Warum sich Hirsche vor Forellen fürchten müssen

 Keine Forellen mehr für die armen Grizzlys: Seitdem die Saiblinge die Cutthroat-Forellen stark dezimiert haben, müssen die Bären auf anderes Futter umsteigen. Bild: Thinkstock
Keine Forellen mehr für die armen Grizzlys: Seitdem die Saiblinge die Cutthroat-Forellen stark dezimiert haben, müssen die Bären auf anderes Futter umsteigen. Bild: Thinkstock
Seit einigen Jahrzehnten hat der Yellowstone-Park einen neuen Bewohner, der sich dort außerordentlich wohl fühlt: den Amerikanischen Seesaibling, auch Seeforelle genannt. Wie der Fisch eigentlich dorthin gekommen ist, weiß niemand so genau. Doch seitdem er da ist, geht es nicht nur anderen Fischen im Yellowstone-See an den Kragen: Auch die Anzahl der Wapiti-Hirsche, die durch den Park streifen, nimmt merklich ab. Wie das zusammenhängt, haben jetzt amerikanische Biologen ausgetüftelt.
Es klingt zunächst nicht besonders logisch: Ein eingewanderter - oder besser eingeschleppter - Fisch soll verantwortlich dafür sein, dass die Hirsche im Nationalpark immer weniger werden. Tatsächlich verbirgt sich dahinter auch kein simpler Zusammenhang, sondern eine Art Öko-Krimi, der sich nahezu unbemerkt von den Park-Wächtern mitten im Schutzgebiet des Yellowstone-Parks abspielt. Hauptdarsteller sind neben den Wapitis und den Seesaiblingen die Yellowstone-Cutthroat-Forelle und – der Grizzly-Bär.

Schlechte Karten für die Cutthroat-Forellen

Zunächst zu den Fischen: Seitdem der Seesaibling – in anderen Gewässern der USA übrigens selbst gefährdet – im Yellowstone-See wächst und gedeiht, nimmt die Zahl der zuvor dort heimischen Cutthroat-Forellen dramatisch ab. Das ist sowohl direkt als auch indirekt die Schuld des Einwanderers: Seesaiblinge konkurrieren mit den Forellen nicht nur um die gleiche Nahrung, sie fressen auch die jungen Forellen. Bis zu 90 Prozent könnte dadurch – und durch den Einfluss der Klimaveränderung, einer Dürre und Parasiten sowie Krankheiten – der Bestand der Cutthroat-Forellen seit Ankunft der Saiblinge zurückgegangen sein, schätzen Experten.

Parallel dazu wurden auch die Wapiti-Hirsche, die im Frühjahr und Sommer aus den umliegenden Gebieten in den Yellowstone-Park einwanderten, immer weniger, insbesondere die jungen. So liegt das Verhältnis von Weibchen zu Jungtieren beispielsweise im angrenzenden Wyoming bei etwa 0,4, während es in den letzten Jahren mitten im Yellowstone-Park auf bis zu 0,1 fiel – und das kurz nach der Zeit, in der die meisten Kälber geboren werden. Lange Zeit hatten Biologen angenommen, dass das auf das Konto der zunehmenden Anzahl von größeren Raubtieren geht. Denn insbesondere die Wölfe, die gezielt im Yellowstone-Park angesiedelt wurden, konnten ihre Populationen in der letzten Zeit deutlich steigern.

Das fehlende Glied: der Grizzly

Tatsächlich scheinen es aber hauptsächlich die fehlenden Cutthroat-Forellen zu sein, die den Wapitis zu schaffen machen – allerdings nicht direkt, denn Hirsche fressen keine Fische oder umgekehrt. Verbindungsglied sind vielmehr die Grizzly-Bären, konnten nun die Wissenschaftler um Arthur Middleton von der University of Wyoming zeigen. Die ernährten sich früher nämlich hauptsächlich von den Cutthroat-Forellen, und zwar von denen, die die Zuflüsse des Sees entlangwanderten, um abzulaichen. Seitdem sie fehlen – die Seesaiblinge laichen direkt auf dem Seeboden und sind damit für die Bären nicht erreichbar –, fehlt den Grizzlys ihre wichtigste Nahrungsquelle.

Wie Kotproben zeigten, nahm der Anteil der Fische im Bärenfutter seit Mitte der 1990er Jahre von fast 100 Prozent so drastisch ab, dass heute nur hin und wieder Reste der Forellen entdeckt werden. In Zahlen bedeutet dies: Mitte der 90er fraßen die 68 Bären, die typischerweise um den Yellowstone-See herumstreifen, etwa 5.600 Kilogramm Forellen pro Jahr – 2009 waren es noch gerade 314 Kilogramm. Das warf für die Forscher die Frage auf: Womit haben die Grizzlys seitdem die fehlenden 5.300 Kilogramm Fisch ersetzt?

Hirschkalb statt Forelle

Genau da kommen die Wapitis ins Spiel, entdeckten die Biologen. Denn die haben das Pech, dass ihre Frühjahrswanderungen sie genau zu der Zeit in das Gebiet rund um den Yellowstone-See führen, in der sonst die Cutthroat-Forellen abgelaicht haben. Und in die gleiche Zeit – das späte Frühjahr und den frühen Sommer – fallen auch die meisten Geburten der Wapiti-Kälber. Was läge da für die Bären näher, als einfach auf die jungen Hirsche als Nahrungsquelle umzusteigen, vor allem, da das Wapiti-Fleisch eine ähnliche Nährstoffzusammensetzung hat wie das der Fische und es nur sehr wenige alternative Futterquellen gibt.

Die Forscher rechneten nach: Hätten die Tiere wirklich die fehlenden 5.300 Kilogramm Forellen vollständig durch die Hirschkälber ersetzt, müssten sie bei 18 Kilogramm pro Kalb 297 Wapitis zusätzlich gefressen haben. Der Vergleich mit den tatsächlichen Beobachtungsdaten zeigte dann: Vor dem Verschwinden der Forellen fraßen die 68 Bären 245 Kälber pro Jahr, jetzt sind es um die 476 – also eine relativ gute Übereinstimmung.

Jahrelang übersehen

Zusammenfassend könne man also sagen, dass der Einzug der Seesaiblinge tatsächlich der wohl wichtigste Faktor war, der zur Abnahme der Wapiti-Population geführt hat – und zwar über den Rückgang der Cutthroat-Forellen und der damit einhergehenden Notwendigkeit für die Grizzlys, sich neue Futterquellen zu suchen. Es sei nahezu erschreckend, dass in einem so intensiv überwachten und geschützten Ökosystem wie dem Yellowstone-Park eine derartige Wechselwirkung bisher schlicht übersehen worden sei, kommentieren die Forscher, vor allem, da das Problem in gewisser Weise hausgemacht ist. Denn auch wenn die Saiblinge nie offiziell in dem Gewässer ausgesetzt wurden, gilt es als sicher, dass sie von Menschen illegal dorthin gebracht wurden.

Der Zusammenhang zeige zudem, dass es nicht sinnvoll sei, die Lebensräume Wasser und Land vollständig getrennt voneinander zu betrachten – es gebe sehr viel mehr, auch indirekte, Wechselwirkungen als bisher gedacht. Bedenke man dann noch, dass der Grizzly nur eine von 28 Arten ist, die sich von den ablaichenden Forellen ernährt haben, könne man vielleicht das Ausmaß der direkten und indirekten Folgen erahnen.
Arthur Middleton (University of Wyoming) et al.: Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2013.0870

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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