Zwei Laster auf einen Streich

Der Wirkstoff Vareniclin, der das Verlangen nach Zigaretten verringert, hat offenbar einen willkommenen Nebeneffekt: Er reduziert den Alkoholkonsum. Das haben US-Forscher nun durch Versuche mit Freiwilligen belegt. Das Mittel, das in Europa unter dem Medikamentennamen Champix erhältlich ist, erzeugt den Ergebnissen zufolge bei Alkoholkonsum unangenehme Empfindungen, die den Genusseffekt zunichte machen.
Den Anlass zu der Studie hatten Erfahrungsberichte von Patienten geliefert, die Vareniclin benutzten, um mit dem Rauchen aufzuhören: Viele stellten fest, dass auch ihr Verlangen nach Alkohol zurückgegangen war. Diesem Zusammenhang wollten Emma Childs von der University of Chicago und ihre Kollegen mit ihrer Untersuchung gezielt nachgehen. In Bezug auf Tabakkonsum war bereits bekannt, dass Vareniclin das Genuss- und Belohnungsgefühl mindert: Der Wirkstoff blockiert den Wirkmechanismus des Nikotins im Nervensystem.

Die Studie umfasste 15 Teilnehmer, die bei den Untersuchungen entweder zwei Milligramm Vareniclin oder ein wirkstoffreies Scheinmedikament ? ein Placebo ? bekamen. Drei Stunden nach der Einnahme erhielten die Probanden Test-Getränke: an einem Versuchstag mit einer Dosis von 0,4 Gramm Alkohol pro Kilogramm Körpergewicht, an einem anderen mit 0,8 Gramm pro Kilogramm und zur Kontrolle auch mal alkoholfreie Getränke ? jeweils ohne dass die Teilnehmer wussten, wie viel Alkohol sie zu sich nahmen. Nach dem Getränkekonsum befragten die Forscher sie nun nach ihrem persönlichen Befinden, nach negativen oder positiven Effekten des ?Trinkens?. Darüber hinaus erfassten Emma Childs und ihre Kollegen bei den Probanden die Leistung bei Aufmerksamkeitstests vor und nach der Medikamentengabe und dem Test-Trinken.

Der Spaß am Trinken schwindet

Im Vergleich zu Versuchssitzungen, bei denen sie nur ein Placebo erhalten hatten, berichteten die Probanden nach der Einnahme von Vareniclin verstärkt über ein unangenehmes Gesamtbefinden nach dem Konsum der alkoholischen Getränke. Den Beschreibungen der Studienteilnehmer zufolge empfanden sie auch deutlich geringere Genusseffekte durch den Alkohol. Die Aufmerksamkeitstests dokumentierten zudem, dass auch die objektiv messbare Trunkenheit durch die Einnahme des Medikaments verringert war. Als Nebenwirkung von Vareniclin stellten die Forscher durch begleitende Untersuchungen eine etwas gesteigerte Herzfrequenz und Blutdruck fest.

In weiteren Untersuchungen wollen die Forscher nun herausfinden, welche Wirkungen auf das Nervensystem hinter dem Effekt von Vareniclin bei Alkoholkonsum stecken. "Unsere Ergebnisse bestätigen die Berichte von reduzierter Lust auf Alkohol von Personen, die Vareniclin gegen ihre Nikotinsucht einnehmen", resümiert Childs. Einige Menschen neigen dazu, nach dem ersten Glas immer mehr zu trinken, weil es ihnen ein angenehmes Gefühl verschafft. Manche verlieren dann die Kontrolle und versumpfen im ?Suff?, auch wenn sie das eigentlich vermeiden wollten. Den Ergebnissen zufolge könnte sich die Einnahme von Vareniclin diesem Effekt entgegenstemmen, indem es den zweifelhaften Spaß-Faktor begrenzt. Die doppelte Wirksamkeit der Substanz ist dabei eine besonders günstige Eigenschaft, sagen die Forscher, denn Rauchen und Trinken gehen oft Hand in Hand.
Emma Childs (University of Chicago) et al.: Alcoholism: Clinical and Experimental Research, doi: 10.1111/j.1530-0277.2011.01675.x

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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Richard Dawkins ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Wissenschaft, der sich selbst als "militanten Atheisten" bezeichnet. In seiner Autobiografie lässt er sein Leben Revue passieren - geistreich und kurzweilig, aber bisweilen auch ausschweifend und redundant.

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