünen Mulden, Eselspinguine maskieren Grün mit Rosa (Krillschiet), Kormorane putzen sich auf Felsen über Grün, aber – warum hat das Grün lauter Löcher? Verursacher sind Langohren, die hier eigentlich nichts zu buddeln haben und den ignoranten Wunsch des Menschen repräsentieren, die Natur beeinflussen zu wollen. Für die eingebürgerten Kaninchen selbst muss es ein Paradies sein und an Skorbut stirbt keins. Der vitamin-C-haltige heimische Kerguelenkohl (Pringlea antiscorbutica) wurde allerdings schon knappgefressen und kann nur noch hinter Zäunen grünen und blühen.

Am vorletzten Wochenende nimmt uns Neptun noch einmal alle ins Gebet. Kurz hinter den Kerguelen werden die Tassen ihrer Untertassen beraubt und die Tischdecken benässt. Bei 7-Meter-Wellen folgen erste Gegenstände einer Resultierenden aus Gravitation und irregulärer Schiffsbeschleunigung. Die Stabilisatoren sind ausgefahren, die Schiffsgeschwindigkeit reduziert, der Kurs hält gegen an. So kann man sich einigermaßen darauf verlassen, das der Milchreis vom Teller den Weg direkt in den Mund nimmt und nicht auf dem Umweg über den Teppich in der Fulbras landet.

Leider ist die Wetterlage auch für weitere Sedimentlote nicht ermutigend. So bemühen wir uns in unserer bimodalen Altersverteilung um mentale und physische Ertüchtigung – jeder seinem Alter entsprechend. Man feilt am Fahrtbericht oder bearbeitet schon mal erste Proben und wenn der jüngere Altersgipfel denn überhaupt nicht weiß, wohin mit seiner überschüssigen Energie, findet er sich auf den Sportgeräten im Fitnessraum wieder. Reibung durch Rudern, Laufen oder Radfahren zu erzeugen ist zwar irgendwie schweißtreibend, aber bringt einen nicht wirklich voran; Kurzweil holt man sich über den iPod mit Stöpseln im Ohr.

Die Geophysik verstaut und auch die letzte Geostation kurz hinter Îles Crozet fällt fehlenden Sedimenten unten und übermäßiger Dünung oben zum Opfer. Die letzte Chance, unseren eigenen Kernrekord zu überbieten – zerschaukelt und davongeweht. Die "roaring fourties" sind da nicht zimperlich. Somit können auch die Geologen ihr Werkzeug verpacken und vor allem ihr Labor für den Stubendurchgang reinigen. Nur eine Gruppe filtert noch still und leise vor sich hin. Der Rüssel im Brunnenschacht mit Pumpe liefert einen kontinuierlichen Probenstrom aus der besagten Handbreit Wasser unter dem Kiel. Das Meerwasser wird von seinen Ingredienzien getrennt und was auf dem Filter bleibt, darf sich auf die modernen Labore des AWI freuen. Der ozeanografische Trester geht zurück an Neptun. Und der hat im Moment ziemlich schlechte Laune.

Auf dem Heimweg wird die Bathymetrie dann noch mit dem belohnt, worauf sie schon die ganze Reise lauert: Direkt unter uns zeichnet das Fächerlot zwei bisher unbekannte Seamounts auf; einer reckt sich mit seinem Kraterrand von 2900 Meter auf 1750 Meter Wassertiefe dem Meeresspiegel entgegen, mit 1350 Meter relativer Höhe ein imposanter untermeerischer Vulkan, der am 4. April 2007 um 10.30 Uhr auf unserem Kurs die Ordnung der Tiefsee durchbricht. Er liegt auf dem Heimatkurs eines Polarforschungsschiffes, das von einer 18-monatigen Expedition zurückkehrt, während der das International Polar Year (IPY) begann – ein guter Grund, diesen neuen Gipfel des Ozeans IPY-Seamount zu taufen. Wieder daheim wird dieser Name offiziell beantragt werden.

Neptun hatte sich ja schon angekündigt. Einer der letzten Tage kurz hinter dem Polarkreis bringt Buße, Wahrheit, Reinheit und einen Taufnamen. Wer ihn vergisst, muss nochmal durch den Parcours der Torturen: Brandmarken, reinigen, frisieren, fotografieren und taufen... Hier wendet sich der Gast mit Grausen. Wir verschonen die Nordhemisphäre mit Schilderungen weiterer der im hohen Süden üblichen Details einer Südpolartaufe. Alle haben überlebt und konnten abends auch wieder feste Nahrung in Form von Spanferkel und Knoblauchbrot zu sich nehmen. Jetzt packen wir ein und reinigen die Labore von den letzten Forschungsresten der Reise. Der Fahrtbericht muss vor Kapstadt abgegeben werden, sonst gibt es kein Ticket. Ostern wird zur gemeinsamen Reise-Abschlussfeier – Tafeleisberge weit hinter uns – Tafelberg nahe voraus.

Der 4. Expeditionsbericht FS POLARSTERN (Sedimente und Gesteine - die Archive der Erde, 6. bis 16. März 2007)

Guten Morgen! Die Sonne in einem sehr frühen Blaß-Blau-Grau kämpft sich durch diesigen Dunst, um an weich wogenden Wellen reflektiert das Auge des Betrachters zu blenden. Was betrachtet er denn so? Silhouetten in Rot. Sie bewegen sich routiniert und koordiniert auf dem Arbeitsdeck, diesen Draht nach vorn, jenes Kabel nach achtern, Schiebebalken verschieben, Absatzgestell absetzen, der Spillkopf rotiert, hieven, fieren, Schäkel sichern, Schwerelot geht zu Wasser.

Es gibt zwei technisch wirklich einfache und entsprechend zuverlässige Geräte in der Forschungsschifffahrt: Der Eimer am Band und das Rohr am Draht. Ein Bleigewicht drückt das Schwerelotrohr in die Ablagerungen am Meeresboden (Sediment) und fertig ist das Rohmaterial für eine geologische Doktorarbeit. Der oben noch weiche Meeresboden reagiert nachgiebig auf Beprobungsversuche. In 25 Jahren Meeresgeologie ist was zusammengekommen: 10 Kilometer Kerne aus Polarsterns Leben dokumentieren am Alfred-Wegener-Institut in einer der umfangreichsten geologischen Bibliotheken die polare Erdgeschichte. Und jeder darf darin lesen, vorausgesetzt, er hatte als Sprachkurs ein Geologiestudium belegt.

Was ist denn eigentlich ein Sedimentkern? Ein Stahlrohr, darin ein Kunststoffliner, 12 Zentimeter Durchmesser, wird von 1,5 Tonnen Blei in den Boden gezwungen. Unten verhindert ein sinnvoller Mechanismus, dass die Pampe zwar rein-, aber nicht wieder rausrutscht – ein Sedimentventil sozusagen, Kernfänger genannt. Zwischen ein und zwanzig Meter gefüllt zurück an Deck, wird der Liner in handliche Meterstücke geschnitten. Diese geben ihren Inhalt nach einem weiteren Längsschnitt in zwei Hälften preis.

Der Geologe stochert mit Spritzen, Spatel und Zahnstochern darin herum, und was hängenbleibt, wird Wissenschaft. Das kann dauern. Sediment ist eine wunderliche Mischung aus allem, was der Ozean nicht mehr haben will. In Polnähe kommt noch der Abfall der Eisberge dazu, also kleingemahlener Kontinent vom Millionstel Meter bis Kriegerdenkmal-Größe. Herrgotts Komposition der Kontinentalgesteine machen bummelige zwanzig Minerale aus, die sich in dieser Vielfalt im Sediment wiederfinden.

Dieser "Terrigenanteil" wird noch interessanter durch Verdünnung, den Biomüll der Natur: Schalenreste. Im Sediment finden sich Hartschalen von abgestorbenem Plankton, kalkig oder kieselig, in Anteilen zwischen einem Gehäuse pro Quadratmeile bis zu hundert Prozent. Manche Organismen sind zu faul, neue Materialien zu kristallisieren; sie kleben einfach Sand zusammen und wohnen im Körnerhaus.

Die Natur ist erfinderisch, Geologen Teil der Natur. Das wilde Korngemenge wird entmischt, gesiebt, geschlämmt, geordnet, am Ende der analytischen Prozesskette beschreibt ein Haufen Zahlen gegen die Zeit die Erdgeschichte. Deren Interpretation setzt einen Diplomgeologen mit vierdimensionalem (Raum + Zeit) Vorstellungsvermögen voraus, der als finalen Schritt diese per Veröffentlichung der Nachwelt übermittelt. So kommen wir unserer guten alten Erde mit vielen kleinen Erkenntnisschritten mehr und mehr auf die Schliche.

Während drinnen die Schlammschlacht tobt, kristallisieren draußen neue Minerale. Simple Zusammensetzung: H2O. Vor drei Wochen waren wir doch schon mal hier? Inzwischen ist das Oberflächenwasser der Bucht härter geworden. Das Schiff zerteilt auf seinem Weg den Variationsreichtum eines gefrierenden Ozeans. Zum Frühstück an Bord sind Pfannkuchen Standard, der antarktische Herbst zieht mit: Pfannkucheneis ist gängiger Beschreiber für frische Eisplatten, groß wie Hände bis Tische, in Wellenbewegung rundgestoßen und die Kante leicht am Pfannenrand aufgekrempelt.

Nilas ist auch ein schönes Wort. Halten die Wassermoleküle still, kann sich eine durchgängige Eishaut bilden. Dünn und durchsichtig und noch elastisch und eigentlich nur geschnitten vom Horizont. Aber wir müssen wo hin, wir fahren da einfach durch. Risse zucken durch die Haut wie Blitze, dann zerfällt die polare Pelle in Scheiben. Diese retten sich unter die unverletzten Ränder und wenn man achtern rausblickt, beginnt die Fantasie in diesem infrastrukturell unterbelichteten Gelände Straßen zu verlegen. Das etwas reifere und damit sprödere Stadium zerbricht in eisige Finger. Fehlt einem Inuits reiches Vokabular für Eis und Schnee, versagt hier die Sprache.

Polarstern schreibt gern Geschichte. In Falle der laufenden Reise ist sie das erste deutsche Schiff in dieser Gegend. Wir nutzen die Gelegenheit, angenehm aufzufallen und laden zum ersten antarktischen IPY-Summit. Skurriles Treffen in abgefahrenem Ambiente. Die Sonne scheint auf eine Küste im kontrastreichen Eis-Stein-Wechsel. Unsere Helis schwirren aus, um die Gäste zusammenzutragen. Kapitän und Fahrtleiter sprechen vor einer außergewöhnlichen Ansammlung von Physiognomien hinter Bärten und polarem Outfit auf dunkelblauem Teppichboden. Die Stewardessen reichen kühle Drinks, die Küche hat Kanapees belegt. Die Geschenke sind schaurig-schön, feuergefährlich oder liebevoll – jedes Land nach seinem Gusto; zu Besuch sind China, Australien und Russland. Kurze Führungen für die beeindruckten Gäste beenden ein herzliches Treffen im Geiste antarktischer Wissenschaftskooperation.

Am nächsten Tag folgt die Revanche. Mit einer Flut von roten Polaroveralls fallen wir über Australiens Station "Davis", sein steinernes Umfeld und die Haustiere her. Die Station duldet keinen Zweifel an professionellem Antarktismanagement. Randlich geduckt unter den markanten Gebäuden die fünfzig Jahre alten Buden aus der Gründerzeit, ein mit Asbest isoliertes Denkmal von Australiens Schritt Richtung Pol. Der Stationsleiter gibt uns auf einer Führung einen kleinen Einblick. Unserer Vermutung, dass das turnhallengroße Lager mit motorisiertem Hochregal für die ganze Antarktis zuständig ist, wird widersprochen.

Die Wetterwarte mit Ballonhalle würde sich zur Not auch als Hangar eignen. Das rote Feuerwehrgebäude mit artgerechten Fahrzeugen schüchtert schon durch seine solides Auftreten jede Katastrophe prophylaktisch ein. Zum krönenden Abschluß DÜRFEN die einen sich am Strand von See-Elefanten-Bullen mit Gammelfischmaulgeruch anrülpsen lassen, die anderen MÜSSEN das vor Ort selbst gebraute Bier probieren. Die letzten, weit über das Probierstadium hinaus, werden in das Taxiboot zum Schiff gezogen.

Geologenfinale. Wir haben einen gefunden, einen dieser Aufschlüsse aus Geologen- Träumen. Die metamorphisierte Ursuppe in Fels, durchgemengt und wieder aufgekocht, in die Tiefe gezogen und wieder hochgehoben, Gesteine verwandelt, Minerale gebandelt, zurück im Tageslicht von Eis und Wind malträtiert und präpariert – für uns? Kaum. Wie alt? Dreikommaneun. Zweifelnd-ratlose Gesichter erbitten die Vervollständigung der Zahl mit Einheit: 3,9 Milliarden Jahre! Die meisten Menschen haben wohl nicht ansatzweise eine Ahnung, wie alt diese blaue Kugel eigentlich ist. Hier kann man das Alter noch durch die dicken Schneeschuhe fühlen.

Bemühen wir noch die anderen Sinne: Die Ohren hören nur Wind, die Nase ist arbeitslos, statt des vergessenen Brötchen schmeckt man einen Eiszapfen. Aber die Augen, wo soll man bloß mit den Augen hin? Die Optik in Höchstleistung ist gefordert von Strukturen, Farben und Formen in allen Maßstäben. Man fokussiert zwischen bunten Kristallen vor der Nase und gigantischen Eisfronten am Horizont. Und alles ohne störende Vegetation.

Das Eis hat die Geologen bei der Erstellung von Handstücken unterstützt. Der Hubschrauber wird's an Bord bringen müssen. Packt man nur die richtige Mischung unter die physikalischen Konditionen von Mutter Erde, resultieren Mineralparagenesen der Edelklasse. Petrologen haben noch einen weiteren Sinn, den für Druck-Temperatur-Diagramme. Und so erlaubt ein smaragdgrüner Diopsid kaum das Schwärmen, entstanden aus profanem Kalk unter Drücken von 3000 bar und Temperaturen von 700 Grad Celsius. Da bleibt einem einfach die Luft weg. Und mittemang ein Salzsee – in Wüsten übliche Norm. Nehmen wir den zum Luft schnappen – am Ende der Welt, am Anfang der Zeit.

Der 3. Expeditionsbericht FS POLARSTERN
(Geophysik im Sinne Alfred Wegeners, 26. Feb bis 6. März 2007)

Dieses Schiff ist eines der leistungsfähigsten seiner Art – und jetzt blüht es auf. Landgruppen ausfliegen, das Arbeitsdeck voller Kisten und Kasten, Zelte in Rot, Funke mit Antenne, Bohrer auf Schlitten, Floß neben Boot, Sprit im Tank. Nebenbei Anstandsbesuch auf Davis planen. Unbekannte Untiefen untersagen unsere Annäherung.

Die Helis im Dauereinsatz. Unsere zwei Australier freuen sich, mal kurz "nach Hause" zu dürfen – und werden enttäuscht, technische Sach- und Wetterzwänge. Davis muss warten. Zwei Rettungsboote müssen geprüft werden; ruhigeres Wasser motiviert und schon wackeln die roten Plastikwannen zwischen den Schollen herum. Synergien sind immer gefragt – ein Kameramann filmt dieses unglaubliche Schiff von einer Wanne aus für die Uraufführungen anlässlich des IPY (International Polar Year) in Berlin und Paris. Der Fahrtleiter wünscht sich, auf allen Decks gleichzeitig sein zu können. Der Kapitän erfragt in der Bordwetterwarte Verbleib und Energie des draußen lauernden Sturmtiefs. In die Planung für die nächsten Tage scheint Petrus eingreifen zu wollen.

Auf einer Insel gibt's jetzt zwar Wissenschaftler/innen, allerdings ohne Schnee (Sie erinnern sich? Trockene Luft hier); und Meereis ist salzig. Also Eisberg erobern, mundgerecht zersägen (dabei Pinguin-Schlafplätze meiden - wer mag schon anverdauten Krill im Tee), und mit einer halben Tonne die Insel bewässern – auf das die See- und Fjordbohrer sich nicht nur heiße Suppe kochen können. Helipiloten heißen jetzt Wasserträger.

Irgendjemand hat seine Kalbshaxe nicht aufgegessen. Konsequenz: Das Wetter verschlechtet sich weiter, Schneetreiben, Heliverweigerung, Landgang verschoben, mitnichten aufgehoben. Unberechenbare Unwägbarkeit erzwingen kontinuierliche Flexibilität und sofortige Reaktion – kurz "Expedition" genannt. Aber das Magnetometer muss an Land: Erdmagnetfeld registrieren zur Normung unserer Seemessung.

Damit nicht so einsam, bekommt es Gesellschaft durch eine Seismikstation. Die kann vier Wochen in Ruhe Polarsterns Blähungen lauschen, muss uns dann aber genau erzählen, wie die Erdkruste unter ihr beschaffen ist. Das Schiff fährt ein paar Kabellängen – sofort loten die Lote den Geologen neue Kernstationen herauf. Was wir am Tage nicht schaffen, machen wir in der eh noch kurzen Polarnacht. Strenger Sedimentgeruch hat berufsbedingt Begeisterung zur Folge. Stimmungsvolles Kerneschlachten und Probeneintüten in der Morgendämmerung. Beim Mittagessen Betrachtungen darüber, wer wohl am wenigsten geschlafen hat. Noch Fragen?

Vielleicht zu Wind? In jeder Kammer gibt es eine Nasszelle und in jeder Nasszelle einen Abfluss. Warum läuft das Wasser heute morgen überall hin, aber nicht in den zugewiesenen Ausgang? Ein Blick durchs Bullauge klärt auf. Das Kalbshaxentief hat sich jetzt richtig aufgepustet und über uns eingeparkt; mit dem Oberflächenwasser (in dem wir schwimmen) macht es, was es will; bei minus 1,7 Grad Wassertemperatur scheint es zu kochen – Polarphysik. Zwischen Frühstück und Mittag schraubt sich der Windmesser von 40 auf 60 Knoten gleich 110 Kilometer in der Stunde hoch, das sind 11 Beaufort mit 12er-Böen. Sonores Brummen und Vibrieren der Schiffsaufbauten vermitteln einem die Gewissheit, dass Naturkräfte sich durchaus auch 12.000 Tonnen Stahl unterwerfen können.

Im meteorologischen Exkurs lernen wir, dass 6er-Böen zwar laut sind, aber im Grunde nur Angeber. 12er-Böen sind leiser, klingen dafür hochfrequenter und ein bisschen fies; hier und jetzt der Prydz-Bay-Sound, komponiert aus geostrophischer Strömung im Duett mit katabatischen Abflüssen. Wenn Sie was über Wind wissen wollen, kommen Sie vorbei. Wir haben satt und die Bordwetterwarte dirigiert ein äolisches Orchester außer Kontrolle. Kurz in der Koje wundgerollt und – vorbei. Beim Frühstücksei rätselt man bei 7 Knoten, wo der ganze Wind geblieben ist. Die Wetterlagen können sich hier sehr schnell ändern.

Während die Geophysik Profil "A" mit Seismometern bestückt, bricht das IPY über uns herein. Sein Logo auf beiden Seiten der Polarstern ließ Entsprechendes erwarten. Das IPY begann am 1. März und wird 24 Monate dauern. (Ein Polarforscherjahr ist länger, es hat nur im Sommer Saison und die Erde hat zwei Pole). Es ist das dritte Mal, dass sich Forscher aus aller Welt zusammentun, um gemeinsam koordiniert in den Polargebieten zu arbeiten (1. 1882/83, 2. 1932/33). Diesmal sind es 50.000 Wissenschaftler aller Disziplinen aus 60 Ländern – ein beeindruckendes Großprojekt. Internationale Kooperation war zwar schon immer Bestandteil der Polarforschung, mit dieser zusätzlichen Bündelung und entsprechenden Präsentationen in der Öffentlichkeit möchte man die Polargebiete mit ihrer Bedeutung für Klima und Umwelt einmal mehr ins Bewusstsein von Politik und Gesellschaft rücken. (Wie viele Menschen wissen nicht, warum Eisbären eigentlich nie Pinguine fressen ...!?)

Wir haben Lobster an Bord. Lobster sind lecker und daher weltweit fast aufgegessen. Bevor ein Lobster lecker schmeckt, muss er leider gekocht werden, welches ihn heftig erröten läßt. Das ist aber auch das Einzige, was die Scheren mit Schwanz mit unseren Seismometern gemein haben. LOBSTER steht hier in geophysikalischer Auflösung für "Longterm Ocean Bottom Seismometer for Tsunami and Earthquake Research" und ein geübtes Kreuzworträtselauge erkennt sofort das bereits mehrfach bemühte Akronym OBS versteckt.

Auffallend die vier Auftriebskörper in Rot-Orange, manche auch Gelb. Daneben ein Titanzylinder gefüllt mit 3-achsigem Seismometer. (Jeder Punkt in, auf und über dieser Erde ist mit drei Dimensionen beschreibbar). Versenkt und auf dem Meeresboden abgesetzt, registriert das Teil die von den Luftpulsern erzeugten und von der Erdkruste reflektierten Schallwellen. Weitere Zylinder enthalten Elektronik und kältefeste Stromversorgung, ergänzt noch durch ein Hydrophon, welches horcht, was das Meer dazu zu sagen hat.

Und wie ein kleiner Hund an der Leine, zieht er ein buntes Klötzchen am Seil hinter sich her, Fanghilfe für die Lobsterfischer. Denn ein Zylinder hat eine besondere Verantwortung: Verbunden mit einem unterliegenden Eisengestell wird er auf unseren Zuruf in einer nur ihm genehmen Frequenz dieses Gestell loslassen und für alle Zeiten dem Meer übergeben. Der Last entledigt, steigt der Lobster an die Oberfläche zurück und vermeldet den suchenden Augen an Deck mit lila Fahne (bei Tag), optischen Signalen (im Dunkeln) und Funkpeiler (bei optischer Orientierungslosigkeit) seinen Schwimmort, auf das man ihn zurückhole in den sicheren Schoß des Schiffes. Auf dem 330 Meilen langen Profil "A" horchen 22 Lobster den Boden ab und jeder ist auch bei über 4.000 Meter Wassertiefe noch ganz dicht, die gelben noch dichter.

Den Gesetzen zur Reflexion von Schallwellen folgend, müssen Schallquelle und Horchposten möglichst weit auseinander liegen, will man möglichst weit in die Tiefe schauen. Da reichen selbst 22 Lobster nicht. Die Plattengrenzen-Suchprofile werden in einem Zweischiffunternehmen gefahren. Polarstern pulst, Karpinsky horcht. Das russische Forschungsschiff Akademik Alexander Karpinskiy ist die reine schwimmende Seismik. Das Mikrofonkabel ist bald fünf Kilometer lang. Da kommen Daten zusammen – "exchange" in exzellenter russisch-deutscher Zusammenarbeit. "Cooperation Sea" heißt dieser Teil des Südpolarmeeres – das passt doch wie dafür ausgesucht.

Wir bemühen uns, Alfred Wegeners "Kontinentalverschiebung" hier und jetzt fortzusetzen. Kaum ein Kollege glaubte ihm bei Erscheinen seiner "Entstehung der Kontinente und Ozeane" (1915). Ihm fehlte der Antrieb, um ganze Kontinente rumzuschubsen, er hatte kein Magnetometer und Kissen kannte man nur auf dem Sofa, aber nicht als Lava am Meeresgrund. Insofern war seine Theorie zwar richtig im Ansatz, aber schlicht auf Grund der damals noch fehlenden technisch-analytischen Möglichkeiten nicht schlüssig erklärbar. Das ist heute anders. In Anlehnung an das Galileo-Galilei-Zitat: "Und sie bewegen sich doch!" identifizieren und verfeinern wir die Teile, die zur einer detaillierten Rekonstruktion des globalen Puzzles benötigt werden, ein vierdimensionales Superpuzzle in Zeit und Raum, genannt "Plattentektonik".

Und dann klappt der Heli-Ritter sein gelbgetöntes Visier herunter, schiebt mit geübtem Griff die Turbine auf 40.000 Touren und lässt seine 800 Pferde steigen. Die Lanze wird auf 30 Meter nachgereicht, Waffenfarbe weiß, Rüstung aus Hartplastik, eine beflügelte Kurzlanze mit stumpfer Spitze am Draht. Während der Hubschrauber auf unspektakulär-konstantem 80-Knoten-Flug unseren Kurs parallelisiert, misst die Lanze – man glaubt es kaum – die Magnetisierung des Meeresbodens unter uns – und das bei mehreren Kilometern Wasser dazwischen! Zwei der erfahrensten deutschen Magnetiker an Bord dulden keinen messtechnischen Widerspruch und wenn die Lanze meint, sich beim Start mal den Gummel platthauen zu müssen, dauert es keinen Tag, bis per Löt-OP die Innereien wieder gerichtet sind.

Vertrauen ist gut – Kontrolle erfolgt durch Redundanz. Am Krähennest sind zwei weitere Magnetometer fest mit dem Schiff verdrahtet. Das hat nur Polarstern. Dieses Schiff vermisst die Welt um sich herum schon allein durch seine Existenz. Magnetik und Schwere der Erde, Kühle und Tiefe des Meeres, Höhe und Blau des Himmels und mit der Geschwindigkeit der Windsbraut noch hundert Variablen mehr, präzise georeferenziert in Zeit und Raum. Und all die Zahlen landen in einem riesigen Datensystem, für jeden einsehbar im Internet, mit dessen Namen "PANGAEA" schließt sich der Kreis zu Alfred Wegener und seinem Superkontinent. Und während wir oben drüber fahren, mit einigen Meilen pro Stunde, rutschen unter uns die Platten weiter, mit einigen Zentimetern pro Jahr. Unsere Reise dauert zehn Wochen, die der Kontinente einige Milliarden Jahre. Vieles relativiert sich hier.

Noch ein kurzer Kommentar zur kalten Kulisse: Dreimeterwellen sind hier und jetzt wohl Standard, Vier- bis Fünf- ist auch nichts Besonderes. Das Schiff in vertrauter Resonanz mit der Meeresoberfläche und alle Tassen bleiben im Schrank. Doch so eine Welle hat ein gewisses Selbstverständnis: Mir kann hier keiner und nichts hält mich auf – und dann liegt da ein Berg, Eis in Perfektion, Trägheit der Masse und nur ein Siebtel im Wind. Der Rest ist Wand für die Welle, unverrückbar, senkrecht, glatt, kalt, hart, irgendwo muss die kinetische Energie ja hin – da wo Platz ist, also nach oben.

Entfesselten Geysiren gleich schießt die Gischt an den windgewandten Seiten der weißen Tafeln gen Himmel, um das Dreifache ihre Höhe übertrumpfend. Was für ein Schauspiel, was für eine Energieverschwendung – interessiert das hier jemanden? Die große Fontäne in den Herrenhäuser Gärten in Hannover zumindest würde vor Neid in sich zusammenfallen und nie wieder Wasser lassen.

Der 2. Expeditionsbericht FS POLARSTERN
(Neumayer-Station bis Prydz-Bucht, 14. bis 25. Feb. 2007)

Die Polarstern fährt gen Osten, von Neumayer, der deutschen Überwinterungsstation, bis ins Arbeitsgebiet bald sind es 1.800 Meilen. 20.000 Pferde schieben uns durch ein Südpolarmeer kurz vor dem Gefrierpunkt; nicht alle galoppieren gleichzeitig, einige dürfen immer ruhen, der Hafer ist teuer geworden. 12.000 Tonnen Stahl mit einer Füllung aus 3.000 Tonnen Diesel und ein paar hundert Tonnen Gepäck. (Neumayer hat uns auch noch zwanzig Container aufgehalst, aber die schleppt Polarstern locker so mit.) Innen ist die isolierte Doppelhülle gut beheizt, besonders in der Sauna – schon mal bei hundert Grad geschwitzt, während draußen Eisschollen an die Wand krachen? (Um aufkeimenden Assoziationen an einen "Luxusliner" gleich vorzubeugen: Wenn hundert Personen zehn Wochen auf einem Schiff mit nichts als Wasser und Luft daran arbeiten, das Wissen über unsere Erde zu mehren, dann sind solche Annehmlichkeiten zwingende Notwendigkeit, um die Motivation bis zum Ende der Reise auf hohem Niveau zu bewahren.) Und ein Schwimmbad mit natürlichem Wellengenerator haben wir auch.

Auf diesem zweiten Teil der Anreise sind Wa(h)ltage sehr beliebt. Bei der Bordwetterwarte um die Ecke hängt ein Bio-Poster. Da kann man sich Wale auswählen. Was nehmen wir denn heute mal? An Backbord hätten wir gern am Mittag ein Dutzend Orcas im glitzernden Gegenlicht ihre Schwertflosse präsentierend. Später, wenn viel auf dem Arbeitsdeck zu tun ist, wünschen wir uns möglichst nahe der Bordwand von einem Pärchen Buckelwale observiert und beprustet zu werden. Winken mit der Brustflosse, präsentieren der wohlgeformten Fluke und leichte Sprünge des Übermutes sind uns willkommene Begleitunterhaltung – der Bulle am Achterschiff in Streichelnähe steigert die Begeisterung für die lokale Tierwelt bis zur Euphorie. Da lassen die Köche die Pfannen sausen, kommen fasziniert ungläubig blinzelnd aus ihrer fensterlosen Edelstahlküche und würden nie bei diesem Anblick ans Essen denken. Kein Japaner an Bord.

Da recht einsam diese Gegend, sind Begleiter auch über Wasser gern gesehen: Hier schläft ein Krabbenfresser auf einer Scholle seinen Krillrausch aus, drüben bewacht eine Horde Adelies ihren eigenen Blaueisberg. Ein Deck höher sieht man besser Sturmvögel im Schwarm, auch mal einen einzelgängerischen Rußalbatross, tiefdunkelgrau von der Natur befiedert (nicht weil zu dicht über dem Schornstein geflogen). Auftrieb suchend für den endlosen Flug über den Wellen halten sie wohl auch uns für einen, wenn auch sehr ungeduldigen Eisberg. Einige der echten Eisriesen sind müßigen und monströs – für uns Zugereiste, nicht für die Antarktis; zweihundert Meter dicke Platten (wie das Gehirn: sechs Siebtel im Verborgenen), Tafeleisberge mit einer Fläche von einigen hundert bis tausend Quadratkilometern (Bremen= vierhundert Quadratkilometer), gern aufgereiht wie auf einer Perlschnur, gefangen an Untiefen, unseren Weg flankierend – "Iceberg Alley" steht in einer Karte. (Das hat jetzt nichts mit "Klimaveränderung" zu tun, sondern ist hier Standard. Irgendwo muss der Schnee, der in dreißig Millionen Jahren auf einen ganzen Kontinent fällt, ja bleiben.)

Nur an wenigen Stellen liegt kein Schnee, fließt kein Eis (zwei Prozent der Antarktis). Zu hoch, zu dunkel, zu trocken, immer wieder weggeblasen oder einfach sublimiert, der kühle Niederschlag – da zeigt die Antarktis ihr wahres geologisches Gesicht. Enderbyland querab und die Geologen stürzen sich auf die ersten eisfreien Aufschlüsse. Der Hammer wird warm gefahren und die ersten Pretiosen eingesackt: Bronzit, Granat-Pyroxen-Biotit-Gneis, Hornblendit, das Land hier ist so alt und erdgeschichtlich so faszinierend, dass es sogar einem Gestein seinen Namen gab: Enderbyit. Restit klingt nach etwas, was weg muss, also rein in den Rucksack. Der Heli schleppt die Geologen nach erfolgreicher Tagesexkursion als Teil unserer australischen Kooperation mit einem guten Zentner Proben zurück an Bord. In der Kammer sieht's aus wie im Steinbruch – die Stewardess wendet sich mit Grausen.

Drei Räume auf der Polarstern sind immer belebt: Brücke, Maschinenkontrollraum (MKR) und Echolotraum, letzterer bedient von zwei Gruppen Wachgängern der Wissenschaft. ParaSound ist ein Lot, das sehr genau weiß, was es will. Es spricht das Sediment am Meeresboden zielgerichtet mit einem sonoren Ton an und möchte nicht nur eine Antwort von der Oberfläche hören, sondern auch detaillierte Informationen über den weiteren Verlauf erdgeschichtlicher Ablagerungen in der flachen Tiefe. Mit einer Rufweite von etlichen Zehnermetern im Sediment ist es gern die Lupe der Meeresgeologen, um erfolgversprechende Positionen für ihre kernenden Rohre zu ermitteln, hochtrabend: "Pre-site survey".

HydroSweep hingegen ist in seinem Gesang deutlich zaghafter, hochfrequenter und mit einem Hang zur Weitläufigkeit. Es tastet sich mit einem ganzen Fächer von ‚Pings‘ auf dem Meeresboden unter uns der Fahrtroute entlang und liefert eine Streifenkarte mit 2/3-Breite der Wassertiefe. Und die ändert sich begeistert, gerade wenn man an einem Kontinentalhang entlangfährt. Also dürfen die Wachgänger an ihren virtuellen Knöpfchen drehend regeln, um die kartierenden Augen des Schiffes im Fokus zu halten. Im wohldefinierten Fluss der Daten trennen erste Vorwaschgänge das Spreu- vom Weizenecho; Wissenschaft oder Kunst? Zumindest technische Ästhetik, die Schirme grafisch belebt von Sequenzen hunderter Profile, einzige Orientierungshilfe für einen Uneingeweihten: halb grün, halb rot (und nun raten Sie, was die Farben bedeuten). Die Vermessungsingenieurinnen editieren mit flinker Maus und nur das, was wirklich in die Karte darf, bleibt übrig.

Am Wochenende laufen wir in die innere Prydz-Bucht ein (wird jetzt auch Zeit). Um die Antarktis gruppiert sich bekanntlich ein ganzer Potpourri polarforschender Länder (vierzig Dauerstationen, fünfzig Sommerstationen), in dieser Bucht vertreten durch die Stationen Zhongshan (China), Progress (Russland) und Davis (Australien). China und Russland grenzen auch hier direkt aneinander, Stationsentfernung achthundert Meter. Die Chinesen – höflich – laden die Schiffsleitung zum Brunch mit Bonbons, die Russen – freundlich – empfangen mit Wodka. Über den Stationen weht zur Begrüßung Schwarzrotgold. Der Fahrtleiter nimmt ein Präsent unter den Arm und fliegt an Land, die Stationen stehen auf felsigem Grund. Die mitgebrachten Ersatzdeichseln für chinesische Schlittenfahrten sind kostenfreie Kooperationsdienstleistung. Aber was schenkt man so bei Stationsbesuchen? Ein blaugrauer Kupferstich mit Tafeleisbergmotiv vom Bremerhavener Künstler Michael Wolf vermittelt zwischen Heimat und Hier. Auch sehr beliebt ist sicherlich der lasergravierte Glaswürfel, dreidimensional die neue Station Neumayer III versprechend – antarktische Glasperlen sind halt kantig.

Antarktisstationen haben einen rustikalen Charme. Design und Ästhetik sind unbekannte Begriffe. Funktional und irregulär verteilt gebaut, wo der Boden ebene Flächen bietet, auf Stelzen, damit der vom Wind getriebene Schnee unten durchhuschen kann und nicht die Haustür verbarrikadiert. Die Farben entsprechen derer gerade verfügbarer Wetterschutzlacke, malträtiert von der salzhaltigen Außenluft, bis das Eisen darunter den Geist aufgibt – farbliche Mimikry zu den anderen polaren Artefakten, die aus der Zivilisation hier so angeschleppt wurden und gelagert auf wollsackverwittertem Granit. Jegliche Reminiszenz an Scott und Konsorten bei Verwendung von Holz wird durch den Anbau von Satellitenantennen mit luftgeführten Kabelbündeln kompensiert.

Innen ist es schummerig, weil kleine Fenster besser isolieren. Zur Wanddeko sind Gruppenfotos vorangegangener Stationsgenerationen beliebt. Auch gern mal ein Poster, heimatliche oder einfach nur grüne und wärmere Gefilde zeigend. In China war vor einer Woche Neujahr. In der Messe der antarktischen Landesdependence hängen noch Luftschlangen und Glitzerdekor über Knoblauchzehen und Hühnerbeinen und vor der Tür, neben deutschen und anderen, wehen Fahnen in leuchtgrün, pink, grellgelb und himmelblau zur Begrüßung des neuen (Überwinterungs)jahres. Sehr bunt auch im Raucherzimmer neben der Gipsbüste von Namensgeber Zhongshan ein Wandteppich: Er zeigt den Potala-Palast...



Von der Polarstern berichten Hannes Grobe, Geowissenschaftler am AWI in Bremerhaven und Prof. Dr. Hans Wolfgang Hubberten.

Hannes Grobe ist geprüfter Forschungstaucher und kennt die Polargebiete von vielen Forschungsreisen. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten untersucht er die Klimaentwicklung in Polargebieten und die Geologie der Meere. Er ist der Gründer eines Weltdatenzentrums für Meeresforschung am AWI. Im August 2007 wird er die "bild der wissenschaft"-Leserreise in die Hocharktis als wissenschaftlicher Reiseleiter begleiten.

Prof. Dr. Hans Wolfgang Hubberten ist zur Zeit Fahrtleiter der zehnwöchigen Polarstern-Expedition (ANT-XXIII/9) zur geowissenschaftlichen Erforschung der Prydz Bay, angrenzender Landgebiete und des Kontinentalrandes zwischen Mac Robertsen Land, Antarktis und Kerguelen Plateau. Der Fahrtleiter (engl. chief scientist) ist auf Schiffsexpeditionen verantwortlich für die Planung und Durchführung des wissenschaftlichen Programmes und dessen Abstimmung mit der Schiffsführung. Einige Daten zu seiner Biographie:

geboren 1947 in Reutlingen

Studium in Tübingen und Karlsruhe, Diplom in Mineralogie

1977 Promotion zum Dr. rer. nat.

1984 Habilitation über Schwefelisotope in ozeanischer Kruste, in diesem Zusammenhang Teilnahme an einer Expedition des DSDP (Deep Sea Drilling Project) mit dem Bohrschiff Glomar Challenger; im Anschluß 5 Jahre Mexico im Rahmen eines GTZ-Programmes (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) zum Aufbau des Mineralogischen Institutes an der Universität von Lenares.

1986 Aufbau und Leitung des Isotopenlabors am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven (AWI)

1992 Leiter der neuen Forschungsstelle Potsdam und der Sektion Periglazialforschung des AWI

1997 wird Hubberten berufen zum Professor für Isotopengeologie am Institut für Geowissenschaften an der Universität Potsdam

Zentrales wissenschaftliches Thema: Klimabedingte Veränderungen des Permafrost
Die wissenschaftlichen Fahrtteilnehmer der Polarstern-Expedition begrüßen am 1. März "vor Ort" das Internationale Polarjahr (IPY). Foto: Hannes Grobe, AWI


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