Wenn das Hirn dem Immunsystem dazwischenfunkt

 Bild: Thinkstock.
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Wer an das Immunsystem denkt, sieht dabei vermutlich am ehesten Antikörper und weiße Blutkörperchen vor sich. An das Gehirn denkt man dagegen, wenn überhaupt, ganz zuletzt. Doch das ist ein Fehler, legt nun eine neue Studie eines US-Forscherteams nahe: Das Gehirn, speziell die linke Hirnhälfte, hat bei der Körperabwehr nämlich offenbar durchaus etwas zu sagen. Ist sie durch einen Schlaganfall oder eine Verletzung geschädigt, sind die Betroffenen deutlich anfälliger für Infektionen im Krankenhaus. Die gute Nachricht: Die Forscher glauben, dass man die Abwehrqualitäten des Gehirns durch mentales Training verbessern kann.
Zwei Jahre lang, von Januar 2009 bis Dezember 2011, sammelten Pasquale Frisina vom Kessler Institute for Rehabilitation in New Jersey und seine Kollegen Daten von Patienten, die wegen eines Schlaganfalls oder einer Kopfverletzung stationär aufgenommen worden waren. 2.236 Probanden wurden insgesamt erfasst, von denen sich 163 während ihres Aufenthalts im Krankenhaus eine Infektion einfingen. Als die Forscher die Daten genauer analysierten, zeigte sich: Von den Infizierten hatten mehr, als es nach dem Zufall zur erwarten wäre, eine Schädigungen in der linken Hirnhälfte - nämlich 98, das sind etwas über 60 Prozent. Nur 65, das entspricht 39,9 Prozent, hatten die Verletzung in der rechten Hälfte ihres Gehirns. Auch umgekehrt gerechnet findet sich dieses Verhältnis wieder: Von allen Patienten mit einer Schädigung auf der linken Seite entwickelten 8,8 Prozent eine Infektion, während in der Gruppe mit dem Schaden auf der rechten Seite nur 5,8 Prozent infiziert waren.

Bleibt die Frage nach der Ursache. Zunächst klärten die Forscher dazu so gut wie möglich ab, ob irgendwelche grundlegenden Unterschiede zwischen den beiden Patientengruppen bestanden. Hatte eine Gruppe beispielsweise häufiger Katheter gelegt bekommen als die andere? Gab es größere Probleme, etwa bei der Nahrungsaufnahme? War der Anteil an künstlich Ernährten gleich groß? Bei keinem dieser und einer Reihe weiterer Faktoren sei man fündig geworden, erklären die Mediziner. Allerdings können sie nicht ausschließen, dass möglicherweise Verhaltensunterschiede für den Effekt verantwortlich sind. Es könne durchaus sein, dass Schäden in der linken Hirnhälfte zum Beispiel andere Beeinträchtigungen der motorischen Fähigkeiten hervorrufen als in der rechten – und dass dadurch bestimmte Tätigkeiten anders verrichtet wurden.

Die Wissenschaftler selbst tippen aber eher auf eine biologische Erklärung für den Effekt. Dafür spreche unter anderem, dass der Unterschied nicht bei allen Arten von Erregern gleich stark ausgeprägt war: Vor allem Enterokokken und der Darmkeim Clostridium difficile zeigten eine Vorliebe für Menschen mit geschädigter linker Hirnhälfte, erläutert das Team. Das könnte bedeuten, dass die Immunabwehr im Darm nach einem linksseitigen Schaden besonders beeinträchtigt sein könnte. Dass das Gehirn einen direkten Draht zu unseren Verdauungsorganen besitzt, hatten Forscher erst vor knapp zwei Jahren gezeigt: Ein Großteil des Immun- und Lymphgewebes im Darm ist nämlich mit Nervenenden verknüpft, die wiederum direkt zum Gehirn führen.

Doch auch andere Erklärungen sind denkbar. Denn bereits in früheren Studien gab es Hinweise darauf, dass das Gehirn das Immunsystem auf verschiedene Weise beeinflusst. Dabei gibt es einen allgemeinen Effekt, der die Anfälligkeit für Infektionen erhöht und der über die immundämpfende Wirkung von Stresshormonen vermittelt wird. Zusätzlich scheint es jedoch auch gezielte Wechselwirkungen zu geben. So waren in einer Untersuchung die T-Zellen bei Menschen mit Verletzungen in der linken Hirnhälfte beispielsweise weniger aktiv. Umgekehrt ging in einer weiteren Studie eine größere Hirnaktivität auf der linken Seite mit einer stärkeren Reaktion auf Impfungen einher. Hier war vor allem der präfrontale Cortex entscheidend, gerne auch als Arbeitsspeicher des Gehirns bezeichnet. Auch bei einer Studie mit HIV-Infizierten hatten diejenigen mit einer sehr rührigen linken Hirnhemisphäre nach zwei Jahren ihre Infektion besser im Griff als die Teilnehmer mit einer weniger aktiven linken Seite.

Es müsse nun unbedingt intensiver untersucht werden, worin genau die Verbindung zwischen zentralem Nervensystem und Immunsystem bestehe, betonen die Wissenschaftler. Solange man das nicht wisse, könne es passieren, dass man die Patienten ungewollt und unbemerkt einem höheren Infektionsrisiko aussetze, wenn man bestimmte Reha-Maßnahmen durchführe – beispielsweise eine gezielte Stimulation des Gehirns durch elektrische Impulse. Auch zur Eindämmung der gefürchteten Krankenhauskeime sei es wichtig, die Zusammenhänge genau zu kennen. Und schlussendlich könne man die Beziehung möglicherweise ja auch therapeutisch nutzen: Wenn es gelingt, die zuständigen Hirnbereiche bei Betroffenen gezielt zu trainieren, etwa durch Kartenspiele oder ähnliches, könnten sich gleichzeitig auch deren Abwehrkräfte verbessern. Erste Hinweise, dass das funktioniert, gebe es bereits, so das Team.
Pasquale Frisina (Kessler Institute for Rehabilitation, West Orange) et al.: Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, doi: 10.1016/j.apmr.2012.10.012

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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