Die Stimme des Volkes

 Katrin Vohland sprach mit bdw-Autorin Antonia Rötger über das Konzept der Bürgerkonferenzen. Foto: Hwa Ja Götz, MfN
Katrin Vohland sprach mit bdw-Autorin Antonia Rötger über das Konzept der Bürgerkonferenzen. Foto: Hwa Ja Götz, MfN
Viele aktuelle Themen in der Wissenschaft sind extrem komplex – so sehr, dass sie für den "normalen Bürger" kaum mehr fassbar sind. Dabei wäre ein Input aus der Bevölkerung in manchen Fällen Gold wert. Doch es geht auch anders: Beim Thema Artenvielfalt gehen Wissenschaftler beispielsweise neue Wege. Ihre Idee: Bürgerkonferenzen, in denen die drängendsten Fragen mit Laien diskutiert werden. Die erste fand am 15. September 2012 statt – und das gleich in 25 Ländern. Ob in Kinshasa, Ahmedabad oder in Berlin, der Ablauf war überall gleich, die Themen fest umrissen: Nach einer kurzen Einführung durch Filme und Experten diskutierten Laien an runden Tischen miteinander, wie der Schutz der Meere finanziert werden kann oder woran sich die Landnutzung orientieren sollte. Die Ergebnisse wurden zu einer „globalen öffentlichen Meinung“ zusammengefasst, die bei der UN-Biodiversitätskonferenz im Oktober in Hyderabad, Indien, an die Entscheidungsträger überreicht wurde.
In Deutschland versammelten sich rund 80 Bürger im Museum für Naturkunde in Berlin (MfN): Rentner, Lehrerinnen, Arbeitslose, Hausfrauen, Angestellte und Auszubildende von 18 bis 80 Jahren beschäftigten sich einen kompletten Samstag lang mit Artenvielfalt und Artenschutz. Den deutschen Teil organisiert hat Katrin Vohland, Biologin beim MfN. Für bdw sprach Antonia Rötger mit ihr.

bdw: Was wollen Sie mit diesen WWViews erreichen?
Vohland: Wir wollen damit ausprobieren, ob sich so ein globaler Diskurs von Bürgern aus vielen Ländern über globale Fragen organisieren lässt. Deshalb haben wir auch bewusst darauf verzichtet, gezielt Multiplikatoren einzuladen. Denn Ziel dieser Veranstaltung war nicht, so viele Leute wie möglich zu erreichen, sondern sozusagen einen normalen Querschnitt der Bevölkerung, um zu verstehen, welche Vorstellungen und Werte sie vertreten. Die Idee ist, dass Menschen früher und stärker in Entscheidungen mit einbezogen werden, die sie alle betreffen. Das Ziel war, dass Bürger Stellung nehmen, welche Maßnahmen gegen den Verlust biologischer Vielfalt ergriffen werden sollten. Denn die sind ja nicht kostenlos und einzelne Bevölkerungsgruppen müssen vielleicht Einschränkungen hinnehmen.

Steht denn der Aufwand für diesen einen Tag im Verhältnis zum Ertrag?
Der Aufwand war natürlich hoch, viele Experten waren angereist, um den Bürgern während der Tischdebatten Auskunft zu geben, wir hatten ehrenamtliche Moderatoren und natürlich die Räumlichkeiten und die Bewirtung zu organisieren. Ob solche Veranstaltungen nachhaltig sind, ob sie Menschen dazu bringen, ihr Verhalten, ihre Einstellungen zu hinterfragen, werden wir nun im Rahmen der Begleitforschung untersuchen. Ein wichtiger Faktor ist aber auch die Außenwirkung, die Wirkung auf Entscheidungsträger. Die WWViews-Ergebnisse wurden auf der UN-Vertragsstaatenkonferenz dem Generalsekretär offiziell überreicht, sie wurden vorgestellt und haben nun sogar Eingang in das Abschlussdokument dieser Konferenz gefunden.

Hätte nicht eine einfache Befragung zum Thema Artenschutz von zufällig ausgewählten Bürgern ausgereicht, um ein Meinungsbild zu ermitteln?
Umfragen gibt es ja schon und natürlich sind die weniger aufwendig. Aber bei den WWViews befassen sich die Bürger intensiv mit dem Thema und diskutieren mit anderen. Dabei bekommen sie auch einen Einblick in die Komplexität der Sachlage, erkennen die möglichen Schwierigkeiten. Hier in Deutschland haben wir auch noch leere Karten auf den Debattentischen verteilt, auf die die Leute Gedanken und Anregungen schreiben konnten. Das werten wir noch aus, hier war die Beteiligung sehr rege.

Wie repräsentativ sind denn diese Empfehlungen, die auf dieser globalen Konferenz erarbeitet wurden?
Wir haben Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen eingeladen, aber gekommen sind vor allem überdurchschnittlich gebildete Leute, die bereit waren, unentgeltlich einen ganzen Samstag im Museum ernste Fragen zu diskutieren. In den USA wurden die Teilnehmer über das Arbeitsamt rekrutiert und erhielten eine Aufwandsentschädigung. Das ist aber auch eine Art Verfälschung.

Die Bürger wurden ja durch kurze Filme informiert, bevor sie in die Diskussionsrunden gingen. Diese Filme haben die Problematik sehr vereinfacht dargestellt. Besteht hier nicht die Gefahr, die Meinungsbildung zu manipulieren?
Die Experten, die die Materialien erarbeitet haben, haben sich sehr bemüht, die Konsequenzen von unterschiedlichen Lösungsansätzen darzustellen. Aber wenn Vertreter der Landwirtschaft das Material erstellt hätten, wären die Schwerpunkte vielleicht anders gelagert gewesen. Da war schon die Handschrift der Biodiversitätsforschung zu sehen. Die wirtschaftlichen Argumente kamen manchmal einen Tick zu kurz.

Manche Fragen sind aber auch extrem komplex. Ist es denn realistisch, dazu von Bürgern eine Meinung zu erwarten?
Das stimmt, zum Beispiel wurde im Nagoya-Protokoll nach langen Verhandlungen festgelegt, dass Unternehmen, aber auch Forschungseinrichtungen für Pflanzen und Tiere bezahlen müssen, die sie in Ökosystemen sammeln und womöglich später verwerten. Ein offener Streitpunkt ist aber, ob solche Zahlungen auch rückwirkend zu leisten sind, also zum Beispiel für die Käfersammlungen hier im Naturkundemuseum. Bei den WWViews haben sich sowohl die Teilnehmer aus den Entwicklungsländern als auch die aus Industrieländern für diese sehr maximale Forderung ausgesprochen. Dabei werfen solche Sammlungen hier im Museum kein Geld ab, sondern wir zahlen für ihre Erhaltung. An die eigentlichen Profiteure in der Pharmaindustrie kommt man viel schwerer ran. Aber ich muss dann einfach zur Kenntnis nehmen, dass es da um ein Gerechtigkeitsempfinden geht. Deswegen ist es ja wichtig, dass man den Diskurs tiefer führt und genauer hinguckt, auch gemeinsam mit den Bürgern.

Was war der Tenor dieser globalen Meinung?
Die meisten Menschen sind sehr besorgt und befürworten Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt, selbst wenn sie dadurch Einschränkungen hinnehmen müssen. Dabei sind die Übereinstimmungen überraschend groß zwischen Bürgern der Industrieländer und denen in Entwicklungsländern, nur im Detail gibt es Unterschiede, die aber sehr verständlich sind. Die Mehrheit stimmte zum Beispiel darin überein, dass landwirtschaftliche Flächen nicht weiter auf Kosten von Wäldern oder Natur ausgeweitet werden sollen. Aber während die Europäer auch gegen eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft auf den bestehenden Flächen waren, plädierten die Bürger afrikanischer Ländern für eine Intensivierung. Und wenn man nach Afrika guckt, muss man sagen, dass die Erträge deutlich unter ihrem Potenzial liegen, da macht eine Intensivierung durchaus Sinn.

Weitere Informationen:

Kurzbericht der WWViews-Ergebnisse: wwviews-biodiversity.naturkundemuseum-berlin.de/fileadmin/startseite/wwviews/report/report-wwviews-ergebnisse-delegs.pdf

Internationale Ergebnisse: biodiversity.wwviews.org/wp-content/uploads/2012/10/WWViewsResultsReport_WEB_FINAL.pdf

Berichte zur deutschen Bürgerkonferenz: www.wwviews-biodiversity.naturkundemuseum-berlin.de

Blog zu aktuellen Ergebnissen der Vertragsstaatenkonferenz: www.biodiversity.de/index.php/de/biodiversitaet/biodiversitaet-international/convention-on-biological-diversity-cbd/cop-11/cop-11-blog

Blogbeitrag zur Frage: Bürgerbeteiligung an der COP? Kann das gehen?: www.biodiversity.de/index.php/de/service-fuer-politik-ngos/aktuelles-news/3146-buergerbeteiligung-an-der-cop

Konvention zum Abkommen der Biologischen Vielfalt (CBD): www.cbd.int
© wissenschaft.de/bdw – Antonia Rötger


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