Frühchen lernen langsamer

 Zu früh Geborene haben in der Schule oft mehr Lernprobleme. (Bild: Thinkstock)
Zu früh Geborene haben in der Schule oft mehr Lernprobleme. (Bild: Thinkstock)
Etwa 15 Millionen Babys weltweit kommen jedes Jahr zu früh auf die Welt - das entspricht immerhin gut zehn Prozent aller Geburten. Die meisten Nachteile ihrer frühen Geburt holen die Frühchen im Laufe der Kindheit wieder auf. Doch vor allem für die Entwicklung ihres Gehirns hat der verfrühte Start ins Leben offenbar nachhaltige Folgen. Ein Experiment deutscher und britischer Psychologen mit achtjährigen Kindern zeigt: Vor allem dann, wenn zu früh Geborene komplexere Aufgaben lösen sollen, sind sie schneller überfordert als ihre Altersgenossen. Angesichts steigender Frühchenzahlen müsse dies zukünftig auch im Schulunterricht stärker berücksichtigt werden, mahnen die Forscher.
Wie viele Mütter wissen, ist der Zeitpunkt der Geburt alles andere als auf den Tag genau planbar. Immerhin mehr als die Hälfte aller Kinder kommen vor der 39. Schwangerschaftswoche zur Welt, also etwas vorzeitig. Als echte Frühchen gelten aber in der Regel nur diejenigen, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden. Sie machen rund zehn Prozent der Geburten aus. Dank einer immer besseren Neonatalmedizin können die Ärzte heute sogar immer häufiger auch die Neugeborenen am Leben erhalten, die in der 32. Woche, also fast zwei Monate zu früh auf die Welt kommen. Für die Kinder bleibt das zu frühe Ende ihrer Zeit im Mutterleib oft nicht ohne Folgen.

"Eine zu frühe Geburt geht mit Veränderungen in der Gehirnentwicklung einher und einem reduzierten Hirnvolumen", erklären Julia Jäkel von der Ruhr-Universität Bochum und ihre Kollegen. Bisherige Studien ergaben, dass das auch Folgen für die geistige Entwicklung der Kinder hat: So zeigen sie oft Defizite beim Lernen und beim räumlichen Gedächtnis und schneiden schlechter ab, wenn es darum geht, verschiedene Reize gleichzeitig zu verarbeiten. Worauf diese Probleme aber genau zurückzuführen sind und wie man diese Kinder am besten fördern könnte, blieb bisher unklar.

"Dramatisch zunehmende Defizite"

Jäkel und ihre Kollegen haben in ihrer Studie eine Hypothese überprüft, nach der die Engstelle bei den Frühchen vor allem im Arbeitsgedächtnis liegt: Bekommt dieses zu viele Aufgaben und Informationen auf einmal, ist es schnell ausgelastet und die Kinder können nicht alles aufnehmen. Diese Hypothese untersuchten die Forscher an 1.326 Kindern im Alter von acht Jahren, die zwischen der 23. und 41. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen waren. Alle Kinder absolvierten eine Serie von standardisierten Tests zu ihren geistigen Fähigkeiten. Die Aufgaben stammten dabei aus verschiedenen Bereichen von Mathematik über visuelle Tests bis hin zu verbalen Aufgaben. Gleichzeitig stuften die Forscher die Aufgaben in drei Belastungsklassen ein: komplexe Aufgaben, bei denen mehrere Informationsquellen gleichzeitig beachtet werden mussten und die das Arbeitsgedächtnis daher stark beanspruchten, sowie mittlere und wenig beanspruchende Aufgaben.

Das Ergebnis: Je höher die kognitive Belastung war, desto deutlicher zeigten sich bei den ehemaligen Frühchen Defizite. Bei den leichten Aufgaben gab es noch kaum Unterschiede zwischen ihnen und den später Geborenen. Gingen die Aufgaben aber mit einer hohen Belastung für das Arbeitsgedächtnis einher, waren die Frühchen schnell überfordert. Das erkläre auch, warum frühere Studien teilweise widersprüchliche Ergebnisse brachten: Bei den Aufgaben sei oft nicht die Belastung für das Arbeitsgedächtnis gesondert erfasst und ausgewertet worden. "Die Leistungsdefizite von Kindern steigen dramatisch, je früher sie auf die Welt gekommen sind und je größer die kognitive Belastung ist", sagt Jäkel. Besonders stark beeinträchtigt waren frühgeborene Kinder, wenn sie vor der 34. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen waren.

Herausforderung für das Schulsystem

Eine mögliche Erklärung für die geringere Aufnahme-Kapazität der Frühchen haben die Forscher bereits: Es ist bekannt, dass sich die Netzwerke im Gehirn bei hoher Belastung nach und nach anpassen, indem sie wachsen und mehr Verbindungen anlegen. Studien zeigen, dass dieser Prozess bei Frühgeborenen stärker abläuft - das Gehirn holt so quasi das im Mutterleib versäumte Wachstum nach. "Das spricht für die Plastizität des Gehirns, führt währenddessen aber zu Einbußen in der momentanen Leistung", erklären Jäkel und ihre Kollegen. Für die Kinder bedeutet das konkret: Sie können ihre Defizite im Laufe der Kindheit durchaus aufholen - sind aber dafür im normalen Unterricht schneller überfordert, wenn es komplexer wird.

"Da die Anzahl an Frühgeburten steigt, wird auch der Bedarf an spezieller Förderung im Unterricht größer werden – eine Herausforderung für das Schulsystem", sagt Jäkel. Ihrer Ansicht nach könnte man Frühchen gezielt helfen, indem man beispielsweise Lerninhalte für sie entzerrt und die darin enthaltenen Informationen nacheinander und langsamer präsentiert, statt simultan. Studien zeigen zudem, dass man das Arbeitsgedächtnis mit speziellen Computertrainings gezielt verbessern kann. Passt man den Schulunterricht oder Förderkurse entsprechend an, dann können frühgeborene Kinder trotz kognitiver Einschränkungen Lernerfolge erzielen, so das Fazit der Forscher.
Julia Jäkel (Ruhr-Universität Bochum) et al., PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0065219

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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