Kriegsspuren im Gehirn

 Der Golfkrieg hinterließ bei jedem vierten Veteranen bleibende Spuren (Bild: Thinkstock)
Der Golfkrieg hinterließ bei jedem vierten Veteranen bleibende Spuren (Bild: Thinkstock)
Dauermüdigkeit, unerklärliche Schmerzen in Muskeln und Gelenken, Gedächtnisstörungen - für jeden vierten US-Veteranen des Irakkriegs gehören diese Symptome seit der Rückkehr aus dem Kriegseinsatz zum Alltag. Sie leiden unter dem Golfkriegssyndrom. Wodurch es ausgelöst wurde und welche körperlichen Veränderungen hinter diesen Symptomen stecken, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Jetzt hat ein US-Forscherteam bei Betroffenen erstmals messbare Schäden an den Nervenleitungen im Gehirn festgestellt: Nervenfasern, die Zentren der Schmerzverarbeitung, der Wahrnehmung und der Emotionen verbinden, funktionierten bei den an Golfkriegssyndrom Erkrankten nicht mehr richtig.
Von den 697.000 US-Soldaten, die 1990/1991 im Krieg gegen den Irak eingesetzt waren, kehrten mehr als ein Viertel krank zurück oder entwickelten kurz nach ihrer Rückkehr Krankheitssymptome, wie Rakib Rayhan von der Georgetown University in Washington DC und seine Kollegen berichten. Die betroffenen Veteranen fühlen sich schon nach kleinster Anstrengung erschöpft, leiden unter Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, haben Gedächtnisstörungen und reagieren überempfindlich selbst auf leiseste Berührungen. "Für einige Veteranen, die wir untersucht haben, ist selbst etwas so Normales wie das Anziehen eines Hemdes schon extrem schmerzhaft", erklärt Rayhan. Diese körperlichen Symptome des sogenannten Golfkriegssyndroms seien allein mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung nicht zu erklären. Stattdessen ähnele das Beschwerdebild bei vielen Betroffenen eher dem Chronischen Fatigue-Syndrom oder der Fibromyalgie.

Spurensuche in der weißen Hirnsubstanz

Was das Golfkriegssyndrom verursacht haben könnte, ist bis heute strittig. Unter Verdacht steht unter anderem eine Wechselwirkung bestimmter Medikamente mit giftigen Insektenbekämpfungsmitteln, die während des Krieges eingesetzt wurden. Weil die Ursachen ungeklärt blieben und die Symptome sich nur schwer körperlich nachweisen lassen, mussten die meisten Betroffenen jahrelang darum kämpfen, dass ihre Beschwerden als echte Krankheit anerkannt wurden - und nicht bloß als psychische und psychosomatische Überreaktion auf die Kriegsstrapazen abgetan wurden. Um diesen Betroffenen zu helfen, haben Rayhan und seine Kollegen gezielt nach den Spuren gesucht, die die Krankheit möglicherweise in deren Gehirn hinterlassen hat.

Für ihre Studie untersuchten die Forscher 31 am Golfkriegssyndrom leidende Veteranen und 20 gesunde Vergleichspersonen. Zunächst prüften sie die Schwere des Syndroms mit standardisierten Tests, wie sie auch für die Fibromyalgie und das chronische Erschöpfungssyndrom genutzt werden. Sie testeten unter anderem die Schmerzempfindlichkeit und Ermüdung der Probanden, ihre emotionale und psychische Verfassung und den allgemeinen Gesundheitszustand. Dann begann die eigentliche Studie: Alle Teilnehmer unterzogen sich einer speziellen Form der funktionellen Magnetresonanztomografie, die die Muster der Wasserverteilung im Gehirn misst und darstellt. Über diese Muster können die Forscher ermitteln, wie gut die Nervenleitungen zwischen den verschiedenen Gehirnbereichen funktionieren.

Nervenbündel beschädigt

Die Auswertung der Hirnscans ergab, dass bei den am Golfkriegssyndrom leidenden Teilnehmern einige Nervenleitungen innerhalb des Gehirns schlechter funktionierten als bei den gesunden Probanden. Bündel dieser Fasern ziehen sich wie dicke Datenkabel durch die weiße Materie des Gehirns und transportieren die elektrischen Signale der Hirnzellen von einem Zentrum zu anderen. Bei den Patienten mit den stärksten Beschwerden seien diese Nervenfasern vor allem in einer Region im rechten vorderen Hirnbereich geschädigt. "Diese Leitungen verbinden Areale miteinander, die für Erschöpfung, Schmerzen, Emotionen und das Belohnungssystem eine wichtige Rolle spielen", erklärt Rayhan. Seien sie beschädigt, könne dies viele der Symptome beim Golfkriegssyndrom erklären.

"Diese Ergebnisse liefern uns eine komplett neue Sichtweise des Golfkriegssyndroms", sagt Rayhan. An den Hirnscans sei deutlich zu erkennen, dass die Nervenfasern im Gehirn der Betroffenen nicht normal arbeiten. "Das ist eine Genugtuung für die vielen Veteranen, die immer wieder erleben mussten, dass ihnen keiner ihre Krankheit glaubt." Noch müssen die Ergebnisse in größeren Studien bestätigt werden, betonen die Forscher. Dennoch habe man damit zum ersten Mal einen potenziellen Biomarker gefunden, mit dem sich das Golfkriegssyndrom eindeutig diagnostizieren lasse. Möglicherweise liefert dies auch erste Hinweise darauf, wie sich die Krankheit zukünftig besser behandeln lassen könnte.
Rakib Rayhan (Georgetown University, Washington DC), PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0058493

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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