Wenn das Gedächtnis aussetzt: Mediziner entwickeln Tests zur Früherkennung von Alzheimer

 Alois Alzheimer, der Entdecker der später nach ihm benannten Demenzerkrankung
Alois Alzheimer, der Entdecker der später nach ihm benannten Demenzerkrankung
Mit immer besseren Tests wollen Mediziner eine bevorstehende Alzheimer-Erkrankung möglichst früh erkennen. Zwar ist die Krankheit nicht heilbar, doch je früher sie diagnostiziert wird, desto länger lässt sich der geistige Verfall der Patienten hinauszögern.
Mit kleinen Schusseligkeiten fängt es an: Schlüssel verlegt, Geburtstag des Freundes verschwitzt, einen Teil des Einkaufs vergessen. Das kann mit zunehmendem Alter, jenseits der 60, durchaus mal vorkommen. Doch häufen sich die Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis und treten andere Auffälligkeiten hinzu, beispielsweise in Alltagssituationen nicht mehr gewohnt zuverlässig zu reagieren, dann sind die Angehörigen und der Arzt gefordert. Nicht selten lautet die Diagnose Alzheimer. Rund 1,3 Million Menschen sind davon in Deutschland betroffen, schätzt Sylvia Kern von der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg. Die Tendenz ist steigend. Bis 2050 rechnen Experten mit einer Verdopplung.

Die Alzheimer-Krankheit ist eine sich schleichend entwickelnde Erkrankung des Gehirns. Viele ihrer Mechanismen sind medizinisch noch nicht ganz geklärt. Klar ist nur, dass Gehirnzellen durch Ablagerungen so genannter Plaques und Ansammlung abnormer Fibrillenstrukturen zerstört werden. Therapeutische und medikamentöse Behandlungen können den Krankheitsverlauf um wenige Jahre verzögern. Aufhalten können sie ihn nicht – Alzheimer ist bislang unheilbar.

Umso wichtiger ist die Früherkennung, betont Kern. Je früher eine Erkrankung erkannt wird, desto besser und länger kann der Patient den drohenden Zerfall herauszögern. "Entscheidend ist, auf welchem Niveau geistiger Aktivität man mit Gegenmaßnahmen startet", erläutert der Leiter der Memory Clinic am Stuttgarter Bürgerhospital, Jürgen Fischer. "Wenn ich mein Gehirn überhaupt nicht geübt habe, habe ich keine gute Ausgangssituation." Eine gesunde Lebensführung mit viel Bewegung und neue geistige Herausforderungen sind hilfreich. Denn das Gehirn hat eine große Plastizität. Damit bezeichnen Mediziner die Eigenschaft des Gehirns, sich neuen Reizen, Aufgaben und Aktivitäten anzupassen. "Wenn ich das Gehirn gezielt trainiere, kann ich Leistungsdefizite in einem gewissen Rahmen kompensieren", sagt Fischer. Ein weiterer Grund für eine Früherkennung ist, dass Patienten über den Verlauf ihres Lebensabends bewusst entscheiden können.

Alexander Kurz, Psychiater an der Technischen Universität München, unterteilt den Krankheitsverlauf von Alzheimer in drei Phasen. Insgesamt erstrecken diese sich über 20 bis 30 Jahre. In Phase Eins bahnt sich die Erkrankung an. Den Patienten ist noch nichts anzumerken, und auch eine Diagnose ist noch nicht möglich. In Phase Zwei tauchen erste Symptome auf, etwa eine Gedächtnisschwäche. Die Betroffenen können die meisten Alltagsaufgaben zwar noch souverän absolvieren, bei komplexen Aktivitäten, etwa eine Geburtstagsparty zu planen oder ein Bankkonto zu verwalten, stoßen sie indes an neue Grenzen. Mediziner nennen diese Phase "leichte kognitive Störung" (MCI für "mild cognitive impairment"). In Phase Drei zeigt sich das typische Bild der Krankheit: Alltägliche Verrichtungen werden nicht mehr beherrscht, die Persönlichkeit des Betroffenen und die Beziehungen zu anderen Menschen haben sich verändert. Meist erscheinen die Betroffenen, begleitet von Verwandten oder Bekannten, dann beim Arzt.

"Das tragische an Alzheimer ist, man sieht die Demenz oft nicht früh genug", sagt Rainer Kortus, Chefarzt für Gerontopsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie in Winnenden. Die Kranken ziehen sich in sich zurück. Leute im Ruhestand werden antriebslos. "Dieser Rückzug wird gesellschaftlich toleriert. Und die Ärzte achten wenig darauf", sagt Kortus. Doch erste Warnhinweise sollten zu denken geben.

Mit einer Vielzahl an Tests können Mediziner diese Warnhinweise deuten. Um Alzheimer (in Phase Drei) zu diagnostizieren, hat sich weltweit der Mini Mental Status Test (MMST) durchgesetzt. Patienten bekommen einer Reihe von Aufgaben zu ihrer Orientierung, Aufmerksamkeit, Konzentration und zu ihrem Gedächtnis und Sprachvermögen. Der Test dauert 15 Minuten. Erreichen die Testpersonen weniger als 20 der 30 Bewertungspunkte, so sprechen Mediziner von einer Demenz. "Doch Betroffene mit hoher Ausgangsintelligenz können durchs Raster fallen", bemerkt Kortus. Die Tests stehen dabei nie für sich allein, sondern sind in die Aufnahme der Krankengeschichte (Anamnese) und weitere internistische und neurologische Untersuchungen eingebettet.

Auch Patienten mit nur leichter kognitiver Störung (MCI) erfasst der MMST nicht. Der Mediziner und Psychologe Fischer setzt deshalb in der neuropsychologischen Früherkennung auf eine genormte Zusammenstellung verschiedener Einzeltests (der MMST gehört dazu), die unter dem Kürzel CERAD bekannt ist. Die Tests dauern auch nur rund 30 Minuten, bringt aber solide Ergebnisse zur Diagnose von MCI. Die Schwierigkeit für den Arzt besteht aber darin, so Fischer, dass die leichte kognitive Störung in einem Graubreich zwischen alterndem Gedächtnis und einer Demenz liegt. "Das Gedächtnis strukturiert sich im Alter außerdem um", sagt Fischer. Und das ist normal.

Zum CERAD gehört auch ein Test, bei dem Personen eine Liste von zehn Wörtern lernen sollen. Die Ausgangsliste wird eingeübt und mehrmals abgerufen. Eine Unterbrechung durch eine andere Aufgabe lenkt daraufhin die Personen ab. Anschließend soll die 10-Wort-Liste nochmals wiedergegeben werden. Normalerweise wird nur der letzte Durchgang zur Bewertung herangezogen. Doch wie William Shankle von der Universität von Kalifornien in Irvine nun gezeigt hat, können MCI-Patienten von gesunden Personen noch besser unterschieden werden, wenn auch die ersten drei Versuche durch ein statistisches Verfahren mitberücksichtigt werden.

An die Phase Eins von Alzheimer kommen die visuellen, akustischen und Sprachtests nicht heran. Klinische Symptome zeigen sich noch nicht. Allenfalls auf zellulärer Ebene im Gehirn wären schon Veränderungen erkennbar. Doch eine Biopsie, also eine Entnahme von Hirngewebe, hält Alexander Kurz für zu aufwändig und gefährlich – zumal es ja keine Indikation gibt, wann und für wen eine Biopsie nützlich ist. Kurz verfolgt zurzeit eine Alternative: Wenn Alzheimer in den Hirnstrukturen anfängt, die Zellen zu schädigen, müsste sich das Gehirn auch in diesem frühen Krankheitsstadium reorganisieren. Dies ließe sich durch ein verändertes Intensitätsmuster des Zuckerstoffwechsels – als Maß für den Energieverbrauch – mit der so genannten Positronen-Emissionstomographie untersuchen. Schon jetzt ist klar, dass die leichte kognitive Störung mit Stoffwechseländerungen an charakteristischen Stellen einhergeht. Wird das bei Patienten festgestellt, dann fallen diese wahrscheinlich in wenigen Jahren in eine Alzheimer-Demenz.

So einfach und schnell viele der Gedächtnistests gemacht werden können, sie gehören in Profihände, betont Fischer. Neben einer drohenden Alzheimer-Erkankung können Gedächtnisaussetzer und andere Symptome eine Vielzahl von Ursachen haben, angefangen von Stress, Konflikten in der Familie, Schlafmangel bis hin zur anderen Erkrankungen. Sein Rat: Wenn merkliche Gedächtnisaussetzer über mehrere Tage oder Wochen andauern, oder gar schlagartig und sehr ausgeprägt auftreten, soll ein Facharzt aufgesucht werden. Fischer: "Reagieren Sie schnell."
ddp/wissenschaft.de – Martin Schäfer


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