Wie man Feinde schrumpfen lassen kann

 Bedrohlich oder eher nicht? Die persönliche Einschätzung hängt auch davon ab, ob man gerade alleine ist oder nicht. Bild: Thinkstock
Bedrohlich oder eher nicht? Die persönliche Einschätzung hängt auch davon ab, ob man gerade alleine ist oder nicht. Bild: Thinkstock
"Gemeinsam sind wir stark!" Ein Schlachtruf, der Menschen durch die Jahrtausende begleitet hat und der auch heute noch häufig zu hören ist, zum Beispiel als Mantra bei teambildenden Maßnahmen. Und das Konzept dahinter reicht sogar zurück bis zu den Anfängen der Menschheit. Denn nicht selten hing damals der Ausgang eines Konflikts davon ab, ob man Verbündete an seiner Seite hatte oder nicht. Im Gehirn ist dieser Zusammenhang offenbar sogar so tief verwurzelt, dass er auf eine subtile Weise die Wahrnehmung beeinflusst – das haben nun zwei kalifornische Psychologen entdeckt: Wer sich von Freunden umgeben weiß, dem erscheint ein potenzieller Gegner kleiner und weniger muskulös.
Daniel Fessler und Colin Holbrook, beide von der University of California in Los Angeles, postierten sich für ihre Studie auf einem Strandboulevard in Santa Monica, wo sie gezielt männliche Passanten ansprachen. Dabei wählten sie die potenziellen Probanden so aus, dass sie sowohl einzelne Spaziergänger als auch Männer in Gruppen, bestehend aus zwei bis sieben ebenfalls männlichen Begleitern, erfassten. Wer mitmachen wollte, bekam ein Foto mit einem Gesicht eines bärtigen Mannes mit Turban gezeigt, der eine Waffe in der Hand hielt und vor einem mit arabischen Schriftzeichen verzierten Hintergrund posierte.

Der Körper zum Gesicht

Man habe ein derartiges Bild ausgewählt, weil der bärtige Araber für die meisten Amerikaner den Prototypen eines Feindes repräsentiere, erläutern sie. Ihre Testteilnehmer ließen die Forscher zusätzlich wissen, dass es sich bei dem Abgebildeten um einen überführten Terroristen handele. Im eigentlichen Test sollten die Männer dann die Körpergröße des Mannes abschätzen, einmal in Metern und einmal mit Hilfe einer Abbildung, in der sechs verschieden große Körperumrisse zu sehen waren. Auf einer zweiten Abbildung waren zudem sechs Beispiele für unterschiedlichen Körperbau zu sehen, von sehr schlank bis extrem muskulös, an deren Beispiel die Probanden angeben sollten, für wie muskulös sie den angeblichen Terroristen hielten.

Die 56 Männer, die alleine unterwegs gewesen waren, schätzten die Größe des Abgebildeten im Schnitt auf 1,76 Meter – und lagen damit vier Zentimeter über dem Durchschnittswert der 93 Männer, die zu einer Gruppe gehörten. Auch beim Körperbau neigten die einsamen Spaziergänger dazu, dem Araber mehr Muskeln zuzuschreiben als diejenigen, die mit Freunden unterwegs waren. Dabei kam es offensichtlich tatsächlich nur darauf an, ob die Probanden zu einer Gruppe gehörten oder nicht – wie groß die Gruppe war, spielte überhaupt keine Rolle. Das gleiche Muster fanden die Wissenschaftler auch in einem zweiten Durchgang, in dem sie ausschließlich Gruppen rekrutierten, für die eigentlichen Tests jedoch einige Männer von ihren Freunden trennten und isoliert befragten.

Entscheidungshilfe geistiges Bild

Doch wie kommt dieser Effekt zustande? Wer auf einen Gegner trifft, muss in Sekundenbruchteilen seine Chancen abwägen, erläutern die beiden Wissenschaftler. Soll man kämpfen, fliehen oder versuchen, zu verhandeln? Die Entscheidung wird von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängen, etwa wie groß und stark der Gegner ist, wie seine körperliche Konstitution aussieht, ob er eine Waffe hat und, und, und. Da es jedoch unmöglich ist, alle diese Merkmale in der kurzen verfügbaren Zeit zu bewerten, muss das Gehirn eine Art Abkürzung nehmen: Es schätzt stellvertretend für alle anderen Faktoren Körpergröße und Körperkraft des anderen im Vergleich zur eigenen ab und schafft daraus ein subjektives Bild des Gegenübers. In dieses Bild, das hatten bereits frühere Studien gezeigt, fließen auch andere Informationen ein. Weiß man beispielsweise, dass der Gegner eine Waffe besitzt, vergrößert das Gehirn die geistige Darstellung des Betreffenden.

Auf die gleiche Weise wirken offenbar auch Verbündete, zeigt nun die neue Studie. Wer sich dem Feind nicht alleine in den Weg stellen muss, hat bessere Chancen auf einen Sieg – ergo lässt das Gehirn den Gegner vor dem geistigen Auge schrumpfen und verringert auch dessen Muskelmasse. Es sei zu erwarten, dass es diesen Effekt nicht nur bei den jetzt getesteten Männern, sondern auch bei Frauen gibt, merken die Forscher an – allerdings sei er bei Männern wegen deren von Natur aus größeren Neigung zu Aggressionen vermutlich stärker ausgeprägt. Sie wollen als nächstes untersuchen, inwiefern die verzerrte Wahrnehmung das Verhalten beeinflusst – und ob sie dazu führt, dass sich die Betreffenden eher in Konfliktsituationen stürzen.
Daniel Fessler, Colin Holbrook: Psychological Science, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1177/0956797612461508

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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