Klimawandel lässt Eiskappen kalt

Die Eismassen von Gletschern und Eiskappen auf hohen Gebirgen haben zwischen 2003 und 2010 deutlich weniger drastisch abgenommen, als viele Wissenschaftler befürchtet hatten. Auf der Grundlage umfangreicher Satelliten-Daten haben US-amerikanische Forscher das Ausmaß der Schmelze neu berechnet ? und überraschende Zahlen geliefert.
Wie viel Gletschereis jedes Jahr infolge der Klimaerwärmung verloren geht, konnte man bisher nur schätzen ? anhand von Vor-Ort-Messungen auf einem kleinen Teil der weltweit etwa 160.000 Gletscher der Erde. Dass die Schätzungen wohl zu pessimistisch waren, zeigt nun die Auswertung von Daten, die das Satelliten-Paar ?Grace? gesammelt hat. Grace misst das globale Schwerefeld und macht es damit möglich, jeden Monat die Masse größerer Gebiete der Erde zu berechnen. Diese Messdaten haben Wissenschaftler der Universität von Colorado in Boulder genutzt, um erstmals die Daten aller eisbedeckten Gebiete über einen Zeitraum von acht Jahren auszuwerten. Ausgenommen von der Studie wurden der inzwischen gut untersuchte Eisschild auf Grönland und die Antarktis.

Das überraschende Ergebnis: Die Gletscher und Eiskappen haben etwa 30 Prozent weniger Masse eingebüßt, als frühere Schätzungen ergeben hatten. Konkret bedeutet das Ergebnis, dass jährlich rund 74 Gigatonnen weniger Wasser ins Meer gelangt sind. Daher muss auch der Beitrag von Schmelzwasser zum Anstieg des Meeresspiegels nach unten korrigiert werden.

Stutzig machten vor allem die Ergebnisse zu den Hochgebirgen Asiens wie dem Himalaya, Pamir und Tibet. Bislang hatten die Geowissenschaftler geglaubt, dass dort jährlich etwa 50 Gigatonnen Eis verloren gehen. Doch auf Grundlage der Grace-Daten konnten die Forscher aus Colorado keine signifikante Veränderung feststellen. Die Entdeckung war so erstaunlich, dass die Forscher zunächst überprüften, ob nicht tektonische Veränderungen der Landmasse für eine falsche Interpretation der Daten gesorgt hatten. Doch die Messwerte hielten dem Test stand: Die Gebiete der asiatischen Hochgebirge waren tektonisch in den letzten Jahren sogar ungewöhnlich stabil.

Zwar sind acht Jahre ein recht kurzer Zeitraum für die Betrachtung globaler Prozesse, wie Jonathan Bamber, ein britischer Glaziologe der Universität von Bristol, in einem Kommentar zu der Studie im Fachmagazin ?Nature? anmerkt. Auch gäbe es in vielen Gebieten von Jahr zu Jahr große Schwankungen. Mit den Ergebnissen der neuen Studie werde es aber dennoch möglich sein, den künftigen Anstieg des Meeresspiegels präziser vorauszusagen.
Thomas Jacob (University of Colorado, Boulder) et al.: Nature, doi: 10.1038/nature10847

Jonathan Bamber (University of Bristol, Bristol): Nature, doi: 10.1038/nature10948

© wissenschaft.de - Maria Bongartz


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