Babys in der Trageruhe

 Credit: Thinkstock
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Eltern kennen den Trick: Ein jammerndes Baby lässt sich beruhigen, indem man es hochnimmt und im Zimmer auf und ab geht. Setzt man sich allerdings mit ihm hin oder legt das Kind wieder ins Bett, geht das Geschrei oft gleich wieder los. Japanische Forscher sind dem beruhigenden Effekt des Tragens nun auf den Grund gegangen und konnten zeigen, wie tief dieses Konzept bei den Säugetieren verwurzelt ist. Ob bei Maus oder Mensch – Tragen hat ihren Experimenten zufolge ähnliche Effekte auf den Nachwuchs: Der Herzschlag beruhigt sich, das Weinen wird eingestellt und die Bewegungsaktivität nimmt ab. Das erleichtert der Mutter den Transport und ermöglicht eine unauffällige Beförderung des Babys aus Gefahrensituationen, erklären die Wissenschaftler.
Die Idee zu der Untersuchung kam Studienleiterin Kumi Kuroda vom RIKEN Brain Science Institute in Saitama beim Säubern der Mäuse-Käfige im Labor. „Als ich die Mäusebabys an der Rückenhaut vorsichtig hochnahm, hörten sie sofort auf zu strampeln, wurden ruhig und nahmen eine kompakte Körperhaltung ein. Dies erinnerte mich an den gleichen Effekt bei menschlichen Babys“, berichtet die Wissenschaftlerin. Eine vergleichbare Wirkung des Tragens ist außerdem von vielen weiteren Tierarten bekannt. Kuroda und ihre Kollegen beschlossen also, diesem Verhalten nun erstmals mit wissenschaftlichen Methoden nachzugehen.

Zuerst führten sie Tests mit zwölf menschlichen Babys im Alter von sechs Monaten durch. Ihr Herzschlag wurde mittels Elektroden auf der Brust erfasst. Wenn ein Baby weinte, beschleunigte sich sein Herzschlag deutlich – ein Zeichen des Stresses. Das änderte sich, sobald die Mutter das Kind hochnahm und mit ihm durchs Zimmer lief. Der Herzschlag ging dann sofort zurück, das Kind wurde still, stellte das Strampeln ein und entspannte sich. Setzte sich die Mutter nun allerdings mit dem Kind hin oder hielt es nur still im Arm, stieg die Herzfrequenz wieder an, zeigten die Untersuchungen.

Mäusebabys mit Mini-Elektroden auf der Brust

Ähnliche Experimente führten die Wissenschaftler anschließend mit Mäusebabys durch, die mit Mini-Elektroden auf dem Brustkorb ausgerüstet waren. Auch bei den Nagern zeigten sich die gleichen Effekte des Tragens durch die Mutter wie zuvor beim Menschen: Rückgang der Herzfrequenz, Bewegungslosigkeit und kein Geschrei mehr, denn auch Mäusebabys weinen. Diesen Lauten mussten die Forscher allerdings mit technischen Hilfsmitteln zuhören, denn die Schreie der winzigen Nager ertönen nur im Ultraschallbereich.

Ein weiterer Versuch der Forscher dokumentierte außerdem, welchem Zweck der Beruhigungseffekt beim Tragen dient. Die Forscher betäubten bei einigen Mäusebabys spezielle Wahrnehmungswege, so dass sie nicht mehr in der Lage waren, zu erfassen, dass sie getragen wurden. Sie verfielen dadurch nicht in die Trageruhe, wenn sie von der Mutter befördert wurden, sondern strampelten weiter. Zusammen mit ihren Geschwistern wurden diese Versuchstiere dann in ein Gefäß gelegt, aus dem sie die Mutter „retten“ und zurück ins Nest schaffen sollte. Es zeigte sich, dass die Mausmama deutliche Probleme beim Schleppen der Kleinen hatte, die nicht in die Trageruhe verfielen, sondern sich bewegten: Sie benötigte für den Transport dieses strampelnden Gepäcks deutlich mehr Zeit als bei den kompakten und ruhigen Vergleichstieren.

Die Ergebnisse veranschaulichen, dass die Trageruhe ein wichtiges Konzept der Natur ist, das sowohl der Mutter als auch dem Kind nützt, resümieren die Forscher: Der Transport wird erleichtert und das Baby macht keine auffälligen Geräusche bei der Flucht aus einer möglichen Gefahrensituation. Von diesem Effekt profitiert ein breites Spektrum von Tierarten und auch für die Vorfahren des Menschen war die Trageruhe offenbar ein Vorteil und hat sich deshalb erhalten. Die Forscher sehen in ihrer Studie nun einen Beitrag zum besseren Verständnis des Verhaltens von Säuglingen. Tragen sei ihnen zufolge ein sinnvolles Mittel, ein gestresstes Baby zu beruhigen. Doch manche Eltern fühlen sich frustriert, wenn das Kind immer wieder anfängt zu schreien, sobald man aufhört, es zu tragen. Verständnis, warum sich das Baby so verhält, könne helfen, den Stress von Eltern zu dämpfen, meinen Kuroda und ihre Kollegen.
Kumi Kuroda (RIKEN Brain Science Institute in Saitama) et al.: Current Biology, doi:10.1016/j.cub.2013.03.041

© wissenschaft.de - Martin Vieweg


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