Fesselnde Lücken

 Telefonieren im Bus und Zug - meist störend für die Umsitzenden (Bild: Thinkstock)
Telefonieren im Bus und Zug - meist störend für die Umsitzenden (Bild: Thinkstock)
"Ja, hallo Schatz! … Nein, ich bin im Zug. .. Ja, genau." Wer kennt das nicht: Egal ob im Bus, Zug oder auf der Straße - vor den Handygesprächen unserer Mitmenschen gibt es kaum ein Entkommen. Dummerweise scheinen sich solche Gesprächsfetzen besonders fest in unseren Ohren einzunisten, wegzuhören fällt uns da oft schwer. Ob solche einseitigen Konversationen tatsächlich ablenkender wirken als normale Dialoge und warum, haben US-Forscher jetzt in einem raffinierten Experiment überprüft. Ihr Fazit: Gerade die Lücken im Gespräch und die damit nicht vorhersehbaren Wendungen verführen unser Gehirn dazu, sich stärker ablenken zu lassen.
Das Handy oder Smartphone gehört heute für die meisten von uns längst zum Alltag. Wir wollen - oder müssen - überall erreichbar sein und scheuen uns daher meist nicht, auch unterwegs zum Handy zu greifen. Das aber bedeutet, dass immer mehr Menschen zu unfreiwilligen Mithörern von Telefonaten anderer werden. "Dass ein Handygespräch die geistigen Leistungen des Telefonierenden mindern kann - vor allem beim Autofahren - haben schon mehrere Studien gezeigt", berichten Veronica Galván von der University of California in San Diego und ihre Kollegen. Kaum erforscht sei aber bisher, welche Auswirkungen ein solches Telefonat auf die Mithörer habe. Zwar zeigte eine Umfrage, dass 82 Prozent der Teilnehmer sich durch solche Gespräche gestört fühlen. Warum das so ist, haben die Forscher nun genauer untersucht.

Täuschung mit System

Am Anfang des Experiments stand eine handfeste Lüge: Galván und ihre Kollegen täuschten die 149 teilnehmenden Studenten bewusst über das Ziel ihrer Studie. Sie erklärten ihnen, dass sie prüfen wollten, wie gut die Probanden Anagramme lösen können und welche Rolle dafür ihr Leseverständnis spiele. Sie wurden in einen Raum geführt und sollten an einem Rechner Wörter entschlüsseln, deren Buchstaben durcheinander gewürfelt waren. Während der jeweilige Teilnehmer noch über den Wörtern brütete, begann der eigentliche Test: Bei einem Teil von ihnen begannen zwei im gleichen Raum sitzende, scheinbar nicht am Versuch beteiligte Personen ein Gespräch mit zuvor festgelegtem Wortlaut. Bei den restlichen Probanden erhielt eine im Raum sitzende Person einen Anruf per Handy. In dem dann folgenden Scheintelefonat nutzte die Person die gleichen Worte wie einer der Gesprächspartner in der Dialogsituation.

Nach Ende des Anagrammtests und des Störgesprächs kam der Experimentsleiter wieder in den Raum und bat die Probanden, einen Gedächtnistest zu absolvieren: Sie sollten aus 70 Wörtern diejenigen auswählen, die in dem Störgespräch oder -telefonat vorgekommen waren. Anschließend wurden sie darüber befragt, wie störend und ablenkend sie das Gespräch empfunden hätten. "Dadurch dass die Teilnehmer nicht wussten, worum es eigentlich ging, wurden sie von dem Störgespräch genauso überrascht, wie wir es im Alltag sind", erklären die Forscher. Das mache das Experiment realistischer.

Die Lücken sind der Störfaktor

Wie die Ergebnisse des Experiments zeigen, täuscht unser Eindruck nicht, wenn wir das Gefühl haben, wir können bei Telefonaten schwerer weghören: Auch die Probanden gaben an, dass sie das Handytelefonat als stärker ablenkend und störender empfanden. Obwohl in beiden Situationen gleich laut gesprochen wurde, erschien den Teilnehmern das Telefonat zudem deutlich lauter, wie die Forscher berichten. Das Ergebnis des Gedächtnistests zeigte, dass die Probanden dem Monolog unbewusst tatsächlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatten. "Obwohl sie eigentlich an einer anderen Aufgabe saßen und nicht wussten, dass die Konversation Teil der Studie war, konnten sie sich hinterher besser an Wörter aus dem Telefonat erinnern als aus dem Dialog", sagen die Wissenschaftler.

Warum wir uns fremden Handygesprächen so schlecht entziehen können, ist noch nicht genau geklärt. Die Forscher vermuten aber, dass eine eigentlich sehr praktische Eigenschaft unseres Gehirns dahintersteht: Wenn wir ein Gespräch führen, versucht unser Denkorgan quasi automatisch, den weiteren Verlauf und die Richtung des Gesprächs vorherzusagen. Hören wir aber nur eine Seite des Dialogs, wie bei dem Telefonat eines Fremden, fehlen dem Gehirn wichtige Informationen. Es muss daher mehr Aufmerksamkeit und Arbeit aufwenden, um nur anhand des Gehörten auf den Gesprächsverlauf zu schließen. "Nicht zu wissen, wohin das Gespräch führt, ist es letztlich, das mitgehörte Telefonate so störend macht", sagt Mitautorin Rosa Vessal, ebenfalls von der UC San Diego.
Veronica Galván (University of California, San Diego) et al., PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0058579

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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