Virus überspringt bizarre Artgrenze

 Modell für die Rekombination und Übertragung von Equine Herpesvirus 1, einem von Zebras stammenden Virus, auf Eisbären. Credit: IZW/Zoo Wuppertal
Modell für die Rekombination und Übertragung von Equine Herpesvirus 1, einem von Zebras stammenden Virus, auf Eisbären. Credit: IZW/Zoo Wuppertal
Im Wuppertaler Zoo herrschte 2010 traurige Ratlosigkeit: Das Eisbärweibchen Jerka war an einer mysteriösen Gehirnentzündung gestorben, und ihr männlicher Artgenosse Lars war diesem Schicksal nur knapp entronnen. Lange rätselten die Zoo-Tierärzte, was die Erkrankung ausgelöst haben könnte. Nun hat ein internationales Forscherteam nachgewiesen, dass die Bären mit einem rekombinanten, von Zebras stammenden Virus infiziert waren, das offenbar die Artgrenze zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Tieren überspringen konnte.
Zoos beherbergen viele verschiedene Tierarten, die in freier Wildbahn nie aufeinandertreffen würden. Dass das zu unvorhergesehenen Übertragungen von Krankheitserregern führen könnte, galt bisher nicht unbedingt als Gefahr.. Denn normalerweise sind Krankheitserreger an einen bestimmten Wirt angepasst, nur wenige können Artgrenzen überwinden. Bei nahen Verwandten, wie Maus und Ratte oder Mensch und Menschenaffen kommt das noch vergleichsweise häufig vor. Die aktuelle Studie zeigt nun allerdings, dass einige Viren offenbar auch enorme Sprungkraft entwickeln können und Tiere infizieren, die viele Millionen Jahre der Evolution trennen.

"Als wir mit den Untersuchungen begannen, gab es eine schier endlose Liste von Erregern, die Jerkas Tod verursacht haben könnten", berichtet Studienleiter Alex Greenwood vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Durch aufwendige Untersuchungen von Jerka, Lars und neun weiteren Eisbären konnte die Forscher jedoch schließlich ein Herpesvirus als Ursache identifizieren. Es handelte sich dabei allerdings um eine Form, die bislang nur von Infektionen bei Zebras bekannt war.

Die Analyse der genetischen Sequenz des Virus offenbarte, dass es sich bei dem Erreger um eine Kombination des Erbgutes zweier verschiedener Viren handelt, die beide Zebras infizieren. Rekombination ist bei Herpesviren zwar nicht ungewöhnlich, aber offenbar war in diesem Fall eine genetische Kombination entstanden, die bereits als Ursache für neurologische Erkrankungen vor allem bei Pferden bekannt ist. Ob sich das Virus erst kürzlich in den Zebras im Zoo oder bereits vor langer Zeit in Afrika entwickelt hat und ob das Rekombinationsereignis für die zwischenartliche Sprungkraft verantwortlich ist, bleibt unklar.

Es ist ebenfalls unbekannt, wie sich die Eisbären infiziert haben. Eisbären und Zebras werden im Wuppertaler Zoo von verschiedenen Tierpflegern betreut, und ihre Gehege befinden sich etwa 70 Meter voneinander entfernt. Eine Möglichkeit, die die Autoren der Studie derzeit erforschen, ist die Übertragung der Viren durch freilebenden infizierte Mäuse oder Ratten. "Diese Viren können vielleicht viele Artgrenzen überwinden ? genau genommen wissen wir nicht einmal, ob sie überhaupt Artgrenzen haben?, sagt Klaus Osterrieder von der Freien Universität Berlin. Bei manchen Arten könnte die Infektion vielleicht ohne Krankheitssymptome ablaufen. Im Zoo Wuppertal ist man nun wenigstens gewarnt: "Wir werden unsere Tiere regelmäßig auf das Virus testen. Jetzt, da wir mehr darüber wissen, sind wir besser vorbereitet und können bereits im Vorfeld aktiv werden", sagt Arne Lawrenz vom Zoo Wuppertal.
Alex Greenwood (Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung) et al.: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2012.07.035

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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