„Die Wertschöpfung in der Industrie ist unser Glück“

 Reimund Neugebauer, seit Ende vergangenen Jahres Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Bild: J. Lange/Fraunhofer
Reimund Neugebauer, seit Ende vergangenen Jahres Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Bild: J. Lange/Fraunhofer
Reimund Neugebauer ist seit Oktober 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft – Europas größter Institution für angewandte Forschung. Für bild der wissenschaft sprach er mit Chefredakteur Wolfgang Hess – und lieferte eine Standortbestimmung nach genau 100 Tagen im Amt.
bild der wissenschaft: Warum hat man Sie zum Fraunhofer-Präsidenten auserkoren, Herr Professor Neugebauer?
Reimund Neugebauer: Das ist ein Amt, auf das man sich nicht bewirbt. Unser Senat hat eine Reihe von Institutsleitern „gescreent“ – wie man auf Neudeutsch sagt. Einen kleinen ausgewählten Kreis hat sich ein Ausschuss näher angeschaut, wobei er bei allen wusste: Die können den Job ausfüllen. Nach zwei Gesprächsrunden hat man sich für mich entschieden.

Welche Fähigkeiten braucht man als oberster Technologie-Experte Deutschlands? Was zeichnet Sie vor anderen aus?
Es gibt Kernkompetenzen, die man in einer solchen Position haben sollte. Einmal muss man ein integrativer Geist sein. Fraunhofer umfasst mehr als 60 Institute, und jedes forscht in einer anderen Disziplin. Es ist ein Unterschied, ob man einen Bereich an einem Institut vertritt oder ob man die Vielzahl der Forschungsanstrengungen der ganzen Gesellschaft nach außen darstellt und aufzeigt, wie die gesamte Forschungsleistung von Fraunhofer aussieht. Ich habe in der Vergangenheit von meinem Institut in Chemnitz aus viele Kontakte geknüpft. Dabei ist es mir immer wieder gelungen, verschiedenste Disziplinen zu großen Verbundprojekten zusammenzuführen. Und man sollte nicht nur Integrationsfähigkeit besitzen, sondern es ist auch wichtig, gut vernetzt zu sein. Meine beiden Vorgänger, Hans-Jürgen Warnecke und Hans-Jörg Bullinger, waren und sind exzellent vernetzt in Wirtschaft und Wissenschaft. Um es anders auszudrücken: Ich bin in meinen Netzwerken oft auf Herrn Bullingers Netzwerke gestoßen. Möglicherweise hat man registriert, dass meine Netzwerke ein gutes Niveau haben.

Welche Arbeitsschwerpunkte haben Sie sich als Präsident vorgenommen?
Die von Herrn Bullinger an mich übergebene Fraunhofer-Gesellschaft befindet sich in einem sehr guten Zustand. Gleichwohl sehe ich vier Bereiche, in denen wir uns weiter verbessern können: Wir müssen erstens unsere öffentlich geförderten Forschungsprojekte noch besser verwerten, brauchen also mehr Projekte mit der Ausstrahlung des MP3-Projekts, durch das wir die Kompression digital gespeicherter Audiodaten weltweit verändert haben. Zweitens sollten wir bei Projekten mit der Industrie häufiger die Funktion eines Generalunternehmers übernehmen, wie wir das bei etlichen EU-Projekten und großen Projekten des Bundes bereits tun. Unsere Institute müssen sich so zusammenfinden, dass sie Probleme angehen und lösen, die mehrere Firmen haben. In solchen Fällen geht es nicht nur darum, eine höhere Technologiestufe zu erreichen, sondern es geht vielmehr um eine neue Generation von Prozessketten in kompletten Technologien. Neben der Verwertung und strategischen Kooperation mit der Wirtschaft kommt als dritter Punkt unser Standortkonzept hinzu. An großen Standorten wie Dresden, Stuttgart und Aachen wollen wir künftig deutlich stärker nach außen wirken – das gilt für unsere Profilierung und auch für die Zusammenarbeit mit den dortigen Universitäten.

Und Ihr vierter Schwerpunkt?
Der ist unser internationales Geschäft, das 2012 ein Volumen von etwa 200 Millionen Euro hatte und das wir weiter ausbauen müssen. Bei der Zusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen werden wir künftig verstärkt darauf achten, dass die Kooperationen zum Vorteil der deutschen Wirtschaft sind.

Die Fraunhofer-Gesellschaft fördert und betreibt anwendungsorientierte Forschung zum nachhaltigen Nutzen für die Wirtschaft und zum Vorteil für die Gesellschaft – heißt es im Leitbild. „Deutschland“ fehlt darin. Kommt die Förderung von Fraunhofer durch in Deutschland aufgebrachte Steuermittel auch anderen Volkswirtschaften zugute?
Im Normalfall kommt die Grundfinanzierung stets den in Deutschland beheimateten Instituten zugute. In seltenen Ausnahmefällen – unter einem Prozent unserer Grundfinanzierung – stimulieren wir damit auch Kooperationen von Fraunhofer-Instituten mit Instituten in anderen Ländern. Daneben unterstützen wir deutsche Unternehmen im Ausland – etwa indem wir technologische Prozesse initiieren, die diese Firmen beherrschen müssen, wenn sie im Ausland produzieren wollen.

Kommen wir zu wichtigen Zukunftsfragen der technologischen Entwicklung Deutschlands. Was tut die Fraunhofer-Gesellschaft, damit wir eine sichere, bezahlbare und nachhaltige Energieversorgung bekommen?
Dass wir unsere Energiewirtschaft mehrheitlich über regenerative Energien versorgen können, haben Fraunhofer-Kollegen schon unter meinem Vorgänger nachgewiesen. Dafür brauchen wir einen Mix, der für unterschiedliche Stromerzeugungsarten sorgt und so die Schwächen der einzelnen Ressourcen verringert. Des Weiteren leisten Fraunhofer-Institute wesentliche Beiträge zur Effizienzsteigerung in der Solarenergie, der Windenergie, der Energie aus Biomasse, der Geothermie und der Technik zur Speicherung von Energie. Unser dritter wichtiger Bereich sind Forschungsansätze zur deutlichen Verbesserung des Stromverbundnetzes. Ich behaupte: In der Energietechnik ist Fraunhofer so gut aufgestellt wie keine andere Forschungseinrichtung.

Der Klimawandel bedroht viele Lebensräume. Wie, außer zur Energieeffizienz, kann Fraunhofer dazu beitragen, dieses Problem zu verringern?
80 bis 90 Prozent der Klimaforscher sagen, die Erwärmung sei vor allem eine Folge menschlichen Handelns. Eine kleine Minderheit argumentiert, einen Klimawandel habe es schon immer gegeben und wenig deute darauf hin, dass die Menschen die Hauptursache seien. Unabhängig davon, wer nun recht hat, ist es in jedem Fall wichtig, Effizienztechniken zu forcieren: Wenn wir aus wenig Material viel mehr machen, wäre das schon ein gewaltiger Fortschritt. Energieeffizienz in der Wirtschaft heißt vor allem Materialeffizienz. Denn der größte Energieaufwand steckt nicht in der Weiterverarbeitung von Material, sondern in dessen Herstellung. Fraunhofer-Institute arbeiten bei der Automobilherstellung, im Maschinenbau und auch bei der Windenergie an einer drastischen Materialeinsparung.

Bei der Industrieproduktion wird weiterhin Material vergeudet?
Bisher nutzen wir zur Karosserieherstellung eines Pkw nur 55 Prozent des Materials, das als Blech angeliefert wird. Und bei den komplizierten Hightech-Strukturbauteilen haben wir durch die enormen technischen Anforderungen noch bis zu 12 Prozent Ausschuss. Hier besser zu werden – den Materialverlust um die Hälfte zu senken –, ist Ziel eines großen Verbundprojekts der deutschen Autobauer und der Fraunhofer-Gesellschaft. Ein weiteres großes Thema ist die Emissionsneutralität. Wir wollen die neuen Technologien so entwickeln, dass dadurch keine zusätzlichen Emissionen entstehen.

Lange Zeit kritisierten Experten, die deutsche Wirtschaft habe eine zu starke Industrieorientierung und zu wenig Beschäftigte im Dienstleistungssektor. Doch dank der starken Industrie hat sich Deutschland schneller vom Rückschlag der Weltfinanzkrise erholt als andere Wirtschaftsnationen. Wie wichtig ist ein hoher Industrieanteil für Deutschlands Wirtschaft?
Auch Dienstleistung schafft Wertschöpfung. Doch wer sich internationale Marktstatistiken anschaut, erkennt, dass ein Arbeitsplatz in der Produktion im Schnitt fünf Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor nach sich zieht – angefangen vom Finanzdienstleister bis hin zur Gebäudereinigung. Allein das zeigt, wie wichtig es ist, die direkte Wertschöpfung in der Produktion hochzuhalten. Unser Glück ist die Wertschöpfung in der Industrie. Die Intelligenz der Bevölkerung ist unser wichtigster Rohstoff. Wir verkaufen Produkte weltweit, obwohl die Arbeitskräfte in Deutschland teurer sind als in den meisten Ländern. Die Rechnung geht trotzdem auf – weil wir durch hohe Arbeitsproduktivität pro Kopf günstiger produzieren als in vielen anderen Ländern. Ein weiterer Punkt ist die hohe Qualität der in Deutschland hergestellten Produkte. Ursache für beides sind unsere effizienten Prozessabläufe: Dass wir unser internationales Niveau in der Produktion so halten, hat etwas mit dem geschickten und intensiven Netzwerk von Wirtschaft und Wissenschaft zu tun.

Und das genügt für die kommenden Jahrzehnte?
Die rasche Aufholjagd Chinas lehrt uns, dass diese Ausrichtung allein künftig nicht reichen wird, um ganz vorne zu bleiben. Wir müssen Gas geben bei der Entwicklung von originellen Produkten. Für manche Märkte ist das Einfachste mit der größten Wirksamkeit das Beste. Das heißt etwa für den Automobilsektor: Um weltweit im Massenmarkt für die Mittelschicht gut da zustehen, müssen wir Autos herstellen, die technisch modern, gleichwohl preislich günstig sind und die weit weniger Rohstoffe verbrauchen als die heutigen. Bis 2050 wird sich der weltweite Produktionsindex auf das Sechs- bis Neunfache steigern, sagen Fachleute. Das funktioniert nicht, wenn wir Ressourcen so verbrauchen wie gegenwärtig. Wir brauchen also nicht nur eine Energiewende, sondern auch eine Werkstoffwende, die auf ungleich mehr erneuerbaren Materialien beruht, als das heute der Fall ist. Nebenbei gesagt sind wir bei Fraunhofer auch hier international vorne.

Eine weitere Herausforderung an die Fraunhofer-Forschung und -Entwicklung ist unsere älter werdende Gesellschaft.
Wir untersuchen beispielsweise, wie man es schafft, Menschen länger ins Arbeitsleben zu integrieren – und zwar so, dass sie auch im fortgeschrittenen Alter Spaß an der Arbeit haben. Im Gesundheitssektor sind wir ebenfalls aktiv. Ein Beispiel hierfür sind Handschuhe oder Gehhilfen mit intelligenter Steuerung, die Menschen mit Beeinträchtigungen im Bewegungsablauf weitgehend den problemlosen Handlungsablauf von Gesunden ermöglichen. Weiterhin beschäftigen wir uns mit regenerativer Medizin. Sie soll dazu beitragen, Verschleißerkrankungen zu lindern. Unsere Forscher arbeiten daran, aus Zellen Implantate zu züchten. Ein anderes Beispiel ist ein komplett ausgerüstetes fahrendes Labor – ein Truck, mit dem wir etwa in Südafrika großflächige Aids-Untersuchungen durchgeführt haben.

Zum Schluss vier Fragen, mit der Bitte, eine prägnante persönliche Einschätzung abzugeben. Die erste: Wo werden wir bei der Speicherung von Strom in zehn Jahren stehen?
Wenn ich das wüsste, würde ich eine Firma gründen und die Aggregate bauen.

Werden uns China, Indien oder Brasilien immer mehr vom wirtschaftlichen Kuchen wegnehmen?
Durch die hohe Verflechtung und Interdisziplinarität bei gleichzeitiger Durchdringungstiefe, Originalität und Qualität unserer Forschung haben wir in Deutschland das Potenzial, uns im internationalen Markt durch Klasse weiterhin gut zu positionieren.

Gehen uns bald die Ressourcen aus?
Wir stehen in der Tat vor der großen Herausforderung, die heutigen Rohstoffe durch regenerative Stoffe zu ersetzen.

Wo wollen Sie am Ende Ihrer ersten Amtszeit 2017 mit der Fraunhofer-Gesellschaft stehen?
Ich werde daran arbeiten, dass Fraunhofer noch interdisziplinärer wird. Und ich werde alles daransetzen, dass Fraunhofer der deutschen Industrie bei hoffentlich vielen weiteren Exportchampionaten als wichtigster Partner zur Seite steht.

Zur Person:
Reimund Neugebauer ist der neue Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Er promovierte 1984 an der TU Dresden über Finite-Elemente-Berechnungsmodelle. 1990 wurde er zum Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Werkzeugmaschinen der TU Dresden berufen, drei Jahre später zum Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik in Chemnitz. Seit 1995 ist Neugebauer (Jahrgang 1953) Professor an der TU Chemnitz, von 2003 bis 2006 war er dort Dekan der Fakultät Maschinenbau. Für seine Arbeit erhielt er bereits viele Auszeichnungen – so das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und zwei Ehrendoktorwürden. Die Fraunhofer-Gesellschaft betreibt in Deutschland 66 Institute und selbstständige Forschungseinrichtungen mit insgesamt 22 000 Mitarbeitern. Das jährliche Forschungsvolumen liegt bei 1,9 Milliarden Euro.

bdw


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