Homosexualität unter der Lupe

 Credit: Wikipedia, gemeinfrei
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Manche Männer fühlen sich eher zu Männern und einige Frauen mehr zu Frauen hingezogen ? Homosexualität ist seit jeher Teil menschlichen Sexualverhaltens. Wie die gleichgeschlechtliche Orientierung allerdings entsteht, wird unter Wissenschaftlern immer noch kontrovers diskutiert. Forscher aus Schweden und den USA präsentieren nun ihre Theorie zum Ursprung der Homosexualität: Sie sei durch sogenannte epigenetische Faktoren im Erbgut des Menschen festgeschrieben, sagen die Forscher um William Rice von der University of California in Santa Barbara.
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass homosexuelle Neigungen in manchen Familien verstärkt vorkommen. Deshalb nahm man lange an, dass es so etwas wie ein ?Homosexuellen-Gen? gibt, das vererbt werden kann. Die Suche nach einer entsprechenden Erbanlage blieb allerdings erfolglos. Doch bereits seit einigen Jahren ist bekannt, dass die Eigenschaften eines Lebewesens nicht allein auf der Abfolge der DNA-Bausteine beruhen, sondern spezielle Kontrollsysteme das Erbgut ebenfalls maßgeblich beeinflussen. Diese sogenannten epigenetischen Faktoren basieren unter anderem auf chemischen Schalter-Molekülen (Methylgruppen), die auf der DNA sitzen und bestimmen, ob eine Erbanlage ein- oder ausgeschaltet ist. Manche dieser genetischen Regelelemente werden an Nachkommen weitergegeben, andere dagegen bei einer neuen Generation gelöscht.

Die Forscher um Rice haben nun Studien aus dem Bereich der Epigenetik und Ergebnisse zu den möglichen Ursachen von Homosexualität ausgewertet und daraus ein Model zur Entstehung von Homosexualität entwickelt. Demnach liegen homosexuellen Neigungen Schaltsysteme auf Genen zugrunde, die den Fötus im Mutterleib vor den Auswirkungen natürlicher Schwankungen in der Menge des männlichen Geschlechtshormons schützen. Weibliche Föten besitzen demnach feminine epigenetische Schalter, die verhindern, dass bei hohen Testosteronwerten männliche Entwicklungsprozesse in Gang kommen. Umgekehrt schützen die maskulinen Regelelemente davor, dass zu niedrige Werte des männlichen Hormons eine Verweiblichung auslösen.

Programmierte Vorlieben

Die Schalter werden normalerweise bei jeder neuen Generation gelöscht und dem Geschlecht des Fötus entsprechend neu gesetzt, erklären die Forscher. Doch möglicherweise nicht mit einheitlicher Effektivität: Bleibt der feminine Schalter im Erbgut der Mutter bei der Entstehung eines Jungen erhalten, so könnte das Hirnentwicklungen begünstigen, die im Sprössling zu einer eigentlich typisch weiblichen Vorliebe für das männliche Geschlecht führen. Lesbische Frauen könnten dagegen den Schalter des Vaters geerbt haben, mit entsprechendem Effekt.

Dieser Mechanismus scheint offenbar keine Seltenheit zu sein. Die Ergebnisse von Studien über die Häufigkeit von Homosexualität gehen zwar weit auseinander, es handelt sich aber definitiv nicht um ein ungewöhnliches Phänomen: Eine umfangreiche Erhebung aus Australien ergab beispielsweise, dass sich etwa acht Prozent der Menschen mehr zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen als zum anderen. Die tatsächlichen Zahlen bleiben allerdings im Dunkeln, da es durch den sehr unterschiedlichen kulturellen Umgang mit dem Thema zu starken Verfälschungen bei Umfragen kommt.

Teile der Lesben- und Schwulenbewegung distanzieren sich übrigens prinzipiell von jeglicher Ursachenforschung. Homosexualität werde dadurch oft als eine Art Krankheit dargestellt und ?Betroffene? stigmatisiert, so ihre Argumentation. Der Blick auf das Thema müsse auf jeden Fall stets wertfrei bleiben, betonen sie.
William Rice (University of California in Santa Barbara) et al.: The Quarterly Review of Biology,Published online 11 December 2012

© wissenschaft.de - Martin Vieweg


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