Renaissance der Traumdeutung: Wie Wissenschaftler mit neuen Methoden der Forschung dem Geheimnis der nächtlichen Bilder auf den Grund gehen

 Träume waren lange Zeit vor allem für Psychoanalytiker ein wichtiges Medium, um Zugang zu Patienten zu finden. Doch immer mehr experimentell arbeitende Wissenschaftler entdecken die Welt der nächtlichen Bilder. Foto: PhotoCase.com
Träume waren lange Zeit vor allem für Psychoanalytiker ein wichtiges Medium, um Zugang zu Patienten zu finden. Doch immer mehr experimentell arbeitende Wissenschaftler entdecken die Welt der nächtlichen Bilder. Foto: PhotoCase.com
Spätestens seit Sigmund Freud und Carl Gustav Jung stellen sich Wissenschaftler eine Frage, auf die es bis heute keine eindeutige Antwort gibt: Warum träumen wir eigentlich? Die Psychoanalyse sieht in Träumen verdrängte Wunschvorstellungen, die entstellt ins Bewusstsein zurückgelangen. Neuere Ansätze verzichten auf eine Deutung und untersuchen das Phänomen Traum direkt im Schlaflabor oder mithilfe von Fragebögen und Traumtagebüchern. Diese Studien zeigen zum Beispiel, dass Frauen sich öfter an Träume erinnern als Männer, und dass Träume eng mit dem zusammenhängen, was wir im Wachen erleben. Doch umgekehrt können auch Träume einen Einfluss auf unseren Alltag haben: zum Beispiel in Form kreativer Einfälle oder als Hinweis für die Lösung einer Lebenskrise.
Vor allem Ergebnisse, die im Widerspruch mit frühen Traumtheorien standen, hätten in der Traumforschung zu neuen Sichtweisen geführt, erklärt Michael Wiegand von der Klinik für Psychiatrie der Technischen Universität München. So haben Schlafforscher lange angenommen, dass Träume ausschließlich im REM-Schlaf vorkommen, einem Schlafstadium, in dem die Augen sich rasch hin und her bewegen und die Muskulatur gehemmt ist. "Inzwischen weiß man, dass auch in den übrigen Schlafstadien kognitive Aktivität stattfindet", sagt Wiegand.

Auch die Annahme, dass Traum und Verrücktheit eng zusammenhängen, sei nur teilweise richtig. Bei Psychosen wie der Schizophrenie erlebt der Betroffene zwar Halluzinationen, und Denken und Wahrnehmung sind bizarrer als sonst – ganz ähnlich wie bei einem Gesunden im Traum. Allerdings bestehen die vermeintlichen Halluzinationen im Traum eher aus Bildern, während Schizophrene vor allem Stimmen hören.

Woher jedoch die bizarren Geschichten kommen, die Menschen Nacht für Nacht im Schlaf erleben, wird erst seit kurzem auch experimentell untersucht. Damit befasst sich zum Beispiel der Psychologe Michael Schredl vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. Ihn interessiert vor allem, wie das, was Menschen im Wachen erleben, denken und fühlen, mit Ereignissen im Traum zusammenhängt. Zu diesem Zweck gibt er seinen Probanden Traumtagebücher, in denen sie ihre Träume genau beschreiben sollen. Tatsächlich zeigten seine Studien: Was man im Wachen häufig tut, schlägt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Traum nieder. So bestand ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen Träumen, die vom Beruf oder vom Autofahren handelten, und der Häufigkeit dieser Tätigkeiten am Tag zuvor.

Allerdings spiegeln sich geistige Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Arbeit am PC seltener im Traum wider als aktivere Handlungen, wie Sport oder Gespräche mit anderen. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass Träume vor allem von Dingen handeln, die für den Träumer emotionale oder persönliche Bedeutung haben, sagt Schredl.

Eine weitere Möglichkeit, mehr über Trauminhalte zu erfahren, besteht in einer Untersuchung im Schlaflabor. Hier können mithilfe von Elektroden, die auf dem Kopf und neben den Augen befestigt werden, auch die Schlafphasen während der Nacht erfasst werden. So arbeiten Schredl und seine Kollegen gerade an einer Studie, in der die Teilnehmer nachts geweckt werden und einen kurzen Film ansehen. Am nächsten Morgen sollen sie Fragen zum Film und zu ihren Träumen beantworten. Auf diese Weise könne man untersuchen, ob Träume dazu beitragen, Erinnerungen auszubilden, erklärt Schredl. Diejenigen, die den Film in ihre Träume einbauen, werden sich an mehr Einzelheiten des Films erinnern als die übrigen, die nicht vom Film träumen, nimmt der Schlafforscher an.

Ein häufiges Phänomen sind Albträume. Diese kommen bei zehn bis fünfzig Prozent aller Kinder und bei ein bis fünf Prozent der Erwachsenen vor, sagt Hans-Peter Kapfhammer, Professor für Psychiatrie an der Universität Graz. Bei den meisten Erwachsenen seien die schlechten Träume jedoch vorübergehend und nicht mit einer Veränderung der normalen Schlafstruktur verbunden. Bei Menschen jedoch, die ein schweres Trauma erlebt haben und in der Folge psychisch krank werden, bestehe ein Zusammenhang zwischen Albträumen und einer Veränderung des Schlafes. "Die Betroffenen wachen in der Nacht häufiger auf, und der REM-Schlaf ist zerstückelter", sagt Kapfhammer. Grund hierfür sei vermutlich die erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen, die dann auch den Schlaf "zerhackt".

Nach Ansicht der Psychoanalyse können Albträume und Träume in Krisensituationen auch Anhaltspunkte geben, wie die Krise überwunden werden kann. So berichtet die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast von einer Patientin, deren Mutter vor kurzem gestorben war: Sie träumte eines Nachts von jungen Schildkröten, die über das Kräuterbeet in ihrem Garten krochen – und erwachte mit einem Lachen. Zusammen mit ihrer Therapeutin fand sie eine Deutung des Traums, die vielleicht nicht wissenschaftlich untermauert ist, für die Patientin jedoch hilfreich war: Die jungen Schildkröten waren ein Symbol, dass jedes Ende auch einen Neuanfang bedeutet.
ddp/wissenschaft.de – Christine Amrhein


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Abonnement abschließen

und Vorteile genießen

weiter

Rubriken

Der Buchtipp


Jeder Zweite in Deutschland leidet im Lauf seines Lebens irgendwann unter einer Allergie-Attacke. Was steckt dahinter? Ein Allergologe hat sich auf die Spurensuche gemacht.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe