Steinzeit-Intimitäten

 Rekonstruktion zweier Neandertaler. Credit: User: UNiesert and User:Frank Vincentz, Wikipedia
Rekonstruktion zweier Neandertaler. Credit: User: UNiesert and User:Frank Vincentz, Wikipedia
Forscher um die Genetiker Sriram Sankararaman und David Reich haben den Zeitraum, in dem Neandertaler und moderner Mensch gemeinsam Nachwuchs gezeugt haben, neu bestimmt: die fruchtbaren Begegnungen müssen vor 65.000 bis 47.000 Jahren stattgefunden haben. Damit untermauert das Team eine 2010 präsentierte Theorie, wonach in jener Epoche entstandene, gemeinsame Nachkommen beider Menschenformen zu den Ahnen aller Menschen außerhalb Afrikas gehören.
Im Jahr 2010 war es Forschern um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig gelungen, aus Fossilien Neandertaler-DNA zu gewinnen und so das Genom dieser Menschenart zu rekonstruieren. Die nachfolgenden Analysen legten nahe, dass die meisten modernen Menschen ein bis vier Prozent Erbgut der archaischen Menschenform in ihrem Genom tragen. Nur einige Bevölkerungsgruppen in Afrika verfügen nicht über die Neandertaler-Gene. Dies fügt sich plausibel in ein mögliches Szenario der Frühgeschichte: Nach dem Verlassen seines Heimatkontinents Afrika traf der moderne Mensch irgendwann auf den Neandertaler und zeugte gemeinsame Nachkommen, die dann den Rest der Welt besiedelten.

Umstrittene Techtelmechtel

Doch die Kreuzungs-Theorie blieb nicht das einzig mögliche Erklärungsmodell für die genetischen Gemeinsamkeiten. Computermodelle von Anders Eriksson und Andrea Manica von der University of Cambridge hatten beispielsweise auf ein anderes Szenario hingedeutet. Demnach könnten die Frühmenschen, die sich in Europa und Asien zum Neandertaler entwickelten, ursprünglich aus einer Population im nördlichen Afrika stammen, von der Teile ausgewandert waren. Danach entwickelte sich dann aus den verbliebenen Resten der Population auf dem Schwarzen Kontinent der moderne Mensch, parallel zum Neandertaler in Europa. In diesem Fall müsste der im Entstehen begriffene Homo sapiens im Norden Afrikas dem Neandertaler genetisch ähnlicher gewesen sein als seine Artgenossen auf dem Rest des Kontinents. In diesem Szenario nahm Homo sapiens also sein gemeinsames Erbe mit dem Neandertaler mit, als er sich vom Norden Afrikas aus aufmachte, die Welt zu besiedeln.

Eher doch ein bisschen Neandertaler

Die aktuellen Erbgutanalysen von Sankararaman und Reich passen jedoch nicht zu dieser Modellvariante: ihren Untersuchungen zufolge gibt es genetische Hinweise im Erbgut des modernen Menschen, die darauf hindeuten, dass es sich bei der neandertalertypischen DNA um das Resultat einer Einkreuzung handelt. Die Eigenschaften der genetischen Spuren lassen sogar Rückschlüsse darauf zu, wann der Erbgut-Austausch stattgefunden hat. Die Forscher geben dafür ein Zeitfenster von vor 47.000 bis 65.000 Jahren an. Das passt perfekt zu dem Szenario, dass der moderne Mensch kurz nach dem Verlassen Afrikas auf seinen entfernten Vetter traf und mit ihm Nachkommen zeugte, aus denen dann die Pioniere der Menschheitsgeschichte hervorgingen.

Sriram Sankararaman et al.: PLoS Genet, doi:10.1371/journal.pgen.1002947

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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Richard Dawkins ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Wissenschaft, der sich selbst als "militanten Atheisten" bezeichnet. In seiner Autobiografie lässt er sein Leben Revue passieren - geistreich und kurzweilig, aber bisweilen auch ausschweifend und redundant.

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