Wissenschaftler als Handleser: Was Forscher aus der Länge der Finger ablesen können

Jenseits von allem Hokuspokus kann das Handlesen auch ernste Wissenschaft sein. Das Verhältnis der Fingerlängen erlaubt Forschern zumindest vorsichtige Aussagen über die hormonelle Entwicklung eines Menschen – und damit über seine Charakterzüge und sexuelle Orientierung.
Eine Szene aus dem spanischen Granada: Die alte Frau mit den bunten Kleidern und dem schwarzen Haar greift zudringlich nach der Hand der Touristin. Sie will ihr aus der Hand lesen und die Zukunft vorhersagen. Die junge Frau überlegt erst, schüttelt dann den Kopf und lässt die Alte stehen. "Hokuspokus!", sagt sie sich – was soll eine alte Frau schon aus einer Hand lesen können? "Ein wenig schon", würde so mancher Wissenschaftler heute behaupten. Denn jenseits aller Wahrsagerei kann der Fachmann aus Händen und Fingern Anhaltspunkte zu Eigenschaften wie Fruchtbarkeit, Brustkrebsrisiko oder sexueller Orientierung gewinnen.

Bei homosexuellen Frauen beispielsweise ist der Längenunterschied zwischen Zeige- und Ringfinger größer als bei heterosexuellen. Zu diesem Schluss kam Marc Breedlove von der Universität von Kalifornien in Berkeley, als er die Finger von 720 Freiwilligen vermaß. Bei Männern fanden Breedlove und seine Kollegen weniger direkte Zusammenhänge: Nur homosexuelle Männer mit mehreren älteren Brüdern hatten deutlich kürzere Zeigefinger.

Wie kommen Wissenschaftler überhaupt auf die Idee, Fingerlängen mit sexueller Orientierung in Zusammenhang zu bringen? Der Psychologe Breedlove erklärt den Zusammenhang mit den männlichen Hormonen, den Androgenen, die bereits im Mutterleib die Fingerlänge beeinflussen. Mit der Bestimmung des Längenverhältnisses lasse sich indirekt auf den Androgenspiegel schließen. Fetale Androgene, vor allem Testosteron, werden ab der achten Schwangerschaftswoche produziert und bestimmen die relative Länge der Finger. Je mehr Testosteron der Fetus produziert, umso länger wird der Ringfinger im Vergleich zum Zeigefinger.

Die Fingerlänge hängt auch mit den Charakterzügen zusammen, fanden John Manning und seine Kollegen von der Universität Liverpool in einer Studie an zweihundert Probanden. Frauen mit längerem Ringfinger verfügen laut den Wissenschaftlern über eine hohe Durchsetzungskraft, sind nicht besonders kommunikativ und neigen seltener zu Neurosen. Je länger der Ringfinger ist, umso ausgeprägter sind diese Eigenschaften.

Bei Männern steht die Kombination für ein besonderes Talent im Sport und für hohe Potenz. Auch sie sind nicht sonderlich kommunikativ und sprachbegabt. Bei etwa gleich langen Fingern ist bei beiden Geschlechtern die gegenteilige Eigenschaft abzulesen. Frauen mit gleich langen Fingern sind beispielsweise sprachlich besonders gewandt, sind dafür aber anfälliger für Neurosen, so die britischen Forscher.

Die Testosteronkonzentrationen vor der Geburt beeinflussen neben der Bildung der männlichen Geschlechtsorgane wohl die Entwicklung mehrerer Bereiche des Gehirns. Zuviel Testosteron könne das Wachstum der rechten Gehirnhälfte auf Kosten der linken fördern, glaubt Manning. Das könne zu eingeschränktem Leseverständnis, aber auch zu besseren mathematischen und musikalischen Fähigkeiten führen. Zudem hat der Hormonspiegel einen Einfluss auf die Gesundheit: Zuviel Testosteron konnte mit Migräne, Autismus, Stottern, Schizophrenie und Depressionen in Zusammenhang gebracht werden, berichtet Manning. Der britische Forscher untersuchte autistische Kinder und deren Familien und stellte fest, dass sie abnorm lange Ringfinger haben – auch die Familienangehörigen, die gar nicht betroffen sind.

In weiteren Studien konnten Wissenschaftler das Längenverhältnis der Finger auch mit Herzinfarkt- und Brustkrebsrisiko, Fruchtbarkeit, Rechtschreibschwäche und Linkshändigkeit in Zusammenhang bringen. So sind beispielsweise Frauen, bei denen der Ringfinger kürzer ist als der Zeigefinger, oft besonders fruchtbar. Männer mit langen Ringfingern neigen eher zu Depressionen.

Marc Breedlove glaubt jedoch nicht, dass aus den Längenverhältnissen der Finger wirklich aussagekräftige Diagnoseverfahren entwickelt werden können: "Es gibt beispielsweise Frauen, die ein kleineres Fingerlängenverhältnis haben als Männer, obwohl der Durchschnittsmann immer ein kleineres Verhältnis als die Durchschnittsfrau hat", erläutert der Wissenschaftler gegenüber ddp. Daher könnten keine Rückschlüsse auf den einzelnen gezogen werden. Allerdings seien die Informationen beim Vergleich von Personengruppen sehr wertvoll, weil sie verstehen helfen, welche Faktoren Krankheiten wie Autismus und Herzkrankheiten begünstigen.
ddp/bdw – Birgit Schätz


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Der Autor ist ein brillant schreibender Wissenschaftler, der keinen Zweifel daran lässt, dass Tiere Freude, Liebe, Angst und Eifersucht fühlen und dass sie denken können.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe