Neuer Blick ins Migräne-Gehirn

 Bei Menschen mit Migräne arbeitet das Gehirn nicht nur anders - es hat auch eine andere Form. (Bild: Thinkstock / Ingram Publishing)
Bei Menschen mit Migräne arbeitet das Gehirn nicht nur anders - es hat auch eine andere Form. (Bild: Thinkstock / Ingram Publishing)
Ob jemand an Migräne leidet, lässt sich an seinem Gehirn erkennen - und dies auch dann, wenn gerade kein akuter Kopfschmerzanfall auftritt. Denn bei Migränikern sind bestimmte Bereiche der Hirnrinde dünner als normal, andere dagegen leicht verdickt. Und auch die Form der Hirnwindungen unterscheidet sich von denen gesunder Menschen, wie ein internationales Forscherteam jetzt herausfand. Das interessante daran: Die Hirnrinden-Dicke ändert sich im Laufe des Lebens - wo in unserem Denkorgan aber Furchen und Wölbungen liegen, wird schon im Mutterleib angelegt. Ihre spezielle Form könnte daher möglicherweise schon frühzeitig anzeigen, wem die Kopfschmerz-Attacken drohen.
Höllische Kopfschmerzen, Übelkeit, Lichtempfindlichkeit - wer unter Migräne leidet, kennt diese Symptome. Mehr als 300 Millionen Menschen weltweit leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO unter den wiederkehrenden Kopfschmerz-Attacken. Schon seit längerem ist bekannt, dass Migräne eine genetische Basis hat, häufig tritt sie in Familien gehäuft auf und wird von Eltern an ihre Kinder vererbt. Und seit einigen Jahren weiß man auch, dass das Gehirn der Betroffenen selbst außerhalb einer akuten Attacke anders arbeitet als bei Gesunden. Die Netzwerk-Aktivität ist bei Migränikern in den Schaltkreisen erhöht, die für die Wahrnehmung von Sinnesreizen zuständig sind. Nach Ansicht einiger Forscher könnte das erklären, warum Menschen mit Migräne besonders sensibel auf viele Reize reagieren.

Furchen und Wölbungen im Visier

Unklar war bisher jedoch, ob sich Menschen mit Migräne auch in Bezug auf die Form und Struktur ihres Gehirns von gesunden unterscheiden. Roberta Messina von der San Raffaele Universität in Mailand und ihre Kollegen sind diese Frage nun nachgegangen und haben bei 63 Migränepatienten und bei 18 gesunden Vergleichspersonen gezielt zwei Parameter untersucht: die Dicke der Hirnrinde und die Form der Hirnoberfläche. "Beim Menschen wird die Oberflächenform des Gehirns schon vor der Geburt angelegt", erklären die Forscher. Wo Furchen und Wölbungen sitzen und wie stark sie ausgeprägt sind, ändert sich daher im Verlauf des Lebens kaum mehr. Anders ist dies mit der Dicke der Hirnrinde: Sie verändert sich im Laufe eines Lebens dynamisch und spiegelt damit beispielsweise wieder, welche Hirnbereiche besonders stark beansprucht werden. Beide Merkmale lassen sich mit Hilfe einer speziellen Form der Magnetresonanztomografie abbilden.

Wie sich zeigte, war die Hirnrinde bei den Migränepatienten in den Frontallappen dünner - Regionen, in denen wichtige Teile der Schmerz-Schaltkreise liegen. Dicker als normal waren dagegen Areale, die für Entscheidungen und für die Verarbeitung von gesehenen Bewegungen zuständig sind, wie die Forscher berichten. Noch deutlichere Unterschiede fanden sie bei der Oberflächenform des Gehirns. Zahlreiche Furchen und Wölbungen waren bei Migränikern entweder stärker oder aber weniger stark ausgeprägt. Diese Abweichungen seien auffallend und sehr weit über verschiedenste Gehirnbereiche verteilt aufgetreten. "Meiner Ansicht nach könnten diese Anomalien dafür mitverantwortlich sein, dass Migränepatienten schmerzanfälliger sind und dass ihr Gehirn auf bestimmte Reize anormal reagiert", konstatiert Studienleiter Massimo Filippi.

Der Fund von Anomalien sowohl bei angeborenen Merkmalen des Gehirns als auch bei veränderlichen spiegelt nach Ansicht der Forscher den typischen Zwittercharakter der Migräne wider: Sie beruht einerseits auf genetischer Veranlagung, ihre Ausprägung und die Häufigkeit und Schwere von Anfällen werden aber durch äußere Faktoren beeinflusst und geprägt. Die neuen Erkenntnisse könnten längerfristig auch konkrete Vorteile für die betroffenen Patienten bringen: "Genaue Messungen der Hirnrinden- Anomalien könnten dabei helfen, Migräniker besser zu erkennen", betonen Messina und ihre Kollegen.
Roberta Messina (San Raffaele Universität, Mailand) et al., Radiology

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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