Ungesunde Büros

 Im Staub fast aller Büros finden sich auch Flammschutzmittel (Bild: Thinkstock)
Im Staub fast aller Büros finden sich auch Flammschutzmittel (Bild: Thinkstock)
Ob Dämmschichten, Polstermöbel oder die Büroausstattung: Viele Objekte aus Polyurethan-Schaum sind mit Flammschutzmitteln imprägniert, um die Ausbreitung von Feuern in Wohn- und Arbeitsräumen zu hemmen. Ein weit verbreitetes Flammschutzmittel, Tris(dichlorpropyl)-phosphat (TDCPP), hat sich allerdings in den letzten Jahren immer mehr als gesundheitlich bedenklich erwiesen. US-Forscher haben deshalb jetzt untersucht, wie stark Menschen in ihrem Büroalltag mit diesem Mittel in Berührung kommen. Ihr Ergebnis: In 99 Prozent aller Staubproben aus Büroräumen fanden sie TDCPP - und ein Abbauprodukt dieses Flammschutzmittels in allen Urinproben der dort Arbeitenden.
"Das Flammschutzmittel Tris(dichlorpropyl)-phosphat (TDCPP) wirkt krebserregend, stört das Hormonsystem und ist potenziell neurotoxisch", so fassen Courtney Carignan von der Boston School of Public Health und ihre Kollegen sehr prägnant das Gesundheitsrisiko des Stoffes zusammen, um den es ihnen geht. In Tierversuchen wirkt die Substanz mutationsfördernd auf Zellkulturen und soll bei Mäusen erhöhte Raten von Nieren- und Leberkrebs verursacht haben, wie auch das Umweltbundesamt in einer Publikation berichtet. Unter anderem deshalb steht diese Substanz in der EU auf der Liste der Stoffe, die künftig als möglicherweise krebserregend eingestuft werden sollen. Laut dieser vorläufigen Einschätzung besteht vor allem für Berufstätige eine Gefährdung, da dieses Mittel viel in Büroräumen eingesetzt wird. Es kann daher über Hautkontakt oder Einatmen von Staub in den Körper gelangen.

Carignan und ihre Kollegen haben nun genauer ermittelt, wie stark Büroangestellte tatsächlich diesem Mittel ausgesetzt sind und wo sie in ihrem Alltag am stärksten mit TDCPP in Kontakt kommen. In ihrer Pilot-Studie untersuchten sie bei 31 Probanden den Staub an deren Arbeitsplatz, in ihrem Fahrzeug und in ihren Wohn- und Schlafzimmern. Zusätzlich analysierten sie den Urin der Teilnehmer auf ein Abbauprodukt des TDCPPs hin. Die Urinproben dafür wurden tagsüber, meist nachmittags am Arbeitsplatz gesammelt.

TDCPP-Abbauprodukt in allen Urinproben nachgewiesen

Das Ergebnis: Egal ob Büro, Auto oder Wohnzimmer - in 99 Prozent der Staubproben wiesen die Forscher das Flammschutzmittel nach. Die Konzentrationen seien dabei in den Fahrzeugen mit 12,5 Mikrogramm pro Gramm (μg/g) am höchsten gewesen, gefolgt von den Büros mit 6,06 μg/g, berichten sie. Weniger stark belastet war dagegen der Staub aus den Wohnungen der Angestellten: Im Wohnzimmerstaub fanden die Wissenschaftler 4,21 μg/g, in den Schlafzimmern nur 1,4 μg/g TDCPP.

Die Frage war nun jedoch, wie viel davon von den Probanden auch aufgenommen wurde. Wie die Urinproben zeigten, hatten ausnahmslos alle Teilnehmer das Abbauprodukt des TDCPP im Körper erzeugt und über die Nieren ausgeschieden. Ihr Urin enthielt dabei umso mehr dieser Substanz, je mehr TDCPP sich im Staub der Büroräume fand. Dieser Zusammenhang von Umgebungsbelastung und Abbauprodukt sei nur bei den Büros, nicht bei den Fahrzeugen und Wohnungen aufgetreten, berichten die Wissenschaftler. Angestellte, die in neueren, weniger belasteten Büros arbeiteten, hatten 74 Prozent weniger Abbauprodukt im Urin wie diejenigen aus älteren Büros. Möglicherweise sei in den neueren Gebäuden ein anderes Flammschutzmittel eingesetzt worden oder aber die Substanz habe noch nicht genügend Zeit gehabt, um sich aus den Möbeln herauszulösen, meinen die Forscher.

"Unsere Ergebnisse bestätigen, dass der Kontakt mit dem Flammschutzmittel in der Arbeitsumgebung eine wichtige Rolle für die individuelle Belastung mit TDCPP spielt", konstatieren Carignan und ihre Kollegen. Leider sei es im Alltag sehr schwierig, diese Substanzen zu vermeiden. "Im Moment ist der beste Rat, den wir geben können: Hände waschen, Staub wischen, gut Lüften und vielleicht auch Luftfilter einsetzen."
Courtney Carignan (Boston School of Public Health) et al., Environment International, doi: 10.1016/j.envint.2013.02.004

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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