Wie der Mensch die Evolution verdreht

 Aus sozioökonomischer Sicht sind Kleinfamilien im Trend. Foto: S. Hofschläger/ pixelio.de
Aus sozioökonomischer Sicht sind Kleinfamilien im Trend. Foto: S. Hofschläger/ pixelio.de
In den meisten Industrienationen stagniert die Zahl der Einwohner, in einigen Ländern schrumpft sie sogar. Ein englisch-schwedisches Forscherteam hat nun herausgefunden, warum das so ist: Eine niedrigere Geburtenrate schafft bessere sozioökonomische Voraussetzungen für Kinder, Enkel und Urenkel.
Für Evolutionsbiologen bemisst sich der evolutionäre Erfolg unter anderem an der Zahl der Nachkommen. Demnach müsste es mit der Menschheit seit der Industrialisierung bergab gehen ? denn seither sinken die Geburtenzahlen deutlich.

Wissenschaftler um Anna Goodman von der London School of Hygiene and Tropical Medicine haben die Probe aufs Exempel gemacht und die Lebensbedingungen von 14.000 Schweden untersucht, die zwischen 1915 und 1929 geboren wurden ? sowie die ihrer Kinder, Enkel und Urenkel. Für alle vier Generationen ermittelten die Forscher anhand von Schulnoten, Ausbildungsniveau und durchschnittlichem Einkommen im Erwachsenenalter den sozioökonomischen Status. Diese Daten verglichen sie mit dem evolutionären Erfolg, also der Überlebensrate bis zum Erwachsenenalter, einer Heirat vor dem 40. Lebensjahr sowie der Fruchtbarkeit in Form der Zahl der Nachkommen bis einschließlich 2009.

?Im Rahmen der natürlichen Selektion würde man erwarten, dass ein Organismus seine Ressourcen nutzt, um möglichst viele Nachkommen zu zeugen?, sagt Anna Goodman über die erwartenden Ergebnisse, laut denen die Familien mit zunehmendem Wohlstand langfristig wieder größer werden müssten.

Doch die Ergebnisse der Studie ergeben ein anderes Bild: Sowohl Männer, als auch Frauen mit weniger Nachkommen hatten bessere Schulnoten, eher Zugang zu einer Universität und ein höheres Einkommen. Dieser Trend setzte sich in den drei folgenden Generationen fort ? ohne dass Kinder, Enkel oder Urenkel wieder mehr Nachkommen bekamen. ?Eine Erklärung dafür könnte ein Wandel von Quantität hin zu Qualitäts bezogen auf sozioökonomische Faktoren sein?, mutmaßt Goodman. Im Klartext: Nicht mehr, sondern weniger Kinder bedeuten mehr Wohlstand, und das über mindestens drei weitere Generationen hinweg.

?Eines der interessantesten Ergebnisse unserer Studie ist der immer weiter wachsende Wohlstand kleiner Familien. Umgedreht haben ärmere Haushalte kaum einen Vorteil, wenn sie weniger Kinder in die Welt setzen. Vermutlich weil ihr Erfolg viel stärker vom sozialen Umfeld als von der Unterstützung der Eltern abhängt?, sagt Studienleiter David Lawson vom University College London.

Unterschiede in der Familiengröße können demnach langfristige Auswirkungen auf das soziale Gefälle einer Gesellschaft haben ? und das selbst in einem Land wie Schweden, in dem die sozialen Unterschiede vergleichsweise gering sind. Aus diesem Grund fordern die Wissenschaftler verstärkt Bestrebungen, Kinder ? unabhängig ihrer familiären Herkunft ? zu fördern.
Anna Goodman (London School of Hygiene and Tropical Medicine) et al.: Proceedings of the Royal Society, Biology Letters, doi: 10.1098/rspb.2012.1415

© wissenschaft.de ? Marion Martin


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