Neuronaler Größenwahn

 Unbewusst fühlen wir uns den meisten anderen überlegen (Bild: Thinkstock)
Unbewusst fühlen wir uns den meisten anderen überlegen (Bild: Thinkstock)
Auch wenn es kaum jemand von uns offen zugibt: Insgeheim halten wir uns oft für überlegen. Wir fühlen uns schlauer und liebenswerter als andere und sehen uns insgesamt in einem eher positiven Licht - zumindest, wenn wir nicht gerade unter einer Depression leiden. Dass dieses eigentlich unrealistisch positive Selbstbild tief in unserem Gehirn verankert ist und schon unsere Vorfahren prägte, wird schon länger vermutet. Jetzt haben Forscher aus Japan und den USA erstmals genauer ermittelt, wo in unserem Gehirn die neuronalen Wurzeln für diese sogenannte "Überlegenheits-Illusion" liegen.
"Eine positive Sicht in Bezug auf unsere eigenen Fähigkeiten, unsere Persönlichkeit und Zukunft ist ein essenzieller Teil des menschlichen Geistes", erklären Makiko Yamada vom National Institute of Radiological Science im japanischen Chiba und ihre Kollegen. Diese Sichtweise ermutige uns, nach neuen Zielen zu streben und helfe uns dabei, Herausforderungen zu bewältigen. Sie gilt zudem als wichtig für unsere mentale Gesundheit. Fehlt diese positive Grundeinstellung, werden wir lethargisch und depressiv.

Ein bisschen Größenwahn gehört dazu

Doch mit diesem Selbstbild eng verknüpft ist auch eine kleine Prise Größenwahn: Unbewusst empfinden wir uns als attraktiver und den anderen überlegen, beispielsweise hinsichtlich unserer Intelligenz und geistigen Fähigkeiten, aber auch unseres Wesens. Das aber sei natürlich eine Illusion, konstatieren die Forscher. Denn schon mathematisch gesehen könne es nicht sein, dass bei einer Normalverteilung der Merkmale in der Bevölkerung die meisten Menschen attraktiver als der Durchschnitt sind. Dennoch scheint diese Überlegenheits-Illusion, wie sie in der Psychologie heißt, eines der Grundmerkmale unserer menschlichen Psyche zu sein. Neuere Modelle deuten sogar darauf hin, dass vermutlich schon unsere Vorfahren diese Form des übermäßig positiven Selbstbilds besaßen.

Genau an diesem Punkt setzen Yamada und ihre Kollegen an: Wenn diese Illusion in unserer Evolution und unserem Wesen so tief verwurzelt ist, so ihre These, dann liegt es nahe, dass sich dieser Wesenszug auch in der Struktur und Funktion unseres Gehirns manifestiert. Ihr Ziel war es daher, die neurologischen Wurzeln dieses unbewussten Überlegenheits-Gefühls zu finden.

Für ihre Studie ließen die Forscher zunächst 24 junge, gesunde Männer einen Test absolvieren, der zeigen sollte, wie stark ihre Überlegenheits-Illusion ausgeprägt war. Die Probanden sahen auf einem Bildschirm nacheinander 52 Wörter, die jeweils mit negativen oder positiven, als erstrebenswert geltenden Merkmalen assoziiert waren. Auf einer Skala von 0 - extrem unterdurchschnittlich bis 100 - extrem überdurchschnittlich, sollten sie dann einstufen, wie sehr sie selbst dieses Merkmal ihrer Ansicht nach besaßen.

Kontrollleitung gestört

Anschließend untersuchten die Forscher die Gehirnaktivität der Probanden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) und Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Dabei zeigte sich: Je positiver und überlegener sich die Probanden zuvor eingeschätzt hatten, desto schwächer waren bei ihnen zwei bestimmte Hirnareale funktionell miteinander verknüpft. Eines davon, das sogenannte sensormotorische Striatum (SMST), wurde schon in früheren Studien mit unserem Selbstbild in Verbindung gebracht, wie die Wissenschaftler berichten. Das zweite Areal, der im Stirnhirn liegende Anteriore Cinguläre Cortex (ACC), ist ein Kontrollzentrum, es fördert vor allem durchdachtes, kontrolliertes Denken und spielt auch bei der bewertenden Einordnung von sozialen Informationen eine wichtige Rolle.

Wenn die Verbindung zwischen diesen beiden Arealen geschwächt ist - wie bei den meisten von uns -, dann kann das Kontrollzentrum nicht mehr so stark regulierend eingreifen, schlussfolgern die Wissenschaftler. Dadurch bekommen Impulse aus dem sensomotorischen Striatum die Überhand - und damit auch die Neigung, sich übersteigert positiv zu sehen.

Die Hirnscans gaben aber auch erste Hinweise darauf, warum dies bei einigen Menschen nicht der Fall ist, wie beispielsweise stark Depressiven. Denn es zeigte sich, dass bei gesunden Menschen ein bestimmter Hirnbotenstoff, das Dopamin, aktiv die Kommunikation zwischen den beiden Hirnarealen hemmt. Bei depressiven Menschen ist dagegen häufig die Balance der Hirnbotenstoffe Dopamin und Serotonin gestört. Dies könnte nach Ansicht der Forscher auch der Grund dafür sein, dass bei ihnen das positive Selbstbild zu stark kontrolliert und damit unterdrückt wird: Sie sehen sich nicht mehr im rosa Licht der Überlegenheits-Illusion und verlieren dadurch schnell Motivation und Hoffnung.
Makiko Yamada (National institute of Radiological Science, Chiba) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), doi: 10.1073/pnas.1221681110

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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