Virtuelle Welt für Blinde

 Credit: Thinkstock
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Ein Labyrinth aus Gängen, Treppen und Türen – selbst für Sehende ist die Orientierung in öffentlichen Gebäuden oft eine Herausforderung. Für Blinde sind Krankenhäuser, Universitäten und viele andere weitläufige Gebäude dagegen komplette Irrgärten. Doch US-Wissenschaftler haben nun ein Computerprogramm entwickelt, das es Blinden ermöglicht, eine räumlich Karte eines Gebäudes in ihrem Kopf zu entwickeln, die sie dann in der realen Situation zur Orientierung nutzen können.
Bei dem System von Lotfi Merabet von der Harvard Medical School und seinen Kollegen handelt es sich um eine virtuelle Welt, die mit Hörinformationen ausgestattet ist, um sie für Blinde erfassbar zu machen. Die Nutzer steuern dabei ihren eigenen virtuellen Stellvertreter, einen sogenannten Avatar, durch ein dreidimensionales Abbild eines Gebäudes. Im Testprogramm der Forscher handelte es sich um einen realitätsgetreuen virtuellen Nachbau des Carol Center for the Blind in Newton mit all seinen Gängen, Türen und sonstigen Raumstrukturen. Die blinden Nutzer steuern ihren Avatar in dieser Umgebung über verschiedene Tastaturbefehle. Sie können dadurch in dem virtuellen Gebäude vorwärts und rückwärts laufen, sich drehen und Aktionen ausführen.

Ein Kopfgeräusch repräsentiert eine Tür

Ein Tip auf die Vorwärts-Taste lässt den virtuellen Stellvertreter beispielsweise einen Schritt nach vorne gehen. Die dabei zurückgelegte Entfernung im virtuellen Raum entspricht einem realen Schritt in der Wirklichkeit. Die Informationen über Raumstrukturen bekommen die Nutzer über Kopfhörer. Beispielsweise steht ein Klopfen für eine Tür. Ertönt dieses Geräusch auf dem rechten Ohr, bedeutet dies: Auf dieser Seite befindet sich eine Tür. Würde der Nutzer seinen Avatar nun um 180 Grad drehen, würde das Klopfgeräusch auf das linke Ohr wechseln. So entsteht eine dreidimensionale akustische Karte des Gebäudes, erklären die Wissenschaftler.

Bei dem Computerprogramm handelt sich allerdings nicht um ein stumpfes Lernsystem, sondern um ein Spiel, bei dem die Raumstrukturen auf unterhaltsame Weise erfasst werden können. Die Nutzer haben nämlich eine Mission: Sie sollen nach Edelsteinen suchen, die sich in bestimmten Räumen befinden, und sie aus dem Gebäude tragen. Dabei lauern an bestimmten Orten auch Monster, die ihnen die Edelsteine wieder wegnehmen wollen.

Das System, das die Entwickler „Audio Based Environment Simulator“ genannt haben, hat seinen Erfolg bereits unter Beweis gestellt: Tests haben gezeigt, dass Blinde, die zuvor das virtuelle Spiel gespielt haben, sich im realen Gebäude des Carol Centers for the Blind bereits weitgehend auskannten. Sie konnten sich gut orientieren und wussten beispielsweise von verschieden Räumen des Gebäudes aus den schnellsten Weg zum Ausgang.

Die dreidimensionalen Abbilder viele weiterer Gebäude könnten nun in das Computerprogramm integriert werden, sagen die Forscher. So könnte ein Konzept entstehen, das Millionen blinder Menschen weltweit die Möglichkeit bietet, mehr Selbstständigkeit zu entwickeln. „Sie können sich in einem sicheren Umfeld mit einer komplexen Umgebung vertraut machen, um sich dann später selbstbewusst in der Realität zurechtfinden zu können“, resümiert Lotfi Merabet.
Lotfi Merabet (Harvard Medical School) et al.: Journal of Visualized Experiments, doi:10.3791/50272

© wissenschaft.de - Martin Vieweg


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