Rund und trotzdem gesund: Body-Mass-Index wird zu streng gehandhabt

Vor wenigen Jahren hat die WHO anhand des Body-Mass-Index einen Grenzwert für Normalgewicht festgelegt. Doch Experten haben ihre Zweifel, ob die Einteilung tatsächlich gerechtfertigt ist. Insbesondere etwas beleibtere Menschen kommen schlecht weg. Sie landen in der Kategorie der Übergewichtigen, wenngleich sie nicht pauschal ihre Gesundheit gefährden. Mit wenigen Pfunden über dem Normalgewicht lebt es sich mit zunehmendem Alter im Schnitt länger und gesünder, zeigen Studien.
Täglich steigen Millionen Menschen mit schlechtem Gewissen auf die Waage. Die wochenlange Völlerei straft die Anzeige dann nur all zu oft mit ein paar Pfunden mehr. Doch ist es im Grunde nicht die Waage, die über zu viel oder zu wenig richtet, sondern die gesellschaftliche Norm. Was Norm – oder eben Normalgewicht – ist, wird gegenwärtig über den Body-Maß-Index (BMI) definiert.

Diese Körper-Masse-Zahl errechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Die Formel gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Ein 1,75 Meter großer Zeitgenosse, der 75 Kilogramm auf die Waage bringt, hat danach einen BMI von etwa 24,5.

Die Zahl alleine wäre allerdings bedeutungslos, hätte nicht die Weltgesundheitsorganisation WHO sich dazu entschlossen, den BMI als Maß für die optimale Leibesfülle heranzuziehen. Ein BMI von 18,5 bis 24,9 steht für Normalgewicht. Wer 25 überschreitet, gilt als übergewichtig. Ab 30 diagnostiziert die WHO Fettsucht, auch Adipositas genannt, und bezeichnet derart beleibte Menschen als behandlungsbedürftig.

Die Kategorien fußen auf einer Untersuchung aus den späten fünfziger Jahren. Damals ließ eine amerikanische Lebensversicherung fünf Millionen Amerikaner wiegen und verknüpfte die Kiloangabe mit dem erreichten Lebensalter. Dabei stießen die Versicherer auf einen U-förmigen Verlauf: Gertenschlanke leben weniger lang als Personen mit gewöhnlicher Figur, und aber auch extrem dicke Bürger sterben jünger.

"Die Grenzen des BMI – etwa bei 25 oder 30 – wurden allerdings mehr oder minder willkürlich in einprägsamen Fünfer-Schritten festgesetzt", sagt Hermann Liebermeister, pensionierter ärztlicher Direktor des Evangelischen Fliedner-Krankenhauses in Neunkirchen/Saar. Die Einstufung der WHO berücksichtigt weder den Körperbau noch das Alter oder das Geschlecht.

"Das Gewicht und damit der BMI nimmt mit dem Alter kontinuierlich zu. Mit 60 Jahren pendelt es sich beispielsweise oft bei einem BMI von 28 ein. Und das ist auch gut so", sagt Liebermeister. Die zusätzlichen Pfunde schützen vor Infektionen und wappnen den Körper auch gegen andere Krankheiten. Eine neue amerikanische Studie bestätigt das. Die Gruppe mit einem BMI von 25 bis 30 lebte im Schnitt etwas länger als die Normalgewichtigen. Vor allem Ältere profitierten von ein paar Kilo extra.

Die jüngste Mikrozensus-Befragung unter 370.000 Deutschen offenbart, dass Mann und Frau tatsächlich gemächlich an Pfunden zulegen, je älter sie werden. In der Altersgruppe der 60- bis 65-Jährigen lag der BMI der Frauen im Schnitt bei 26,1 und bei den Männern bei 27,1. Der WHO nach zu urteilen sind damit die meisten Menschen in dem Alter als übergewichtig einzustufen. So geisterte denn auch das Ergebnis der Befragung mit der Schlagzeile "Die Hälfte der Deutschen ist zu dick" durch die Medien.

"Die WHO hat die Grenzen viel zu eng gesetzt", kritisiert die Fachjournalistin Elke Achtner-Theiss, die in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift "Schrot&Korn" ausführlich über den BMI und seine Entstehung berichtet. "Auf diese Weise werden viele Millionen gesunder Menschen zu Kranken erklärt und unnötigerweise zu Diäten gedrängt, die dank des Jojo-Effekts Übergewicht langfristig eher fördern." So fordere die WHO die vermeintliche Übergewichts-Epidemie tatsächlich erst heraus, die sie bekämpfen will.

Für Dietrich Rothenbacher von der Universität Heidelberg spiegelt das Gezeter um das "optimale" Gewicht" ein grundlegendes Problem wieder: "Dem Gewicht, vor allem dem leichten Übergewicht, wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Es ist bei Diabetes, Bluthochdruck, den Erkrankungen der Blutgefäße oder Herzinfarkten in keinem Fall die alleinige Ursache. Die Ursache ist hauptsächlich ein in Schieflage geratener Stoffwechsel. Die kann aber grundsätzlich bei Dick und Dünn auftreten", sagt er. Neuen Erkenntnissen zufolge haben zum Beispiel Pummelige, die körperlich aktiv sind, sogar ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten als ein Normalgewichtiger, der sich nicht ausreichend bewegt.

Fett ist eben nicht gleich Fett. Es kommt mitunter darauf an, an welcher Stelle im Körper es sitzt. So geht der berüchtigte Rettungsring um den Bauch viel häufiger mit Krankheiten wie Diabetes und Herzinfarkt einher als der Speck an Beinen oder Armen. Nach Ansicht der Wissenschaftler der Bauchumfang aussagekräftiger als das Gewicht allein. Doch Ausnahmen bestätigen auch diese Regel: "Es gibt verstecktes Fett, dass man anhand der Statur eines Menschen gar nicht vermutet und das ebenso die Stoffwechsellage aus dem Ruder laufen lassen kann", sagt Rothenbacher. Deshalb appelliert er, das Gewicht nie isoliert zu betrachten.
ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner


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