Junge oder Mädchen: Weltweit wollen immer mehr Eltern das Geschlecht ihres Kindes bestimmen

Geht es nach der Natur, kommen beide Geschlechter bei der Geburt gleich oft zum Zug. Von kleinen Abweichungen abgesehen werden nahezu genauso viele Jungen wie Mädchen geboren. Dennoch gibt es Familien mit mehr als zehn Söhnen ebenso wie Eltern, die nur Töchter zur Welt gebracht haben. Einige darunter mögen sich lebenslang sehnlich ein Baby des anderen Geschlechtes gewünscht haben, doch die Hoffnung erfüllte sich nie.
Heute können unter anderem US-Bürger das Geschlecht ihres Nachwuchses nach ihrem Wunsch bestimmen. Unter Landsleuten spricht man salopp vom „Family Balancing“. Über ein Drittel der amerikanischen Eltern würden medizinische Techniken anwenden lassen, um sicherzustellen, dass ihr Kind ein Junge oder ein Mädchen wird. Das ergab eine Umfrage des Bioethikrates des US-Präsidenten. In Belgien gelten ähnlich freizügige Regeln.

Auch in Israel ist die Geschlechterwahl seit kurzem erlaubt. Eine Kommission entscheidet im Einzelfall, ob sich die Eltern zum Beispiel zu einem Mädchen verhelfen lassen dürfen, wenn sie bereits vier Jungen haben. In Großbritannien zeichnet sich eine entsprechende Liberalisierung ab.

Erlaubt ist in diesen Ländern jedoch nur, das Geschlecht des Nachwuchses bei einer künstlichen Befruchtung im Vorhinein auszuwählen. Manche Paare nehmen aber sogar diesen Eingriff in Kauf, um ihr Wunschkind zu bekommen.

„Drei Tage nach dem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle im Reagenzglas wird dem sich entwickelnden 4 bis 8-Zeller eine Zelle entnommen. Dieses Verfahren wird als Präimplantationsdiagnostik (PID) bezeichnet, die – anders als in den USA und Belgien - in Deutschland bisher nicht erlaubt ist“, erklärt Vanadin Seifert-Klauss, Oberärztin an der Frauen- und Poliklinik der Technischen Universität München. Das Erbgut der entnommenen Zelle verrät den Medizinern auch das Geschlecht. Finden sie eine XX-Konstellation in den Chromosomen, entwickelt sich ein Mädchen, während die Kombination XY für einen Jungen steht.

In Großbritannien, Norwegen, Frankreich und Dänemark ist die Geschlechterwahl mithilfe der PID bisher nur zur Vermeidung einer schweren, geschlechtsbedingten Erbkrankheit erlaubt. So tritt beispielsweise die Muskeldystrophie oder die Hämophilie nur bei Jungen auf. Ist bereits ein Kind mit einer solchen Erkrankung in der Familie, dann dürfen die Eltern sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, bei der lediglich Mädchen in die Gebärmutter eingesetzt werden.

Im Gegensatz zur Situation in einigen anderen Ländern lehnen fast alle Deutschen eine Ausweitung der Geschlechterwahl ab, wie eine 2004 abgeschlossene Befragung von 200 Eltern ergab. „Der intensive ethische Diskurs hat dazu geführt, dass die Menschen sich moralisch mit dem Thema auseinandergesetzt haben“, glaubt Heiner Aldebert, Privatdozent und Pfarrer an der Koordinationsstelle für Medizinethik der evangelisch lutherischen Kirche in Bayern. „Die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich hat auch dazu beigetragen, dass die Einhaltung der Menschenrechte in Deutschland viel Beachtung erfährt. Und nicht zuletzt hat die christliche Tradition unseres Landes Politik und Gesellschaft darin bestärkt, sich unter anderem gegen eine Geschlechterwahl auszusprechen.“

In Ländern wie Israel lässt sich die Auswahl von Jungen oder Mädchen nach der Empfängnis dagegen mit der jüdischen Religion vereinbaren. Der Mensch beginnt nach dieser Lehre erst nach der Geburt. Allerdings erklärt der religiöse Hintergrund nicht generell die Haltung zur Geschlechterwahl. In den USA und in Belgien ist die Geschlechterwahl mittels PID in weiten Grenzen gestattet, obwohl auch in diesen Ländern der christliche Glaube überwiegt.

Im krassen Gegensatz dazu steht die christliche Werteordnung deutscher Prägung, wie Seifert-Klauss verdeutlicht: „Der befruchtete Embryo ist nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz ein Mensch, auch wenn er zu dem frühen Entwicklungsstadium noch einem Zellhaufen gleicht. Alle etablierten Methoden der Geschlechterwahl werden nach der Empfängnis angewandt und selektieren damit unweigerlich Menschenleben.“

Zwar wurde vor wenigen Monaten in Europa ein Verfahren patentiert, bei dem angeblich bereits die Spermien nach ihrem Geschlecht vorsortiert werden können. Doch Seifert-Klauss hält diese und ähnliche Methoden, die auf der Auswahl von Spermien beruhen, für wissenschaftlich unseriös. Wohl bestimmen die Spermien, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, weil sie das Geschlechtschromosom mitbringen. Doch ist das X-Chromosom nur rund drei Prozent schwerer und geringfügig anders geformt als das Y-Chromosom. „Das ist so marginal, dass es bislang nicht möglich ist, danach zuverlässig „männliche“ von „weiblichen“ Spermien zu trennen“, erläutert die Ärztin.

Wäre es tatsächlich möglich, das Geschlecht des Nachwuchses noch vor der Empfängnis festzulegen, würde sich der ethische Konflikt weitgehend auflösen. Doch die Realität ist eine andere. In asiatischen Ländern werden Babys gezielt abgetrieben, nachdem ihr Geschlecht im Ultraschall-Bild zu erkennen ist. „Weil Mädchen in China und Indien geächtet sind oder die Mitgift für die Familien eine hohe finanzielle Belastung darstellt, werden in diesen Ländern in großem Stil Schwangerschaften abgebrochen“, berichtet Seifert-Klauss. Welches Ausmaß das inzwischen angenommen hat, zeigt das Ungleichgewicht beider Geschlechter in der Bevölkerung: Allein China zählt einen Überschuss von 20 Millionen Männern.
ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner


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